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Die Kosten werden steigen, das extreme Ausmaß wird immer deutlicher.
© Stephan Jansen dpa

„Stürzt ärmere Haushalte in den Ruin“: Ab Oktober wird Gas noch einmal deutlich teurer

Bisher spüren die Deutschen die hohen Gaskosten kaum. Doch die Rechnung dürfte extrem teuer werden. Das zeigen immer mehr Berechnungen.

Das Ausmaß der Kostenexplosion bei den Gaspreisen für private Verbraucher wird immer deutlicher. Auf einen durchschnittlichen Haushalt mit vier Personen könnten bei der Gasrechnung Mehrkosten von mehreren tausend Euro im Jahr zukommen.

Bereits ab dem 1. Oktober soll für eineinhalb Jahre die neue Gasumlage gelten. Die Verordnung der Bundesregierung soll es Gasimporteuren ermöglichen, die stark gestiegenen Einkaufspreise wegen der Drosselung russischer Lieferungen, an alle Gasverbraucher weitergeben zu können.

Wie hoch die Mehrkosten für die Umlage sind, ist noch unklar. „Wir rechnen damit, dass es zwischen 1,5 bis 5 Cent pro Kilowattstunde sein wird“, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Donnerstag am Rande seiner Sommertour in Sachsen-Anhalt.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte in der vergangenen Woche von zwei Cent pro Kilowattstunde (kWh) gesprochen, was für eine vierköpfige Familie einer zusätzlichen Belastung von jährlich 200 bis 300 Euro entspräche.

Wie hoch die Umlage ist, kommt darauf an, wie sich die Gasmarktpreise und damit die Verluste für die Gasimporteure entwickeln. „Die bittere Nachricht ist, es sind sicherlich einige hundert Euro pro Haushalt“, sagte Habeck.

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Die Umlage ist jedoch nur ein Teil der Mehrkosten. Zusätzlich müssen Industriekunden und Privathaushalte die ohnehin gestiegenen Gaskosten stemmen. Nach Angaben des Portals „Check24“ würde ein Durchschnittshaushalt mit 20.000 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr bei Abschluss eines neuen Vertrages nun im Schnitt 3415 Euro im Jahr für Gas zahlen – dreimal so viel wie im Vergleich zum Vorjahr.

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„Bei einer Umlage von fünf Cent pro kWh kämen inklusive Mehrwertsteuer noch einmal Mehrkosten von 1190 Euro dazu“, heißt es auf Tagesspiegel-Anfrage von „Check24“. Der Durchschnittshaushalt würde dann 4605 Euro zahlen – ein Plus von 254 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Wann die Preissteigerungen bei den Haushalten ankommen, ist aufgrund der verschiedenen Verträge ganz unterschiedlich. Manche Haushalte müssen sie schon heute stemmen, bei anderen werden sie erst im nächstes Jahr weitergegeben.

Sozialverbände fordern „Kündigungsmoratorium“

Sozialverbände schlagen deshalb nun Alarm. „Mehrkosten in Höhe von mehreren hundert Euro für Gas stürzen ärmere Privathaushalte in den Ruin“, sagte Verena Bentele, Präsidentin des größte Sozialverbands Deutschlands VdK.

Schon jetzt wüssten Menschen mit kleinem Einkommen nicht, wie sie ihre Einkäufe zahlen sollen. „Deshalb muss das Wohngeld dringend eine Heizkostenpauschale enthalten“, sagte Bentele dem Tagesspiegel und forderte zudem ein „Kündigungsmoratorium“ von der Politik. „Wenn es kälter wird, darf niemand vom Vermieter auf die Straße gesetzt werden, weil er seine Heizkosten nicht mehr bezahlen kann.“

Auch die Präsidentin der Caritas, Eva Maria Welskop-Deffaa, warnte: „Wer schon immer Sonderangebote nutzen muss, um über die Runden zu kommen, hat keinen Puffer.“ Sie forderte die Ampel-Regierung auf, zielgerichteter zu entlasten, als dies beim Tankrabatt geschehen sei.

„Die Höhe des geplanten Bürgergelds muss existenzsichernd ausfallen, dem aktuellen Preisniveau entsprechen und seine Berechnung muss jeweils zeitnah angepasst werden“, sagte Welskop-Deffaa dem Tagesspiegel.

Ökonomen wollen mit höheren Kosten Gas sparen

Ökonomen halten den Preisanstieg für noch zu niedrig. „Das Preissignal kommt viel zu spät“, sagte Klaus Schmidt, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Wirtschaftsministeriums, in einem Pressegespräch. Er forderte die Regierung auf, mehr Anreize zum privaten Energie-Sparen zu geben.

So könnte zum Beispiel eine Regelung geschaffen werden, die Verbrauchern die alten Gaspreise für 80 Prozent ihres Vorjahresverbrauch garantiere. Alles darüber hinaus müsse dann zum deutlich höheren Marktpreis bezahlt werden. „Der effektivste und effizienteste Rationierungsmechanismus ist der Preismechanismus“, sagte Schmidt. Und weiter: „Wie knapp das Gas im Winter wird, ist in der Gesellschaft noch überhaupt nicht angekommen.“

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