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Zusammenleben auf engem Raum. In Berlin-Marzahn wohnen auch viele Menschen mit Migrationshintergrund.
© Georg Tuskany/mauritius images
Update

Spahn sieht „große Herausforderung“: Haben Menschen mit Migrationshintergrund eine stärkere Impfskepsis?

Manche Politiker und Experten befürchten, dass Menschen mit Migrationshintergrund größere Probleme beim Impfen haben. Ist die Sorge berechtigt? Ein Überblick.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat es intern angesprochen, auch die Beauftragte für Migration im Kanzleramt, Annette Widmann-Mauz. Beide CDU-Politiker sorgen sich, dass nicht genug Menschen für eine Corona-Impfung gewonnen werden können.

„Es ist eine große Herausforderung, bei Migranten für die Impfungen zu werben“, sagte Spahn in der jüngsten Schalte der CDU-Spitze laut Teilnehmerangaben. Das Problem bereitet auch deshalb Sorge, weil Menschen mit Migrationshintergrund häufig in sozial und wirtschaftlich schwierigen Situationen leben, wodurch sie einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind.

Wie groß ist das Problem in Berlin?

Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund schon geimpft sind oder ihre Impfeinladung nicht wahrnehmen. Klar ist, dass rund 500000 Berliner eine Impfeinladung erhalten haben, sich aber nicht um einen Termin kümmern.

Berlins Integrationsbeauftragte Katerina Niewiedzial bestätigte dem Tagesspiegel, dass es keine offiziellen Befragungen dazu gebe: „Aus Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Communities weiß ich, dass es Zweifel, Ängste und Fragen gibt“, sagte sie und kritisiert: „Einladungen und Anmeldung zum Impfen sind in deutscher Amtssprache geschrieben, hier scheitern viele Menschen schon bei der Anmeldung.“

Falko Liecke, CDU-Gesundheitsstadtrat im migrantisch geprägten Neukölln, sagt: „Niedergelassene Ärzte berichten uns übereinstimmend, dass insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund einer Impfung gegen Covid-19 sehr skeptisch gegenüber stehen.“ Es gebe oft grundsätzliche Bedenken, die die Hausärzte aber meist gut ausräumen könnten, sagte Liecke. „Das zeigt die hohe Bedeutung von hausärztlicher Beratung. Dieses Vertrauensverhältnis kann kein Impfzentrum ersetzen.“

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Das Gesundheitsamt Neukölln stellt häufig eine größere Ferne zum Gesundheitssystem bei Menschen mit Migrationshintergrund fest, so steht es im jüngsten Gesundheitsbericht des Amtes. „Die Mehrheit wird deshalb vermutlich auf eine aktive Bemühung um die Impfung verzichten“, sagte Liecke.

Wie sieht die Lage bundesweit aus?

Die Bundesregierung hat bisher kein klares Bild. Aber Rückmeldungen aus den Ländern deuten darauf hin, dass sich da ein größeres Problem entwickelt, wissend, dass gerade hier ein umfassendes Impfen besonders wichtig ist, um die dritte Welle zu brechen - denn ohne eine Herdenimmunität schwelt die Krise weiter.

„Ökonomisch schwächere Bezirke weisen tendenziell auch höhere Inzidenzwerte auf“, betont das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium etwa mit Blick auf das Ruhrgebiet. Bewohner in diesen Vierteln litten zudem häufiger unter Vorerkrankungen, die mit einem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf verbunden seien.

„Der Einfluss des Faktors ,Migrationshintergrund’ kann jedenfalls nicht verallgemeinert werden: Wesentlich ist der sozioökonomische Status“, betont ein Sprecher von Minister Karl-Josef Laumann (CDU).

