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Potsdam setzt bei der Fernwärme auf Gas - der Klimarat will einen schnelleren Umstieg auf erneuerbare Alternativen.
© Andreas Klaer

Potsdam und die Energiekrise: Wenn das Gas knapp wird

Die Gaspreiserhöhung beim kommunalem Energieversorger EWP rückt näher, Kunden sind verunsichert. Der Klimarat fordert ein Umdenken bei Potsdams Energie- und Wärmeversorgung.

Potsdam - Drohender Gasmangel wegen des Ukrainekriegs und des Konflikts mit Russland verursacht bei Potsdamerinnen und Potsdamern Verunsicherung – und viele müssen ab September deutlich mehr für ihre Gasversorgung bezahlen. In diesen Tagen erhalten Gas-Privatkundinnen und -kunden des kommunalen Energieversorgers Energie und Wasser Potsdam (EWP) die schriftliche Mitteilung über die bereits im Juni angekündigte Preiserhöhung für Gas für Privathaushalte ab 1. September.

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Demnach bleibt für die Bestandskunden zwar der jährliche Grundpreis von 124,14 Euro – beziehungsweise 76,68 Euro für die Niedrigverbraucher – stabil, der Arbeitspreis je verbrauchter Kilowattstunde erhöht sich allerdings kräftig: Für Kundinnen und Kunden mit einem Jahresgasverbrauch bis 5717 Kilowattstunden von derzeit brutto 8,79 Cent auf dann 11,79 Cent – ein Plus von 34 Prozent; ab einem Verbrauch von 5718 Kilowattstunden im Jahr von derzeit 7,95 Cent auf dann 10,95 Cent – ein Plus von 38 Prozent.

50 Prozent mehr Kundenanfragen als im vergangenen Jahr

Zur Veranschaulichung: Für eine 50-Quadratmeter-Wohnung mit einem Gas-Jahresverbrauch von 5000 Kilowattstunden bedeutet das Mehrkosten von 150 Euro im Jahr. Bei einem Einfamilienhaus mit 150 Quadratmetern Fläche und einem Verbrauch von 18.000 Kilowattstunden im Jahr müssen für Gas dann 540 Euro mehr im Jahr berappt werden.

Die EWP-Kunden – nach Unternehmensangaben werden derzeit in der Stadt zirka 12.500 Haushalte mit Gas sowie 3000 mit Fernwärme versorgt – beschäftigt das Thema Gas-Mangellage und Energielieferungen sehr, bestätigte EWP-Sprecher Stefan Schulz auf PNN-Anfrage: „In den letzten zwei Monaten ist die Verunsicherung bei der Bevölkerung stark spürbar.“ Im Vergleich zum Vorjahr habe es etwa 50 Prozent mehr Kundenanfragen zu diesen Themen gegeben. Das Unternehmen habe daher unter swp-potsdam.de eine Informationsseite mit Antworten eingerichtet.

Potsdam bekommt Großteil des Gases vom angeschlagenen Versorger Uniper

Das kommunale Unternehmen bezieht sein Gas auch vom deutlich angeschlagenen Energiekonzern Uniper, dem größten Gashändler der Bundesrepublik – je nach Lieferjahr beträgt der Anteil laut EWP-Sprecher Schulz zwischen 40 und 50 Prozent. Im Fall eines kompletten Gas-Lieferstopps aus Russland gehörten die EWP-Fernwärmekunden „zu den geschützten Kunden und werden so lange beliefert, so lange dies möglich ist“, so der Sprecher.

Seit Montag ist die Gaspipeline Nord Stream 1 wegen turnusgemäßer Wartung für zehn Tage außer Betrieb. Ob danach die Gaslieferungen aus Russland wieder aufgenommen werden, weiß derzeit niemand. Über konkrete Schritte im Versorgungsnotfall hält sich die EWP jedoch weiterhin bedeckt. „Hierzu sind wir in Abstimmungen“, hieß es auf PNN-Anfrage lediglich. Wie die Märkische Allgemeine Zeitung zuerst berichtet hatte, befasst sich im Rathaus eine „übergreifende Arbeitsgruppe“ mit den Auswirkungen eines Gasmangels auf die Stadtwerke, das Wohnen und die lokale Wirtschaft und erarbeitet Maßnahmen.

