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Ein Manometer an einer Gasverdichterstation (Symbolbild)
© REUTERS/Gleb Garanich

Gasversorgung in der EU: „Deutschland befindet sich in einer denkbar schlechten Lage“

Der Energieexperte Simone Tagliapietra sieht Deutschland für den Winter schlecht gerüstet. Eine Verlängerung der Akw-Laufzeiten hält er für angebracht.

Simone Tagliapietra ist Senior Fellow bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.  Er befasst sich vor allem mit der Klima- und Energiepolitik der EU.

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Herr Tagliapietra, die EU-Staaten haben einen Notfallplan beschlossen, dem zufolge zunächst auf freiwilliger Basis 15 Prozent des Gasverbrauchs eingespart werden soll. Kann Deutschland nun damit rechnen, über den Winter aus Ländern wie den Niederlanden und Belgien mit Gas versorgt zu werden?
Der Gas-Notfallplan der EU dient in der Tat dazu, Länder wie Deutschland zu unterstützen, die von einem möglichen kompletten russischen Lieferstopp stärker betroffen wären.

Allerdings enthält die Vereinbarung auch etliche Ausnahmen. Man kann natürlich nicht einfach von Ländern, die nicht von russischem Gas abhängen, verlangen, dass sie ihren Verbrauch bei ihrer Industrie und den Privathaushalten noch weiter drosseln, als es eigentlich auf nationaler Ebene erforderlich ist. Deshalb hängt es am Ende vom guten Willen der EU-Staaten ab, ob die Vereinbarung umgesetzt wird. Der Test steht bevor, falls es zu einer echten Versorgungskrise kommt.

Also reicht der Gas-Notfallplan der EU nicht aus?
Was fehlt, sind Ausgleichszahlungen der EU. Ein Beispiel: Wenn die Erdgasförderung im niederländischen Groningen möglicherweise verlängert wird, muss es wegen der dortigen Erdbebengefahr solche Ausgleichszahlungen geben. Es muss Anreize für EU-Länder geben, welche die angestrebte Solidarität bei der Gasversorgung gewährleisten können. Ich hoffe, dass dies im September auf die EU-Agenda kommt.

Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis hat EU-Ausgleichszahlungen auch für Industriebetriebe vorgeschlagen, die demnächst möglicherweise den Gasverbrauch drosseln müssen. Ist der Vorschlag sinnvoll?
Ich erwarte, dass ähnliche Initiativen in den kommenden Wochen noch aus weiteren Mitgliedstaaten kommen werden. Beim nächsten EU-Gipfel nach dem Sommer sollte diese Frage im Mittelpunkt stehen.  

Sie sagen, dass besonders Deutschland von russischem Gas abhängig ist. Gilt das nicht auch für Italien?
Ja, aber es gibt einen großen Unterschied. Italien verfügt über mehrere LNG-Terminals, zudem gibt es Pipeline-Verbindungen nach Algerien, Libyen und Aserbaidschan. Dank dieser Infrastruktur ist es Italien gelungen, die Abhängigkeit vom russischen Gas unter dem Regierungschef Mario Draghi rasch zu verringern. In den nächsten Monaten erwartet Italien erhöhte Gasimporte aus Algerien. Deutschland hat es hingegen in der Vergangenheit versäumt, die Energiequellen jenseits der russischen Gaslieferungen zu diversifizieren.

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Anderen EU-Ländern ist also in der jüngeren Vergangenheit die Diversifizierung besser gelungen als Deutschland?
Polen ist neben Italien ein weiteres positives Beispiel. Polen hat eine Pipeline nach Norwegen gebaut, die „Baltic Pipe“. Zudem sorgt Polens LNG-Infrastruktur dafür, dass das Land heute ohne Gas aus Russland auskommen kann.

Zu den EU-Ländern, die über große Speicherkapazitäten für Flüssiggas verfügen, gehört auch Spanien. Allerdings ist das Land schlecht an den europäischen Pipeline-Verbund angeschlossen. Woran liegt das?
In der Vergangenheit war es in erster Linie Frankreich, das hier blockiert hat. Die fehlende Pipeline-Verbindung zwischen Spanien und Frankreich ist ein Beispiel dafür, wie groß die Lücken im europäischen Netz noch sind. Für die EU wird es in den nächsten Monaten und Jahren darauf ankommen, diese Lücken zu schließen.

Angesichts der vielen Ausnahmen im Gas-Notfallplan der EU gehen viele Beobachter davon aus, dass das EU-weite Einsparziel von 45 Milliarden Kubikmeter Gas nicht erreicht wird. Erwarten Sie, dass die EU-Kommission demnächst neue Vorschläge zur Reduzierung des Energieverbrauchs vorlegen wird?
Die EU-Kommission kann die Mitgliedstaaten dazu auffordern, sich auf freiwilliger Basis besser zu koordinieren. Genau dies ist auch beim Gas-Notfallplan passiert. Aber die EU-Verträge setzen den Möglichkeiten der Kommission Grenzen. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Energiepolitik in den Verantwortungsbereich der Nationalstaaten fällt.

Der Energieexperte Tagliapietra meint, dass andere Länder schneller als Deutschland Alternativen zum russischen Gas fanden.
Der Energieexperte Tagliapietra meint, dass andere Länder schneller als Deutschland Alternativen zum russischen Gas fanden.
© promo

Sollte es einen gemeinsamen europäischen Gaseinkauf geben? Deutschland hat sich bislang dagegen gesperrt.
In jüngster Zeit hat Deutschland seine Haltung in diesem Punkt geändert. Da Deutschland inzwischen selbst die Härten beim Gaseinkauf – etwa aus Katar - zu spüren bekommt, rückt auch für Berlin die europäische Perspektive stärker in den Fokus.

Die von der EU-Kommission eingerichtete Energieplattform kann für gemeinsame Einkäufe sehr wichtig werden, wenn wir von der Größe unseres Marktes Gebrauch machen und bessere Konditionen erreichen wollen. Wir sollten von unserer gemeinsamen Marktmacht Gebrauch machen, um bessere Abschlüsse zu Gunsten der Verbraucher zu erzielen.

Bewegung gibt es auch in der deutschen Atomdebatte. Sollten die Laufzeiten der hiesigen Kernkraftwerke verlängert werden, um einem Engpass bei der Energieversorgung vorzubeugen?
Deutschland befindet sich in einer denkbar schlechten Lage – als großer Gaskonsument, mit einem vergleichsweise hohen Anteil russischer Importe und geringer Diversifizierung. Es wird daher voraussichtlich nicht ausreichen, wenn Deutschland im Fall eines kompletten russischen Lieferstopps den Gasverbrauch um 15 Prozent senkt. Eher werden wohl mehr als 25 Prozent nötig sein. Es ist nicht zu verstehen, dass man in dieser Situation die Atomstromproduktion beenden will.

Die Bundesregierung tut gut daran, sich in dieser Frage beweglich zu zeigen, wenn sie anderswo – etwa bei der Verlängerung der Gasförderung in den Niederlanden – auch Flexibilität erwartet. Die Verlängerung der Laufzeiten in Deutschland müsste daher Teil einer gemeinsamen europäischen Anstrengung sein, um dieser beispiellosen Energiekrise zu begegnen.

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