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Die aufständischen Huthis tragen den Krieg jetzt auch in die Vereinigten Arabischen Emirate.
© Mohammed Huwais/AFP

Drohnenangriffe auf die Emirate: Der Jemen-Krieg wird zum regionalen Machtkampf

Raketen auf Saudi-Arabien, Drohnenattacken gegen die Emirate: Der Jemen-Krieg breitet sich über die arabische Halbinsel aus. Welche Folgen hat das?

Palmen, Prunk und viel Geld – die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) präsentieren sich gerne als sicheres, liberales Land für Geschäftsleute und Touristen. Aber nun geraten Glitzer-Städte wie Abu Dhabi ins Visier der Huthi-Rebellen aus dem mehr als 1000 Kilometer entfernten Bürgerkriegsland Jemen. „Wir raten ausländischen Unternehmen, die Emirate zu verlassen“, warnte Huthi-Sprecher Yahya Saree kürzlich.

Mit Raketen und Drohnen greifen die vom Iran unterstützten Huthis immer wieder zivile Einrichtungen in den VAE und in Saudi-Arabien an. Beide Länder haben moderne Flugabwehrsysteme, können die Attacken bisher dennoch nicht stoppen. Der Jemen-Krieg, der bereits 400.000 Menschen das Leben gekostet hat, breitet sich über die Arabische Halbinsel aus.

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So bombardierten die Huthis Mitte Januar erstmals Öleinrichtungen in Abu Dhabi und beschossen den Flughafen. Drei Menschen starben. Vor einigen Tagen wurden zwölf Menschen beim Einschlag einer Rakete auf dem Flughafen der saudischen Stadt Abha rund 100 Kilometer nördlich der Grenze zum Jemen verletzt.

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Bisher hatten die Miliz eine direkte Konfrontation mit den Emiraten vermieden. Jetzt erhält der seit sieben Jahren andauernde Krieg im ärmsten Land der arabischen Welt eine neue Dimension. Saudi-Arabien und die VAE auf der einen und der Iran als Unterstützer der Huthis auf der anderen Seite tragen in Jemen ihren regionalen Machtkampf aus.

Welche Rolle spielt der Iran?

Dass der Konflikt jetzt eskaliert, liegt nach Einschätzung von Experten nicht zuletzt an Rückschlägen für die Huthis auf den Schlachtfeldern im Jemen. Dort kämpfen die Rebellen gegen die international anerkannte Regierung und eine von Saudi-Arabien angeführte Allianz, zu der auch die VAE gehören.

Im vergangenen Jahr waren die Aufständischen in die ölreichen Provinzen Marib und Schabwa vorgerückt. Doch dann wurden sie zurückgeschlagen, vor allem, weil ihre Gegner Hilfe von einer VAE-treuen Miliz erhielten - der „Brigade der Riesen“. Als Vergeltung schossen die Huthis ihre Raketen und Drohnen auf Abu Dhabi ab.

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Mit Drohnen greifen die jemenitischen Huthis Abu Dhabi an.
Mit Drohnen greifen die jemenitischen Huthis Abu Dhabi an.
© Karim Sahib/AFP

Womöglich tragen die Angriffe auch dem Wunsch Irans Rechnung, die Emirate für ihre Annäherung an Israel zu bestrafen. Der jüdische Staat und die VAE haben vor einiger Zeit diplomatische Beziehungen aufgenommen, das Verhältnis beider Staaten normalisiert sich zusehends. Die Herrscher in Teheran werten diese Entwicklung als Verrat. Die Rivalität mit den „Zionisten“ ist fester Bestandteil der iranischen Staatsideologie. Auch die Huthis haben Israel und den USA den Kampf angesagt.

