Merkel besucht Oberstufenzentrum : Jugend, forsch

Beim Besuch eines Oberstufenzentrums in Friedrichshain fühlen Schüler der Kanzlerin auf den Zahn - und fordern von Angela Merkel eine bessere Bezahlung für Erzieherinnen.

Selfie-Moment. Bundeskanzlerin Angela Merkel steht vor dem Beginn einer Diskussionsrunde zwischen Schülern der Jane-Addams-Schule.
Selfie-Moment. Bundeskanzlerin Angela Merkel steht vor dem Beginn einer Diskussionsrunde zwischen Schülern der Jane-Addams-Schule.Foto: Michael Kappeler/dpa

Der Chor der Jane-Addams-Schule stimmt zur Begrüßung für Angela Merkel das Lied „You’ve got a friend“ von James Taylor an, aber ein paar kritische Botschaften wollen die Schüler und Studenten des Oberstufenzentrums in Friedrichshain der Kanzlerin doch auch auf den Weg geben. Während der Chor singt, heben einige Studentinnen Schilder in die Höhe, auf denen sie eine bessere Bezahlung für Erzieherinnen fordern. Eine Mindest-Nettolohn von 2000 Euro – so lautet die plakative Forderung.

Mit "Erasmus plus" ins Ausland

Seit 2007 zählt es zur alljährlichen Übung, dass sich Merkel Anfang Mai bei einem so genannten EU-Projekttag den Fragen von Schülern stellt. Diesmal fiel die Wahl der Kanzlerin auf die Jane-Addams-Schule, wo neben Oberstufenschülern auch Studenten unterrichtet werden, die Erzieher werden wollen. Als Teil ihrer Ausbildung können sie im Ausland ein Praktikum machen und dabei auf das EU-Programm „Erasmus plus“ zurückgreifen.

Die Studenten haben dabei die Möglichkeit, beispielsweise in Spanien, Frankreich, Italien oder Finnland eine Erfahrung mit den Ausbildungssystemen anderer EU-Ländern zu machen. „Leider wird Polen wenig nachgefragt, obwohl wir dies ebenfalls anbieten“, erzählt Schulleiter Fred Michelau. Für eine Berufserfahrung mit „Erasmus plus“ in der Türkei fanden sich in den letzten Jahren angesichts des autokratischen Herrschaftsstils des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unter den von der Jane-Addams-Schule betreuten angehenden Erziehern gar keine Bewerber mehr.

Der Anteil von Schülern und Studenten mit Migrationshintergrund an dem Oberstufenzentrum ist im Berliner Vergleich zwar eher gering, aber bei der Begrüßung der Kanzlerin auf dem von schmucken Klinkerbauten gesäumten Schulhof machen sie gestenreich auf sich aufmerksam. Immer wieder stellen sie sich neben die Kanzlerin und posieren für ein gemeinsames Selfie.

Merkel: Nicht jeder aus Afghanistan kann nach Deutschland kommen

Später, als es bei einer Diskussion in der Aula um das Gehalt von Erzieherinnen, EU-Ausbildungsprogramme und die Zukunft der Gemeinschaft geht, sitzt auch ein 19-jähriger Syrer auf dem Podium neben der Kanzlerin. Als er 17 war, floh er ohne Angehörige vor dem Krieg nach Deutschland, erzählt er. „Ich konnte hier bleiben“, sagt er stolz. Nach dem Ende des Schuljahres will er die Berufsbildungsreife erlangen. Das Gespräch mit Merkel kommt gut in Gang, auch wenn es mit den Deutschkenntnissen des jungen Mannes noch etwas hapert. Der Syrer will wissen, warum nicht alle Flüchtlinge aus der Nahost-Region so wie er mit einem festen Aufenthaltsstatus rechnen können. In ihrer Antwort verweist Merkel zwar darauf, dass Afghanistan kein sicheres Herkunftsland sei und ein Teil der Flüchtlinge Asyl erhalten könnten. Sie fügt aber hinzu: „Wir können auch nicht den Eindruck erwecken, dass jeder aus Afghanistan zu uns kommen kann.“

Der EU-Projekttag bildet in Deutschland den Auftakt zu einem europäischen Dialog, bei dem die Regierungen EU-weit herausfinden wollen, wie die Bürger zur Europäischen Union stehen.

Dies dürfte sich in einem Jahr zeigen, wenn im Mai 2019 die nächsten Europawahlen anstehen. Der Wahl komme eine besondere Bedeutung zu, weil es die EU „inzwischen auch mit Gegnern“ zu tun habe, betont Merkel. „Deshalb werden wir auch mehr kämpfen müssen.“

Differenzen mit Macron bei der Reform der Euro-Zone

Die Idee der EU-Bürgerdialoge stammt von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der am kommenden Donnerstag wegen seiner Verdienste um die EU in Aachen den Karlspreis erhält. Sie habe Macrons Vorschlag „gerne aufgegriffen“, sagt die Kanzlerin. Als ein Schüler von ihr wissen will, wie sie genau zu den europapolitischen Vorschlägen des französischen Staatschefs steht, wird aber auch deutlich, dass im Verhältnis zwischen Merkel und Macron nicht alles eitel Sonnenschein ist. Zwar sei man sich etwa darin einig, dass Forschung und Innovation gefördert werden müssten. Aber beide Seiten gingen mit „unterschiedlichen Akzenten“ an die Frage heran, wie die Euro-Zone reformiert werden solle, betont Merkel. Im Rahmen der EU-Bürgerdialoge, die bundesweit bis zum Herbst stattfinden, planen Merkel und Macron auch mindestens einen gemeinsamen Auftritt. Man darf gespannt sein, wie viel Harmonie sie dabei verbreiten werden.

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