Das bestätigt auch Berlins Integrationsbeauftragte Niewiedzial: „Wir dürfen nicht vergessen, dass viele systemrelevante Jobs von Menschen mit Migrationsgeschichte gemacht werden – in der Pflege, der Logistik oder auch im Einzelhandel oder der Lebensmittelindustrie. Dort gab es immer wieder Ausbrüche mit hohen Ansteckungsraten.“ Und diese Menschen können oft nicht ein Homeoffice ausweichen und sind stärker auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen.

Was sind Gründe für die mitunter geringe Impfbereitschaft bei Migranten - und was ist dran?

Die CDU-Politikerin Serap Güler sieht in erster Linie ein Sprachproblem. „Wenn ich an die Anschreiben denke, die die erste und die zweite Priorisierungsgruppe erhalten haben, da haben Deutsche schon ein Problem, diesen Brief zu verstehen“, sagte Nordrhein-Westfalens Staatssekretärin für Integration bei RTL/ntv. „Da müssen wir noch eine bessere Aufklärungskampagne in den jeweiligen Sprachen machen.“

Zudem kursierten Mythen und Legenden unter verschiedenen Migranten-Gruppen. So glaubten viele Asylbewerber, dass Geimpfte leichter abgeschoben würden. Junge Frauen fürchteten, dass bestimmte Impfstoffe die Fruchtbarkeit beeinflussen. Unter einigen Russlanddeutschen werden Manipulationen in Impfstoffen befürchtet, die viele Geimpfte später töten, dazu gibt es Misstrauen gegen den Staat, zudem wird das Virus hier oft als Art Grippe abgetan.

Kaan Bagci, Sprecher der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) betont dagegen: „Wir können keine mangelnde Impfbereitschaft in der türkischen Community feststellen.“ Aber viele türkeistämmige Menschen seien hierzulande bisher noch nicht geimpft worden. Das könne entweder daran liegen, dass sie unter den prioritär Geimpften unterrepräsentiert sind oder sich in der Türkei impfen ließen.

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Ehsan Djafari, Vorstandssprecher des "Verbandes für interkulturelle Wohlfahrtspflege, Empowerment und Diversity", weist darauf hin, dass nicht nur für ältere Menschen mit Einwanderungsgeschichte die Hürden, sich in Impfzentren zu registrieren, zu hoch seien, sondern auch für viele hochbetagte Menschen ohne Migrationsbiografie.

Hinzu komme, „dass viele Menschen aus Migrant:innencommunities in den Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Menschen mit Migrationsbiografien wegen der geringen hausärztlichen Versorgung überhaupt keinen Hausarzt haben“.

Der Sicht, dass Migrantinnen und Migranten sich nicht impfen lassen wollten, widerspricht vor allem für die polnische Community Kamila Schöll-Mazurek, Sprecherin des Polnischen Sozialrats und Leiterin der AG Gesundheit und Soziales in der Bundeskonferenz der Migrantenorganisationen (BKMO): „Viele aus Polen stammende Personen, die in Deutschland leben, möchten sich impfen lassen.“ Nach ihrer Kenntnis und der von Kolleginnen und Kollegen wollten das zum Beispiel viele mit Wohnsitzen in beiden Ländern, Pendler und Grenzgängerinnen, lieber in Polen tun. Dort werden ab 28. April auch jüngere Menschen zwischen 30 und 39 Jahren zur Impfung registriert. Für noch Jüngere beginnt die Registrierung am 4. Mai.

„Diejenigen, die zögern, tun dies, weil sie schlecht informiert sind, sie wollen sehen, wie der Impfstoff auf andere Menschen wirkt, die geimpft wurden“, sagte Schöll-Mazurek dem Tagesspiegel. „Deshalb brauchen wir Informationskampagnen in den Sprachen der Migranten, um den Nutzen des Impfstoffs zu erklären. Bei Migranten aus Osteuropa gibt es immer noch das Problem, dass viele Menschen prekär arbeiten und viele Menschen für Saisonarbeit kommen.“ Auch Saisonarbeiter sollten vorrangig geimpft werden.

