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Die Freiheitsstatue war in den vergangenen Tagen wegen des Rauchs aus Kanada in New York nur schemenhaft zu erkennen.

© action press/ZUPR

Waldbrände in Nordamerika außer Kontrolle: „Wir treten ein ins Zeitalter des Feuers“

In Kanada wurde bislang eine Fläche von der Größe Berlins und Brandenburgs zerstört, die Folgen sind bis nach New York zu spüren. Fachleute sagen: Das ist erst der Anfang.

Giftige Rauchschwaden ziehen tausende Kilometer weit über Nordamerika. Die Regierungen in Ottawa und Washington warnen vor dem Einatmen der gesundheitsgefährdenden Luft und fordern die Menschen auf, in ihren Wohnungen zu bleiben. Aus Großstädten wie New York und Toronto posten die Bewohner Fotos der Skyline vor gelblich-grauem Himmel, die an postapokalyptische Filme wie „Blade Runner“ erinnern.

Solche bedrohlichen Szenarien wie jetzt durch die verheerenden Waldbrände in Kanada, deren Folgen aktuell mehr als hundert Millionen Menschen in Nordamerika betreffen, dürften in Zukunft im Zuge des Klimawandels mehr und mehr zum Alltag der Menschheit gehören. Da sind sich Fachleute in Nordamerika und Europa einig.

 Es wird immer mehr Waldbrände, größere verbrannte Flächen und umfangreichere Auswirkungen auf Gemeinschaften und Infrastruktur geben.

David L. Martell, Professor für Waldbrandschutz an der Universität Toronto

„Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte hat sowohl die Länge der Waldbrand-Saison als auch deren Ausmaß signifikant zugenommen“, sagt David L. Martell, Professor für Waldbrandschutz an der Universität Toronto, dem Tagesspiegel. Seine Prognose für die kommenden Jahre: „Immer mehr Waldbrände, größere verbrannte Flächen und umfangreichere Auswirkungen auf Gemeinschaften und Infrastruktur. “

Studien und Projektionen zeigen deutlich, dass das Risiko zunimmt – und zwar nicht linear, wir sehen eine richtige Eskalation.

Pierre L. Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde.

Zwar gehörten Feuer im waldreichen Kanada in gewissem Maß zur natürlichen Dynamik, sagt der Waldbrandexperte Pierre L. Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. „Studien und Projektionen zeigen aber deutlich, dass das Risiko zunimmt – und zwar nicht linear, wir sehen eine richtige Eskalation.“ Manche Wissenschaftler sähen das als den Beginn einer neuen Zeitrechnung: „Wir treten ein ins Zeitalter des Pyrozäns, also ins Zeitalter des Feuers.“

© AFP, NOAA HMS Rauchentwicklung von Satellitenbildern am 7. 6.2023 I Tsp/Rita Böttcher

Besonders betroffen sind derzeit der Osten Kanadas und der USA. Allein in der Provinz Québec zählen die Behörden derzeit mehr als 140 große Brandherde in den Wäldern, die außer Kontrolle geraten sind. Mehr als 11.000 Menschen mussten hier in den vergangenen Tagen ihre Häuser verlassen und wurden in Notunterkünften untergebracht, weil die Feuer zu nahe an mehrere Ortschaften herangekommen waren.

In Washington und anderen US-Metropolen war der Himmel auch am Donnerstag in Folge der kanadischen Waldbrände verfärbt.
In Washington und anderen US-Metropolen war der Himmel auch am Donnerstag in Folge der kanadischen Waldbrände verfärbt.

© Getty Images via AFP/ALEX WONG

Als Brandursachen sehen Fachleute eine Kombination aus sehr niedriger Luftfeuchtigkeit, fehlendem Regen, starkem Wind und zahlreichen Gewittern mit Blitzeinschlägen. Auch in Westkanada, vor allem in British Columbia und Alberta, brennt es weiterhin an zahlreichen Orten. Hier hatten im Mai die ersten massiven Waldbrände begonnen, bislang mussten hier rund 30.000 Menschen vorübergehend ihre Häuser verlassen.

Insgesamt melden die kanadischen Feuerwehren aktuell 362 Waldbrände, von denen man nur knapp die Hälfte unter Kontrolle habe. Mehrere Wohnhäuser und Bauernhöfe sind bislang den Flammen zum Opfer gefallen, Todesopfer gab es allerdings bislang nicht.

