• Vom DJ-Battle bis zur Opernaufführung: Veranstaltungskalender „Berlin alive“ sammelt Kultur-Streaming-Angebote

Vom DJ-Battle bis zur Opernaufführung : Veranstaltungskalender „Berlin alive“ sammelt Kultur-Streaming-Angebote

Theater und Museen bleiben geschlossen, das Digitale wird wichtiger. Eine neue Plattform stellt gestreamte Kultur für Berlin im Veranstaltungskalender zusammen.

Der Berliner Club "Wilde Renate" war einer der ersten, der den Dancefloor ins Wohnzimmer brachte.
Der Berliner Club "Wilde Renate" war einer der ersten, der den Dancefloor ins Wohnzimmer brachte.Foto: AFP/John MacDougall

Die Kultur ruht? Von wegen. Immer mehr Künstler, Musiker und staatliche Institutionen suchen die digitale Öffentlichkeit, veranstalten Konzerte, Ausstellungsrundgänge oder Lesungen im Internet. Auch das Livestream-Angebot wird größer und unüberschaubarer. Wie bitte können Kulturschaffende ihr Publikum gezielter adressieren? Und wo bitte kann das Publikum nachgucken, was an diesem Abend geboten wird, vom DJ-Battle bis zur Opernaufführung, von der Vernissage bis zur Performance? Für Berlin seit dem Wochenende auf der Online-Plattform www.berlinalive.de

„Die Idee war in der Luft, sie trifft einen Nerv“, sagt Armin Berger von der Digitalagentur 3pc, die unter anderem für die Bundezentrale für Politische Bildung den Wahlomat präsentiert und Online-Auftritte für Häuser wie das Goethe-Institut, die Berlinische Galerie, das Jüdische Museum und lange auch für die Volksbühne gestaltet. Kultursenator Klaus Lederer war sofort angetan, als die Agentur sich vor gut acht Tagen an ihn wandte. Fünf Tage wurde an der Plattform gewerkelt, seit Sonntag ist sie offiziell freigeschaltet.

„Gerade in Zeiten erzwungenen ,Unter-sich-Seins‘ brauchen wir die Künste – und sei es digital“, wird Lederer nun auf der Website zitiert. Es geht um Sichtbarkeit, Auffindbarkeit, Bündelung – und einen möglichst niedrigschwelligen Zugang.

Es funktioniert in der Tat kinderleicht: Einfach das gewünschte Angebot anklicken und schon findet man den Stream bei Youtube, Facebook, Instagram oder wo immer das jeweilige Projekt online geht. Alleine bis Montag um 14 Uhr wurden bereits über 150 Veranstaltungen eingestellt, sortiert nach Tagen und Uhrzeit. Von Stunde zu Stunde werden es mehr.

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Für diesen Dienstag zum Beispiel im Angebot: ab 9 Uhr morgens das DJ-Set Cashmere Breakfast/ w Kaitlyn; ab 11.55 Uhr die "Chorona-Croniken", eine virtuelle Schreibwerkstatt für Jugendliche mit den Schriftstellerinnen Olga Grjasnowa, Anna Langhoff und Ayham Majid Agha; um 14.30 Uhr kann man sich zu Lutz Seilers RBB-Lesung seines neuen Romans „111“ rüberschalten.

Gegen Abend liest Uwe Ochsenknecht Gute-Nacht-Geschichten für Kinder (19 Uhr), zeitgleich bietet „Nature in the City“ Livemusik von der Singersongwriterin bis zum Indiefolk. Die Deutsche Oper ist ebenso dabei wie Igor Levits Twitter-Konzerte oder das Tanzforum mit einer Performance aus dem Tieranatomischen Theater, einer „Szenerie zwischen Manege, Karussell, Petrischale und Seziertisch“.

3pc-Betreiber Armin Berger: ein Experiment in einer Ausnahmesituation

Vorausgewählt wird ganz bewusst nicht bei berlinalive.de, zu dessen Unterstützern auch die Berliner Kulturprojekte GmbH, die Gema und das Musicboard Berlin gehören. Armin Berger nennt es ein großes Experiment in einer Ausnahmesituation: „Die Leute sollen nicht denken, was ich zu bieten habe, ist nicht gut genug, das Niedrigschwellige ist mir mit das Wichtigste. Lieber zu viel, lieber schräge Sachen, her damit. Die Plattform soll dafür sorgen, auch in dieser harten Zeit ein bisschen Spaß zu haben.“
Die eigene Wohnzimmer-Kultur, die freie Szene, die großen staatlichen Häuser, im Idealfall könnte hier alles cool nebeneinander stehen. Schon fragt man sich, warum bisher nicht mehr hochmögende Streaminganbieter wie der Pierre Boulez Saal oder die Staatsoper dabei sind. Die tun was, die sollen was tun: Gerade die staatlichen Kulturtempel sind ja nicht unmittelbar existenzbedroht …

Dancefloor, Podcast-Lesetipps: Alles ist möglich

Führt so viel Querbeet-Freiheit (natürlich im gesetzlichen Rahmen, Rassismus und Pornografie verbieten sich) nicht schnell zu Kraut-und-Rüben-Durcheinander? „Ein Stück Überraschung ist dabei“, meint Berger, „hier habt ihr ein Tool, hier könnt ihr euch sichtbar machen, macht was draus, das ist die ursprüngliche Idee. Wir wollen ja gerade nicht alle in passive Schockstarre verfallen“.

Ob Dancefloor rund um den Küchentisch, Podcast-Lesetipps der Mark-Twain-Bibliothek oder das Literaturfestival „viral“ am Mittwoch: berlinalive.de macht es leichter, sich täglich ein paar coronafreie Stunden zu organisieren.

SchlankeTechnik: Die Plattform ist bewusst einfach gestaltet

Auch Bergers Agentur am Kreuzberger Oranienplatz, in der normalerweise 75 Leute sitzen, arbeitet jetzt größtenteils aus dem Homeoffice. Die Plattform ist aber nicht deshalb bewusst einfach gestaltet, mit schlanker Technik, ohne großen Schnickschnack.

Entsprechend dem Versuchscharakter der Angebote versteht sich die Webseite selbst als work in progress - wohl nicht alles wird technisch gleich klappen. Aber wer etwas einstellen will, braucht nur einen kurzen „Event eintragen“-Bogen auszufüllen und bekommt per Mail einen Link, mit dessen Hilfe sich der eigene Auftritt jederzeit nachjustieren lässt. Auch Serien-Einträge für wiederkehrende Angebote sind möglich.

Ganz wichtig: Der Spenden-Button bei den Terminen zur gezielten Unterstützung des jeweiligen Projekts und der jeweiligen Künstler*innen. Kultur für alle, finanziert von allen: Auch das wird vielleicht eine der zahlreichen Initiativen, die bis in die Zeit nach der Krise Spuren hinterlässt.

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