Klimarat forderte schnellere "Wärmewende" - noch große Unterschiede zwischen den Quartieren 

Angesichts der Energiekrise fordert der Potsdamer Klimarat – ein zehnköpfiges Expertengremium, das die Stadtverwaltung berät und kritisch begleitet – ein Umdenken bei der kommunalen Energie- und Wärmeversorgung. „Der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern, klimapolitisch ohnehin erforderlich, muss jetzt auch aus Gründen der Versorgungssicherheit beschleunigt werden“, heißt es in einer im Juni veröffentlichten Stellungnahme. Als einen konkreten Schritt für Potsdam benennt der Klimarat die Beschleunigung der „Wärmewende“ in den Quartieren. Derzeit spiele Gas bei der Wärmeversorgung in Potsdam die Hauptrolle – sowohl bei den ans Fernwärmenetz angeschlossenen Haushalten als auch bei vielen weiteren Wohnungen mit Gaszentralheizungen oder Gasetagenheizungen.

Laut Klimarat ist der Pro-Kopf-Energieverbrauch für Wärme in der Berliner Vorstadt fast viermal so hoch wie im energetisch sanierten Drewitz.
Laut Klimarat ist der Pro-Kopf-Energieverbrauch für Wärme in der Berliner Vorstadt fast viermal so hoch wie im energetisch sanierten Drewitz.
© Ottmar Winter

Zwar sei mit der energetischen Sanierung von Quartieren wie Drewitz, Am Stern oder dem Schlaatz mittlerweile der Pro-Kopf-Durchschnittsjahresverbrauch für Wärme dort auf rund 3000 Kilowattstunden gesunken, erklärt der Klimarat. In Stadtteilen wie der Berliner Vorstadt liege er aber pro Person und Jahr immer noch bei zirka 11.500 Kilowattstunden, also mehr als dreimal so hoch.

EWP-Tarife überprüfen: Effizienz muss stärker belohnt, große Verbräuche stärker belastet werden

Um die Wärmewende auch in diesen Vierteln „mit heterogener Eigentümerstruktur und kleinteiliger Wärmeversorgung“ zu erreichen, fordert der Klimarat eine städtische „Wärmeleitplanung“. Diese müsse für jedes Quartier ermitteln, „wie die Wärmeversorgung unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten zukünftig treibhausgasneutral erfolgen kann“. Ergänzend sei es nötig, Eigentümer:innen zu beraten und Anreize zu schaffen, die Wärmeversorgung umzustellen.

Das alte Kohle-Heizwerk - seit 1995 außer Betrieb - wird momentan abgerissen.
Das alte Kohle-Heizwerk - seit 1995 außer Betrieb - wird momentan abgerissen.
© Andreas Klaer

Der Klimarat fordert auch, die EWP-Tarife zu überprüfen: Effizientes und energiesparendes Verhalten müsse stärker belohnt werden, große Verbräuche stärker belastet. Zudem mahnt der Rat einen beschleunigten Gasausstieg der EWP an. Man erachte es „nicht als belastbar, nur von einem Ersatz russischer Erdgaslieferungen durch Flüssiggas auszugehen“. Zugleich müsse der Ausbau erneuerbarer Strom- und Wärmeversorgung auf dem Stadtgebiet forciert werden – über die im städtischen Klimaschutz-Masterplan definierten Ziele hinaus. Der Rat schlägt vor, landwirtschaftlich genutzte und entwässerte Moorflächen wiederzuvernässen und parallel für den Bau von Photovoltaikanlagen zu nutzen. Auch Tiefengeothermie und die Erschließung von Umweltwärme und Abwärmequellen über Großwärmepumpen bringt der Klimarat als Alternativen ins Spiel.

Erste Schritte unternimmt die EWP bereits: Nach PNN-Informationen sollen ab September auf dem Gelände des früheren Heizkraftwerkes im Industriegebiet Süd Probebohrungen für Erdwärme erfolgen. Wie berichtet wird das 1995 vom Netz genommene alte Heizwerk seit April abgerissen. In den kommenden zehn Jahren soll dort der „Erzeugungspark Potsdam-Süd“ mit einem neuen Kraftwerk entstehen, das das aktuelle Gasheizkraftwerk ablösen soll. Das Unternehmen lässt aber noch offen, wie die Alternative aussehen wird. „Zu diesem Thema befinden wir uns in engen Abstimmungen, zu denen im Moment noch keine Aussagen möglich sind“, hieß es.

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