Kurzurlaub in Brandenburg : Ein Flair von Mittelmeer in der Havel

Kopfsteinpflaster und zweierlei Gelati: Die malerische Insel Werder erreichen Berliner mit einem ABC-Ticket der BVG.

Wer über die Brücke läuft, wird mit diesem Blick empfangen. Der Dampfer schippert um die Insel herum.
Wer über die Brücke läuft, wird mit diesem Blick empfangen. Der Dampfer schippert um die Insel herum.Foto: TBM-Fotoarchiv/Steffen Lehmann

Urlaub? Wozu Urlaub? Sie lebt doch in Werder. Wenn Gabi Zimmermann nach Verreisen ist, dann läuft sie fünf Minuten zur Havel runter und kehrt beim Griechen oder Italiener ein. Da spielt sie Tourist in der eigenen Stadt, spitzt die Ohren und hört zu, was die Sachsen und die Holländer sich so zu erzählen haben. „Das ist ein Gefühl wie an der Ostsee.“ Manchmal setzt die Musikschulleiterin sich auch auf den Dampfer nach Potsdam, allein, ihr Mann hat zu so was keine Geduld. Genießt die Fahrt, liest ein bisschen, guckt ein bisschen, und läuft später mit dem Eis in der Hand auf der Insel herum.

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Urlaub! Fast hat man vergessen, dass es so was geben könnte. Hier überkommt einen das Gefühl sofort. Die Anreise aus Berlin erfolgt per Express: Nur eine halbe Stunde mit dem Zug vom Zoo, fast die ganze Fahrt durchs Grüne, dann setzt man sich kurz in den Bus, bis zur Post – wer ein AB-Ticket der BVG besitzt, zahlt nur 1,70 Euro für die ganze Reise. Dann läuft man Unter den Linden runter, auch wenn die Straße nicht ganz so edel ist, wie sie klingt, lässt den Bootsverleih erst mal links von der Brücke liegen, den kleinen Dampfer rechts davon, um die Altstadt – und damit eine andere Welt zu betreten.

Gleich, glaubt man, tritt Goethe aus der Tür

Ein Flair von Mittelmeer durchweht die Insel. Was nicht nur an den Temperaturen liegt, die immer etwas höher sind als in der Umgebung, weswegen das Obst und der Wein hier ja auch so gut gedeihen. Die Farben der historischen Häuser, die ältesten aus dem 18. Jahrhundert, strahlen etwas Warmes aus: Zartgrün, Altrosa, gedecktes Orange, die Fensterläden immer im passenden Ton, jedes dezent verziert mit Segelschiff, Hummer oder Fisch.

An einem besonders schönen, langgestreckten Gebäude mit Bilderbuchgarten, neben dem Friedhof gelegen, klettern Rosen die Fassaden hoch. Gleich, glaubt man, tritt Goethe aus der Tür. Das kann aber gar nicht sein. Denn Werder ist nicht das Städtchen des Dichterfürsten, sondern das von Hans Christian Morgenstern. Auf der Bismarckhöhe, dem Galgenberg, hat er um 1900 herum seinen Freunden seine berühmten Galgenlieder vorgetragen, Nonsensverse wie jene über den Lattenzaun: „Es war einmal ein Lattenzaun,/mit Zwischenraum, hindurchzuschaun ...“. Ein kleines Museum mit seltenen Öffnungszeiten erinnert an den Dichter, oben auf der Bismarckhöhe, von wo man einen herrlichen Blick auf die Insel, die große Schadow’sche Heilig-Geist-Kirche und die Havel hat. Wobei das struppige Gelände und die Gebäude dort oben wahrscheinlich idyllischer waren zu des Dichters Lebzeiten.

Die Leichtigkeit des Sommers fühlt man unter der Linde vor dem Duval.
Die Leichtigkeit des Sommers fühlt man unter der Linde vor dem Duval.Foto: Ulf Lippitz

Unten ist es lauschiger, da läuft man am Schilf entlang, erwischt, mit etwas Glück, ein Plätzchen auf der versteckten Bank am kleinen Anleger zur breiten Flussseite hin. Werder, das bedeutet „vom Wasser umflossenes Land“. Die Trauerweide bewegt sich im Wind, die Enten lassen sich von den Wellen schaukeln. So entspannt man sich im Staatlich Anerkannten Erholungsort, ganz unspektakulär.

Die Fahrt mit dem Dampfer sollte man sich nicht entgehen lassen. Anderthalb Stunden tuckert die MS Bismarckhöhe gemütlich um die Insel herum, zieht an den Schwänen und dem Naturschutzgebiet vorbei. Mit angenehmer, leiser Stimme – kein Vergleich mit den Krakeelern in Berlin – erzählt der Werderaner im Fischerhemd von den Häusern der Obstbauern, der Akustik der Kirche (fabelhaft), den hohen Schornsteinen, die aus der Zeit der Saft- und Marmeladefabrikation auf der Insel stehen geblieben sind. Man erfährt was über den BER von Werder – ein Schwimmbad als Millionengrab – und die große Neubausiedlung Havelauen, die durch den Bahnübergang von der Stadt abgeschnitten ist. Die Hälfte der Zeit, und das ist wohl wörtlich zu nehmen, ist die Schranke unten. – Dann wieder Schweigen und Genießen auf dem Boot.

