Das Geschäft mit den Bienen : „Honigbienenhaltung hat mit Naturschutz überhaupt nichts zu tun“

Immer mehr Unternehmen halten sich Bienen - fürs gute Image. Doch die Popularität des Imkerns hat auch negative Folgen.

Zumindest in Berlin stirbt die Honigbiene nicht aus. Der Imkerverband warnt sogar, es gebe zu viele von ihnen.
Zumindest in Berlin stirbt die Honigbiene nicht aus. Der Imkerverband warnt sogar, es gebe zu viele von ihnen.Foto: Getty Images/iStockphoto

Die 250.000 neuen Bewohner, die seit vier Jahren auf dem Alexanderplatz leben, hat so gut wie niemand bemerkt. Dabei wohnen sie nicht nur mitten in Berlin mit Blick auf Dom, Fernsehturm und Schloss, sondern gehen hier auch Tag für Tag ihrer Arbeit nach. Am verkehrsreichsten und gefährlichsten Platz Deutschlands. Doch auch wenn nur ein paar bemitleidenswerte Bäume auf dem Alex stehen, fühlen sich die fünf Honigbienenvölker auf dem Dach der Berliner Sparkasse anscheinend richtig wohl.

„Die Bedingungen können für Bienen in der Stadt besser sein, als auf dem Land“, sagt Johanna Tränkelbach. Die Imkerin betreut die Honigbienen am Alexanderplatz von Anfang an. Fast jede Woche steigt sie auf das Dach der Bank. Von hier schwärmen die Bestäuber aus in den Tiergarten, Monbijoupark und den Volkspark Friedrichshain. „Der Honig aus der Stadt unterscheidet sich eigentlich kaum von dem vom Land“, sagt Tränkelbach.

Was ungewöhnlich klingt, hat längst viele Nachahmer gefunden. Auf rund 11000 Bienenvölker schätzt der Senat die Honigbienenpopulation in der Hauptstadt. Immer mehr gibt es auch auf Firmendächern oder Brachen. Vattenfall hat Bienenstöcke, die Deutschen Bahn und auf dem Messegelände summt es ebenfalls. „Auf dem Land leiden Bienenvölker zunehmend unter der modernen Landwirtschaft“, sagt Tränkelbach. Pestizide würden die Lebewesen bedrohen, aber auch Monokulturen. „Wenn das große Rapsfeld verblüht ist, finden die Bienen gar keine Blüten mehr.“

Unternehmen wollen von der Aufmerksamkeit profitieren

Die Honigbiene steht seit ein paar Jahren im gesellschaftlichen Rampenlicht. Kampagnen werben für den Schutz der gelb-schwarzen Bestäuber, immer mehr Menschen probieren sich als Hobbyimker. Die Angst um die Honigbiene verursacht bei Menschen Emotionen. In Bayern konnte das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, das sich eigentlich für einen generellen Artenschutz in dem Bundesland einsetzte, im Februar in Rekordzeit 1,7 Millionen Unterschriften sammeln. Der bayerische Landtag verabschiedete den Gesetzentwurf in dieser Woche.

Auch in anderen Ländern machen Bienenfreunde mobil. Im niederländischen Utrecht wurden die Dächer von Busstationen für Honigbienen begrünt, andere Städte pflanzen auf ihren Grünstreifen bienenfreundliche Wildblumen. Bei so viel Aufmerksamkeit, überrascht es nicht, dass die Biene nicht mehr nur für Tier- und Naturschützer, sondern auch für Unternehmen interessant geworden ist.

Einer, der den Markt Biene frühzeitig erkannt hat, ist Dieter Schimanski. Der 54-jährige Bremer hat vor vier Jahren das Start-up „Bee Rent“ gegründet. Das Konzept: Kunden, die Interesse an Honigbienen haben, bekommen diese bundesweit geliefert und ein Imker kümmert sich ganzjährig um die Völker. Zudem erhalten die Kunden – zu 95 Prozent sollen es Unternehmen und Firmen sein – den Honig. Schon sein Vater habe rund 30 Honigbienenvölker gehalten. „Heute haben Imker im Schnitt nur noch zwei Völker“, sagt Schimanski. In China gebe es dagegen Imkereien mit 30000 Völkern.

Und da liege auch schon das Problem. Als deutscher Imker könne man nur schwer Geld verdienen, wenn der Liter Honig auf dem Markt für unter zwei Euro verkauft werde. „Weniger als ein Prozent in Deutschland sind Berufsimker“, sagt Schimanski. Doch ohne die Imker können Honigbienen nicht überleben, weil sie ohne regelmäßige Behandlung von einer Milbe getötet werden. Schimanskis Start-up will den Bienen wieder professionelle Imker beschaffen.

Bienen als Geschäftsmodell

Den Service lassen sich Schimanskis Klienten einiges kosten: Fast 200 Euro kostet ein Volk bei „Bee Rent“ pro Monat. Ein Abo läuft mindestens zwei Jahre. „Die Bienen sind sehr pflegeintensiv, unsere Imker müssen die Völker etwa 15 Mal im Jahr besuchen“, sagt Schimanski. Die Kunden seien zufrieden. Viele würden gleich mehrere Völker mieten, fast alle die Verträge verlängern.