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Nach Angaben des Canadian Interagency Forest Fire Centres ist in den vergangenen Wochen eine Fläche von 37.000 Quadratkilometern abgebrannt – das ist bereits gut das Doppelte des 2022 durch Feuer zerstörten Bereichs und entspricht etwa der Ausdehnung Berlins und Brandenburgs.

Hunderte von amerikanischen Feuerwehrleuten sind vor kurzem in Kanada eingetroffen und weitere sind auf dem Weg.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau

Kanadas Premierminister Justin Trudeau verkündete am Mittwochabend, dass man jetzt auch Hilfe aus den USA bekomme: „Hunderte von amerikanischen Feuerwehrleuten sind vor kurzem in Kanada eingetroffen und weitere sind auf dem Weg“, schrieb er auf Twitter. Er habe gerade mit US-Präsident Joe Biden telefoniert und ihm für die Hilfe gedankt.

Hunderte Brände in Kanada sind derzeit außer Kontrolle, hier ein Luftbild aus der Provinz British Columbia.
Hunderte Brände in Kanada sind derzeit außer Kontrolle, hier ein Luftbild aus der Provinz British Columbia.

© REUTERS/B.C. WILDFIRE SERVICE

„Aufgrund des Klimawandels kommt es zu immer mehr Bränden“, schrieb der Regierungschef in einem weiteren Tweet. „Diese Brände beeinträchtigen den Alltag, das Leben und den Lebensunterhalt der Menschen und unsere Luftqualität.“ Er und seine Regierung werden weiter daran arbeiten, „den Klimawandel zu bekämpfen und seine Auswirkungen zu bewältigen“.

Neben mehr als 600 Feuerwehrleuten und Wasserbombern aus den USA sind inzwischen auch einige Hundert Helferinnen und Helfer aus Australien, Neuseeland und Südafrika in Kanada im Einsatz, weitere Unterstützung wird aus Europa erwartet.

In New York und Toronto riecht die Luft verbrannt

Wie verheerend die Feuer vor allem in Québec sind, zeigt sich auch an den Auswirkungen auf nordamerikanische Metropolenregionen wie Toronto, New York oder Washington, die rund 1000 Kilometer entfernt von den Brandherden liegen. In der US-Hauptstadt ging am Donnerstag über einem grau-verschleierten Himmel eine unheimlich leuchtende rote Sonne auf. Der Geruch nach Verbranntem war noch intensiver geworden, die Warnungen der Wetter-Apps klangen noch dramatischer als in den vergangenen Tagen.

Auch die ostkanadische Küstenprovinz Nova Scotia verzeichnet in diesem Jahr mehr Waldbrände als sonst, hier ein BIld vom 3. Juni.
Auch die ostkanadische Küstenprovinz Nova Scotia verzeichnet in diesem Jahr mehr Waldbrände als sonst, hier ein BIld vom 3. Juni.

© REUTERS/COMMUNICATIONS NOVA SCOTIA

Die Luftqualität wurde von den Wetterdiensten am Donnerstag erneut als ungesund bezeichnet, es galt ein „Code Red”. Die Menschen sollten ihre Zeit im Freien beschränken – und ihre N95-Masken aus der Corona-Zeit wieder herauskramen.

Noch dramatischer ist die Lage 350 Kilometer weiter nördlich. Ein orangefarbener Himmel hing am Mittwoch über New York, die Freiheitsstatue, die Brooklyn Bridge, ja die ganze Skyline Manhattans verschwand immer mehr in einem gelb-trüben Nebel.

Schon am frühen Nachmittag verdunkelte sich der Himmel. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, Flüge gestrichen, Broadway-Aufführungen abgesagt und Baseball-Spiele verschoben. New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul sprach von einer „Notstandskrise”, die noch eine ganze Weile anhalten könne.

An der amerikanischen Ostküste und Teilen des Mittleren Westens sind Millionen Menschen von den Rauchschwaden aus Kanada betroffen - sogar im Südstaat Alabama waren sie zu beobachten.