Kein Sommerurlaub ohne Eis, das gibt’s gleich an der Anlegestelle. Schwer zu entscheiden, welches besser ist, Haselnuss von Dolci e Gelati, oder Kaffeeeis von Isola Bella gegenüber. Am besten beides.

Von Italien liegt Frankreich nur ein paar Schritte entfernt. Aber die haben’s in sich: Auf dem Kopfsteinpflaster von Werder läuft es sich schlecht auf dünnen Sohlen. Festes Schuhwerk empfiehlt sich. Radfahrer werden durchgerüttelt.

Kleingärtner versorgen die Küche mit Kräutern

Man kommt um die Ecke – und glaubt tatsächlich einen Moment lang, auf einem Dorfplatz in der Provence gelandet zu sein: An kleinen Bistrotischen sitzen die Gäste unter dem ausladenden Lindenbaum, trinken auf der kleinen Veranda ihren Kir, knabbern Oliven und Walnussbrot. Ein paar Stufen führen zum alten Kolonialwarenladen im spitzen Eckhaus hoch. Im Duval duftet es nach Quiche, zum Kaffee gibt’s New York Cheesecake, zum Abendessen Coq au Vin. Die Hühnchen stammen vom Biohof Werder, der auch die Büffelwurst und die Eier liefert. Kleingärtner versorgen die Küche mit Kräutern und Quitten, Edeka bringt das Biogemüse – die Inhaberin wohnt gegenüber –, „zwei tolle Fischer“ den Hecht.

Vor drei Jahren sind Stefan Fichtner und Franziska Petri mit ihrer Tochter auf die Insel gezogen, sie wollten raus aus Berlin, näher an die Natur. Das Duval hat ihnen gleich gefallen, anfangs haben der Filmwissenschaftler und die Schauspielerin beim französischen Weinhändler mitgetan, Freunde machten ein Café Bistro daraus, seit letztem Sommer betreiben die beiden es allein. Sie haben ein urbanes Dorfgasthaus daraus gemacht, in dem sich alle treffen. Sie grüßen nach links, winken nach rechts, man kennt sich, versteht sich. Es war, sagen sie, eine Umstellung von Prenzlauer Berg, sich auf die Vielfalt der Meinungen einzulassen, sich zwischendurch zu fragen, wie tolerant man wirklich ist. Die Antwort scheint positiv ausgefallen zu sein.

Im Gastraum gibt’s auch Konzerte. Wenn nicht gerade Corona ist. In der Zeit haben sie angefangen, das Duval auch als Tante-Emma-Laden zu führen, der auf der Insel fehlt, Käse, Wurst und Brot zu verkaufen. Ein paar kleine Lädchen mehr im Ort würden ihnen gefallen. Ansonsten schwärmt das aparte Paar vom kurzen Arbeitsweg – zwei Minuten –, davon, dass sie im Sommer schnell noch mal ins Wasser springen bevor sie das Lokal öffnen.

Die Altstadt ist kein Museum. Ja, es gibt Hotels und Ferienwohnungen, aber alles fügt sich harmonisch ein, innerlich wie äußerlich, ganz ohne Billigausflugsnepp. Auf der Insel leben richtige Werderaner, da findet man Handwerksbetriebe, eine kleine Bäckerei, eine Laubenkolonie, ein Architekturbüro – auch Autos.

Die Baumblüte, wie sie wieder werden soll: familiär, mit Einkehr in den Obstgärten.
Die Baumblüte, wie sie wieder werden soll: familiär, mit Einkehr in den Obstgärten.Foto: Enrico Bellin

Und ein edles Lokal. Am Abend Einkehr in der Alten Überfahrt. Nach Monaten des Darbens in punkto Restaurantbesuch, was zumindest Geld gespart hat, darf man sich was gönnen. Es lohnt sich. Die milde, karamellisierte Tropea-Zwiebel in der Bergkäse-Sauce ist der Hit, die Ravioli Carbonara erinnern an kleine Bonbons, aus denen Eiersahne quillt, das Wildschwein-Confit ist butterzart.

Die Fenster sind so groß, dass man, mit Blick auf Havel und Bäume, fast draußen sitzt, was man bei gutem Wetter auch kann. Man lehnt sich zurück in die grünen Polster, die Einrichtung, modern und bequem, ist so geschmackvoll wie das Essen, die Atmosphäre entspannt, der junge Chef bedient persönlich.

