„Anne Will“ zum Coronavirus : „Wir haben eine Minute vor Zwölf“

Eine weitere Stunde der Virologen, Stille im Studio, ein omnipräsenter Ministerpräsident und die Frage aller Fragen – der Coronavirus-Talk bei „Anne Will“.

Was tun gegen das Coronavirus? Anne Will und ihre Gäste diskutieren.
Was tun gegen das Coronavirus? Anne Will und ihre Gäste diskutieren.Foto: Screenshot von https://daserste.ndr.de/annewill/index.html

Selten haben es Talkshow-Redaktionen mit der Themensuche so einfach wie in diesen Tagen: "Die Corona-Krise – wie drastisch müssen die Maßnahmen werden?" hieß denn auch das Thema bei "Anne Will" am Sonntagabend im Ersten.

Inhaltlich eine Fortsetzung aus der vergangenen Woche, nur die Gäste waren neu, und das Studio war leer.

So rasant geht das mit dem Virus. Wo vor acht Tagen nach der Berechtigung der Corona-Angst gefragt wurde, ging es jetzt um die Angemessenheit der drastischen Maßnahmen, die Schließung von Kultureinrichtungen, Schulen, Kitas, Sportbetrieb und Ländergrenzen.

Mehrere Staaten haben ihre Einreisebedingungen massiv verschärft. Die Mehrheit der Bundesländer schließt Schulen und Kitas, die Fußball-Bundesliga stellt ihren Spielbetrieb ein. Kanzlerin Merkel ruft dazu auf, Sozialkontakte möglichst zu vermeiden.

Laschet sieht keine Versäumnisse

Dagegen, gegen Merkel, konnten die beiden Vertreter der Regierungskoalition bei "Anne Will" naturgemäß wenig anreden. "Wir haben das alles sehr sorgfältig diskutiert", sagte Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) mit dem Verweis auf die parallelen Maßnahmen anderer Länder wie Frankreich.

Es könnten auch noch weitere, schärfere Maßnahmen erfolgen wie in Spanien, wo es quasi Ausgangssperren gibt. Man treffe jeden Tag Entscheidungen, von denen man nicht weiß, ob sie exakt die richtigen sind. Aber, keine Sorge, die Supermärkte blieben auf.

Ähnlich Armin Laschet, der omnipräsent wirkende CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der zum Thema bereits am Nachmittag in Köln neben Jessy Wellmer und BVB-Chef Watzke in der "Sportschau" diskutierte, um dann rasch in den Flieger nach Berlin zu steigen.

Laschet ließ sich von Anne Will keine Vorwürfe über etwaig Versäumtes machen. Wissenschaft sei angehört und angemessen entschieden wurden. Man muss schon sagen: Es gibt wenige Politiker, denen man das mehr glauben würde als dem CDU-Chef in spé. Dem lässt man auch durchgehen, dass NRW offenbar auf geheimsten Wege an Unmengen von Schutzmasken gelangt ist.

Virologe Kekulé spricht von verschlafener Zeit

Dennoch: Geschah in der vergangenen Woche, den vergangenen Wochen das Richtige, zur rechten Zeit? Dazu natürlich wieder die Talk-Stunde der Virologen, ähnlich wie die Woche zuvor bei "Anne Will" und bei "Maybrit Illner". Nein, diesmal nicht mit Christian Drosten. Auch der Charité-Experte, Stichwort Omnipräsenz, kann nicht in jeder Talkshow auftauchen, erklären und beruhigen. Hier übernahm Alexander Kekulé, Virologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Mit sehr deutlicher Kritik.

"Wir haben wahnsinnig viel Zeit verschlafen." Zu späte Einreisekontrollen, zu späte Schließung von Kitas und Schulen, zu später Shutdown. Es sei eine Minute vor Zwölf. Kein gutes Zeugnis für die anwesenden Politiker (die genau dies, Ausgangssperren, vielleicht in den nächsten Tagen in die Tat umsetzen werden).

Etwas bessere Noten vergab Claudia Spies, Intensivmedizinerin am Berliner CharitéCentrums für Anästhesie. "Wir können mit diesen Maßnahmen erst in sechs bis zehn Tagen sagen, was es bringt." Bis dahin gilt: weiter gründlich Hände waschen.

Können Ausgangssperren helfen?

Das schützt auch nicht vor Einschränkungen in der Gastronomie. Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, zeigte sich "extrem besorgt" über die wirtschaftlichen Auswirkungen. Eine nachvollziehbare Position, der an dem Abend erst zum Ende hin länger hinterher gedacht wurde. Olaf Scholz saß daneben und kannte die Maßnahmen, Programme, Zahlen, mit denen die Regierung helfen will.

Hauptsächlich ging es ums Zuhausebleiben. Erschüttert von den Grenzschließungen in Europa zeigte sich Cerstin Gammelin, stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der "Süddeutschen Zeitung". Wenn denn so eine Maßnahme nötig sei, warum denn nicht gleich Ausgangssperren? Das ist die Frage aller Fragen. Bringt nichts, frische Luft und Abstand halten ist wichtig, sagte Kekulé. Und der ist Experte.

Am Montagabend geht's talkend weiter. Nach dem Thema bei "hart aber fair" müssen Plasbergs Redakteure nicht lange suchen.

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