Auswirkungen bis nach Europa

Auch in Europa sind die Auswirkungen der Waldbrände zu spüren. Eine riesige Rauchwolke zieht seit Tagen von der amerikanischen Ostküste über den Atlantik in Richtung Skandinavien. Nach Angaben des norwegischen Instituts für Luft- und Atmosphärenforschung Nilu war die Wolke bereits am 1. Juni über Grönland und Island zu sehen, am Mittwoch erreichte sie Norwegen. Dadurch rieche es zunehmend leicht nach Rauch, sagt Nikolaos Evangeliou, leitender Forscher bei Nilu.

Die Konzentration der Rauchpartikel in der Luft sei aber zu gering, „um in Norwegen gesundheitsschädlich zu sein“. Auch im Nachbarland Schweden soll die Rauchwolke noch bis Ende der Woche als „leichter Dunst am Horizont“ zu sehen sein. Gefährlich soll es Nilu zufolge aber auch dort nicht für Menschen nicht werden.

Bereits nach den verheerenden Waldbränden in Kalifornien im Jahr 2020 wurden auf Spitzbergen in Norwegen erhöhte Konzentrationen von Rauchpartikeln in der Luft nachgewiesen. Rauchpartikel beeinflussen die Strahlungsbilanz in der Atmosphäre, indem sie sich unter anderem auf Eis- und Schneeflächen wie dem grönländischen Eisschild ablagern, erklärt das norwegische Klimainstitut. Die durch Rauchpartikel verdunkelte Oberfläche kann die Sonnenstrahlung besser absorbieren und trägt so zur Erwärmung der Atmosphäre bei.

Laut einem Bericht des UN-Umweltprogramms (UNEP) werden verheerende Waldbrände wie in jüngster Zeit auch in Australien und Kalifornien wegen des Klimawandels deutlich zunehmen. Durch die globale Erwärmung und die Veränderungen bei der Landnutzung könnte die Wahrscheinlichkeit katastrophaler Waldbrände sich global bis zur Jahrhundertwende um mehr als 50 Prozent erhöhen.

In der Wissenschaft ist es mittlerweile Konsens, dass Hitze die Gefahr von Waldbränden erhöht. Sie allein führt zwar nicht direkt zu Bränden. In den meisten Fällen sind menschliche Aktivitäten wie achtloses Wegwerfen von Zigaretten oder Brandstiftung für die Brände verantwortlich.

 Mit zunehmender Dauer der Trockenphasen nimmt selbstredend auch das Waldbrandrisiko zu.

Karsten Haustein, Institut für Meteorologie der Universität Leipzig

Doch die Klimakrise spielt insofern eine Rolle, da sie zu trockeneren Böden führt und somit die Brandgefahr erhöht. Hitze und Trockenheit fördern zudem die Ausbreitung von Waldbränden. „Diesen Zusammenhang kann man schon recht gut nachweisen, beispielsweise bei den großen Waldbränden in den vergangenen Jahren in Kalifornien“, so Jakob Zscheischler, Gruppenleiter der Abteilung Hydrosystemmodellierung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.

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Eine Studie ergab zudem, dass hohe Temperaturen sogar stärker mit Bränden korrelieren als Trockenheit. Die Waldbrandgefahr steigt demnach mit jedem Grad globaler Erwärmung weiter an.

„Feuerwetter besteht im Wesentlichen aus hohen Temperaturen, wenig Niederschlag und Wind“, sagt die Klimaforscherin Friederike Otto. Sie geht davon aus, dass die Waldbrandgefahr „allein durch den dramatischen Anstieg extremer Hitze“ deutlich gestiegen ist: „Und zwar fast überall.“ Im Mittelmeerraum zeige sich das besonders stark, da dort eine Abnahme des Niederschlags hinzukomme.

In Deutschland besteht vor allem in Ostdeutschland die Gefahr, dass die Sommer regenärmer werden: „Mit zunehmender Dauer der Trockenphasen nimmt selbstredend auch das Waldbrandrisiko zu“, so Karsten Haustein vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig.

In Deutschland treten jährlich durchschnittlich 1120 Waldbrände auf, die eine Fläche von etwa 780 Hektar zerstören. Die Waldbrandgefahr variiert je nach Region und Wetterbedingungen. Einige Gebiete, wie Brandenburg, sind aufgrund ihrer sandigen Böden und Kiefernwälder besonders gefährdet. Die anhaltende Trockenheit in diesem Jahr verschärft die Situation weiter, da die Böden austrocknen.

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