Schräg gegenüber liegt ein freundliches Boutique-Hotel, wo man sich ins Bett fallen lassen kann, mit Blick auf rote oder blaue Wände. Das grün bewachsene Häuschen wird mit neuem Management und unter neuem Namen, „ Mein Werder“, betrieben, zum Frühstück gibt’s knusprige Brötchen und bald, wenn das Restaurant Mitte Juni eröffnet, brandenburgische Tapas auf dem Markt, mit Blick auf die Friedenseiche.

Glindow und seine Alpen!

Die Insel ist nur das Herzstück des Städtchens, das im Laufe der Jahrzehnte immer weiter gewachsen ist und gerade wegen seiner guten Anbindung boomt. Ortsteile, die klingen, als hätte Fontane sie erfunden, Plötzin und Töplitz zum Beispiel kamen dazu, das malerische Petzow mit Schloss und Schinkelkirche, schließlich Glindow mit seinen Alpen.

Der Naturlehrpfad biegt von der Alpenstraße ab, zur Linken Birkenwald, zur Rechten meckernde Schafe, wo es lang geht, ist etwas undurchsichtig, man läuft durch garantiert nicht-alpinen märkischen Sand zwischen zugewachsenen Schluchten her, immer bergauf gen Belvedere. Aber statt der ersehnten Aussicht kommt man an einem Feldweg mit unmalerischen Häusern heraus, und das Belvedere ist plötzlich doppelt so weit entfernt wie am Start. Selber Schuld. Beim Fremdenverkehrsamt gibt’s Wanderkarten.

Der Frühstücksraum im Hotel Mein Werder.
Der Frühstücksraum im Hotel Mein Werder.Foto: promo

Wem es am Wochenende auf der Insel tagsüber zu voll wird, der hat viele Möglichkeiten zu entfliehen. Die Werderaner selbst gehen zum Schwimmen gern an den Großen Plessower See – eindeutig sauberer als die Havel. Den kann man auch umwandern.

Oder man radelt den Panoramaweg, der durch die Obstgärten führt, steigt auf den Wachtelberg und genießt Müller-Thurgau mit Aussicht.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof, an der Eisenbahnstraße 158, kann man noch ein besonderes Mitbringsel erstehen: Eier von garantiert glücklichen Hühnern des Biohofs. Dessen Wasserbüffel grasen auf den Weiden in Plessow und im Naturschutzgebiet Wolfsbruch.

An der Eisenbahnstraße liegt auch das alte Lichtspielhaus von 1940, das sich jetzt Kulturpalast nennt – und die Kulturgarage Werder. Alle coronabedingt geschlossen. Aber Gabi und Julia Zimmermann lassen sich davon die gute Laune nicht verderben. Mutter und Tochter, 61 und 33 Jahre alt, eine quirliger als die andere, sie lachen im Duett, haben, wie sie auf dem Hof ihrer Musikschule erzählen, dauernd neue Ideen. Die Garage als kleine Bühne zu betreiben – oder jetzt open Air Kultur zu machen.

Das Baumblütenfest macht Pause

Das berüchtigte Werderaner Baumblütenfest ist in diesem Jahr ausgefallen, was nicht allein an Corona lag. Die einst familiäre Frühlingsfeier, wo man von Obstgarten zu Obstgarten zog und selbstgebackenen Kuchen aß, war zu einem großen Rummel mit Besäufnis verkommen. Jetzt wird ein neues Konzept mit Bürgerbeteiligung entwickelt.

Für den 14. Juni hat die Theaterpädagogin Julia Zimmermann nun mit dem Verein Theaterland die „Kunstblüten“ entwickelt, einen „kreativen Stadtspaziergang“. Gabi Zimmermann spielt dann in ihrem Hof Klavier, auch andere werden ihre Fenster und Türen öffnen, um etwas vorzutragen, ein Gedicht, einen Monolog, Tanz oder Musik. „Alles ist möglich“, es darf nur nicht länger als acht Minuten dauern. Theater mit Abstand. Werder blüht.

REISETIPPS FÜR WERDER

HINKOMMEN
Mit dem Regionalexpress aus Berlin. Kostet nur eine ABC-Karte der BVG.

UNTERKOMMEN

Mein Werder, Am Markt 7/Baderstraße 19, Doppelzimmer mit Frühstück ab 85 Euro. meinwerder-hotel.de

RUMKOMMEN
Duval, Michaelisstraße 17/18,

aktuelle Öffnungszeiten über die Website:

duval-werder.de.

MS Bismarckhöhe, Reederei Bernd Kuhl,

schifffahrt-ab-werder.de.

Bootsverleih Krüger & Till, Unter den Linden 17

wassersport-werder.de

Kunstblüten – Theater mit Abstand, 14.6., tulipatheater.de.

reiseland-brandenburg.de.

werder-havel.de/tourismus.

Die Reise wurde unterstützt von Mein Werder.