"Ich kann sagen, dass viele Migrant:innen, darunter auch viele Roma, sehr unsicher reagieren beim Thema Impfen", sagt ihr Kollege Sami Dzemailovski, Mitglied im Vertreterrat der BKMO und ebenfalls im Vorstand des VIW. Dzemailovski gehört der Roma-Community an. "Die Menschen sind mit dem Dauerthema Covid einfach nur gestresst." Masken selber nähen, dann doch FFP-2, einmal Schulbesuch, dann wieder nicht, Läden offen, dann wieder dicht - viele wüssten nicht mehr, was denn nun gelte.

Auch Verschwörungsmythen in den sozialen Medien trügen zur Unsicherheit bei. Andererseits lebten viele Roma aus Südosteuropa unter prekären Bedingungen und wohnten beengt. "Dies beeinflusst auch die Anfälligkeit für eine Ansteckung."

Bei denen, die schon lange Deutsche seien, spielten traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit - der NS-Massenmord, Internierung, Sterilisierung - und weiterwirkender Rassismus gegen Sinti und Roma eine Rolle, wenn sie in Kontakt mit dem Gesundheitssystem kämen. "Nichtsdestotrotz beobachten wir, dass die meisten älteren Migranten und darunter auch Roma, die dazu die Gelegenheit hatten, sich auch impfen lassen." Es sei auch an der Regierung, so Dzemailovski, "bessere Aufklärungsarbeit zu leisten und die Migrantenselbstorganisationen bei der Aufklärung mitzunehmen".

Was kann die Lösung sein?

Spahn setzt auf „die direkte Ansprache von Migranten als Teil des nächsten Kampagnenschritts“, wie sein Sprecher betont. Neben der besseren Information vor Ort kann zudem der Einsatz mobiler Impfteams vor Ort eine Lösung sein, ebenso wie das demonstrative Impfen von angesehenen Vertretern der jeweiligen Gemeinschaft, um einen Vorbildcharakter zu schaffen.

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Oder dass, wenn alle Impfpriorisierungen gefallen sind, Impftage etwa in Turnhallen oder Impfstationen in Stadtteilen mit bisher geringer Impfquote angeboten werden. Berlins Integrationsbeauftragte Niewiedzial hat ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Ärzteteams vor Moscheen beim Freitagsgebet in verschiedenen Bezirken zum Testen und Impfen beraten. Diese Arbeit müsse ausgebaut werden, sagt sie. „Hier ist die Gesundheitsverwaltung gefragt.“

Was tun Berliner Senat und Bezirke dafür, die Impfbereitschaft unter Migranten zu erhöhen?

Der Senat hat die meisten Informationen zum Thema Impfen auf seiner Website auch in englisch, arabisch und türkisch veröffentlicht. Die Bezirke selbst sind in die Impfkampagne aber kaum eingebunden, wird von vielen Gesundheitsstadträten und Amtsärzten beklagt.

Hier gilt Neukölln als Vorbild: Das Gesundheitsamt hat einen eigenen Podcast, Videos und Flyer in Fremdsprachen und mit dem Interkulturellen Aufklärungsteam (IKAT) ein Projekt, das die Menschen auch vor Ort aufsucht. Gesundheitsstadtrat Liecke sagt: „Ich würde mir manchmal mehr Initiative vom Senat wünschen und dass die Erfahrungen und Kompetenzen aus den Bezirken mehr berücksichtigt werden.“

Auch Berlins Integrationsbeauftragte Niewiedzial engagiert sich stark dafür, migrantische Communities besser zu erreichen. Sie hat ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Ärzteteams vor Moscheen beim Freitagsgebet in verschiedenen Bezirken zu den Themen Testen und Impfen beraten. Diese Arbeit müsse aber ausgebaut werden, fordert Niewiedzial. „Hier ist die Gesundheitsverwaltung gefragt."

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