Zu seinen Kunden zählen Banken, Steuerberater, Versicherungsgesellschaften, aber auch DM oder Zeppelin. „Mein Eindruck ist, dass sich die Unternehmen nach innen für ihre Mitarbeiter profilieren wollen und sich gleichzeitig freuen über den positiven Imageeffekt nach außen freuen“, sagt Schimanski.

Experten warnen vor den Folgen vieler "ahnungsloser Imker" für das Ökosystem.
Experten warnen vor den Folgen vieler "ahnungsloser Imker" für das Ökosystem.Foto: dpa

Anfangs habe er selbst nicht an einen kommerziellen Erfolg geglaubt, gibt der Gründer zu. Doch der Hype um die bedrohte Biene hat ihm geholfen. Ein schlechtes Gewissen hat er deshalb nicht. „Wenn man einen Wasserrohrbruch hat, profitiert davon der Klempner.“ Schimanskis Wasserrohrbruch ist das vermeintliche Bienensterben. Inzwischen hat er drei fest angestellte Mitarbeiter, ein Dutzend Minijobber und 23 Franchise-Unternehmen. Das Start-up wachse jährlich um 50 bis 100 Prozent, sagt er.

Auch die Berliner Sparkasse zahlt für die Dienste von Imkerin Johanna Tränkelbach, doch von Greenwashing will die Bank in diesem Zusammenhang aber nichts hören. Die 100 bis 200 Liter Honig, die die Bienen jährlich produzieren, verteilt die Bank in kleinen Gläschen als Geschenk an Besucher, Gäste und Mitarbeiter. „Das kommt richtig gut an“, sagt ein Sprecher. Ein Marketing-Akt sei dies nicht, eher ein kleiner Beitrag für die Umwelt. „Wir sehen uns als Pioniere. Vor vier Jahren sprach doch noch niemand über Bienen.“

Gibt es zu viele Bienen in Berlin?

Tatsächlich hat die Honigbienenpopulation in den vergangenen Jahren in Berlin rasant zugenommen. Rechnet man mit 50000 Bienen pro Volk hat sich allein in den letzten zehn Jahren die Zahl der Honigbienen auf rund eine halbe Milliarde Tiere verdreifacht. Darunter rund 4500 Wandervölker, die Imker im Sommer nach Berlin bringen. Die Sprecherin des Deutschen Imkerbund, Petra Friedrich, warnte unlängst: „Die Bienendichte in Berlin ist viel zu hoch.“ Bienensterben? Der Honigbiene geht es gut.

Anders als ihren Artgenossen. Anfang Juni lagen unter vielen Linden in der Stadt tote Hummeln. Der Grund: Sie waren verhungert, weil zu dieser Jahreszeit nur noch wenige Pflanzen blühen. Auf die Linden konzentrierten sich also nicht nur die Hummeln, sondern auch zahlreiche andere Insekten und die vielen Bienenvölker. Für die Hummel, die auch eine von rund 600 Bienenarten ist, viel zu viel Konkurrenz für viel zu wenig Nektar.

Christoph Saure warnt schon lange vor einer zu starken Fokussierung auf die Honigbiene. Er beschäftigt sich mit den Insekten seit Jahrzehnten als Gutachter für Umweltbehörden in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. „Honigbienenhaltung hat mit Naturschutz überhaupt nichts zu tun“, sagt er. Saure befürchtet, dass durch die Imkerei das fragile Ökosystem der Insekten ins Ungleichgewicht gerät. „Die Konkurrenz ist zu groß“, sagt Saure, der sich vor allem um die Wildbienen sorgt.

Davon gibt es in Berlin über 300 Arten, drei Viertel stehen inzwischen auf der roten Liste. Den Honigbienen-Hype sieht er zwiegespalten. Einerseits helfe die Aufmerksamkeit auch anderen Insekten, andererseits steige durch viele ahnungslosen Hobbyimker die Gefahr von Krankheiten. Und auch die vielen Firmen, die die Situation ausnützen würden, stören ihn. Vor allem von bienenfreundlichen Samenmischungen und Insektenhotels, die immer beliebter werden, hält Saure nichts: „Was es da so beim Discounter gibt, kann man direkt in den Mülleimer werfen.“

Für Imkerin Johanna Tränkelbach überwiegen dagegen die positiven Aspekte des Bienen-Booms. „Die Biene als Promi-Insekt hat auch positive Effekte für andere Insekten.“ Sie beobachte wie das Bewusstsein bei ihren Nachbarn und Kunden für die Natur steige. Es werde überlegt, welche Pflanzen im Vorgarten gesetzt werden und die bienenfreundlichen Samen aus dem Baumarkt befürwortet sie. Dass die Hersteller damit auch Geld verdienen, stört Tränkelbach kaum. „Statt ihnen Kommerz vorzuwerfen, sollte man sich doch freuen, dass sich etwas in Sachen Naturschutz bewegt.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

31 Kommentare

Neuester Kommentar