Die Huthis haben erkannt, wie wichtig Ruhe für die Emirate ist

Gerald Feierstein, ein früherer US-Botschafter im Jemen, sieht noch einen anderen Grund für die Verschärfung des Jemen-Konflikts. Amerikas Regierung unter Joe Biden hatte nach ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr ihre Unterstützung für den saudischen Krieg im Nachbarland reduziert. Was als Zeichen der Deeskalation gemeint war, wurde von den Huthis jedoch als Schwäche und Chance für neue Offensiven aufgefasst, schreibt Feierstein in einer Analyse für das Nahost-Institut in Washington

Millionen Jemenitinnen und Jemeniten haben ihre Heimat verloren und sind auf der Flucht.
Millionen Jemenitinnen und Jemeniten haben ihre Heimat verloren und sind auf der Flucht.
© Khaled Ziad/AFP

Die Huthis hätten zudem erkannt, wie wichtig das Image von Ruhe und Sicherheit für die VAE sei, sagt Nahost-Experte Kristian Coates Ulrichsen. Die Rebellen hofften, dass die Luftschläge auf Abu Dhabi die Emirate dazu bringen könnten, ihr Engagement in Jemen herunterzufahren, so Ulrichsen in einem Gespräch mit der US-Denkfabrik Arab Center.

Möglicherweise wirkt die Warnung: Die „Brigade der Riesen“ hält sich nach Medienberichten in jüngster Zeit bei den Kämpfen gegen die Huthis zurück.

Die saudische Militärallianz verstärkt ihre Angriffe

Dafür verstärkt die saudische Allianz ihre Luftangriffe auf die von den Huthi gehaltene Hauptstadt Sanaa. Vor Kurzem bombardierten sie erstmals ein ziviles Ministerium, das für Telekommunikation. Auch die USA werden im Jemen-Konflikt wieder aktiver. Washington schickte zusätzliche Kampfflugzeuge in die VAE, die bei der Abwehr von Huthi-Raketen helfen sollen. Auch ein amerikanisches Kriegsschiff im Persischen Golf steht dafür bereit.

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Damit deute alles darauf hin, dass der Krieg noch schlimmer werde, meint Nahost-Experte Ulrichsen. Im Jemen sei eine neue „Eskalationsspirale“ in Gang gekommen, die vorerst nicht zu stoppen sei.

Die Menschen in dem vom Krieg verheerten Land sind die Leidtragenden. Einer Analyse der Kinderrechtsorganisation Save the Children zufolge wurde im Januar fast jede Stunde ein Zivilist getötet oder verletzt. In der Zeit zwischen dem 6. Januar und dem 2. Februar kamen demnach fast 600 Jemenitinnen und Jemeniten ums Leben.

Fast jede Stunde stirbt ein Zivilist oder wird verletzt

Sie sterben nicht nur durch Gefechte und Luftangriffe, sondern auch durch Landminen und Munitionsreste. „Selbst das Sammeln von Brennholz kann tödlich sein“, erklärte vor wenigen Tagen Muhsin Siddiquey, Landesdirektor der Nothilfeorganisation Oxfam.

Kinder im Jemen sind oft dramatisch unterernährt.
Kinder im Jemen sind oft dramatisch unterernährt.
© Khaled Ziad/AFP

Großen Schaden verursachen die Kämpfe auch an der Infrastruktur. So werden immer wieder Schulen, Wasseranlagen und Gesundheitseinrichtungen zerstört. Das hat dramatische Folgen für die erschöpften, oft erkrankten und hungernden Menschen, die sich schon lange nicht mehr selbst versorgen können und auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

Der Krieg hat zudem Millionen zu Flüchtlingen gemacht. Oft werden Familien gleich mehrfach vertrieben, weil sich die Fronten verschieben. Hinzu kommt der Winter mit Temperaturen um zehn Grad. Es herrscht großer Mangel an Kleidung, Decken und vor allem Lebensmitteln. Der Hunger ist ohnehin im Jemen seit Jahren allgegenwärtig. Millionen Kinder, Frauen und Männer sind lebensbedrohlich unterernährt. Krankheiten wie Covid-19, Cholera und Masern breiten sich aus. Doch ein Ende des Leids ist nicht in Sicht.

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