Jeder Tag ist eine neue Herausforderung

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35 Jahre danach : Eine Begegnung mit Christiane F.
Christiane F.
von Venen und Genen. Christiane Felscherinow sagt, dass sie bei ihrer guten Konstitution mit den Drogen angefangen habe, sei eine...Foto: dpa

Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Immer wieder wird die Wohnung geputzt, denn Christiane ekelt sich vor Dreck. Das war schon so zu alten Fixerzeiten, als sie in einem Meer aus Spritzen und Zigarettenstummeln und alten Thunfischdosen schwamm, aber größten Wert legte auf ein frisch bezogenes Bett. Es hat sich noch verstärkt in der jüngeren Vergangenheit, seit den Nächten in einer Neuköllner Obdachlosenunterkunft. „Kannste dir nicht vorstellen, wie es da aussieht! Willste dir auch nicht vorstellen.“ Außerdem soll alles schön sein, wenn Philipp zu Besuch kommt.

Christianes Sohn, er ist vor zwei Wochen 17 geworden, und es ist gar nicht so selbstverständlich, dass sie diesen Geburtstag mit ihm zusammen feiern durfte. Vor ein paar Jahren hat sie das Sorgerecht verloren, nach kleineren Krisen zu Hause und einer ganz großen, die zu einer abstrusen Flucht nach Holland führte, auch davon wird im neuen Buch zu lesen sein.

Diese Zwangstrennung hätte ihr beinahe den Rest gegeben. Christiane ballerte sich, zum ersten Mal seit Jahren, richtig voll. Nicht mit Methadon, sondern mit Heroin. Und es ist ihre wahrscheinlich größte Leistung, dass sie aus eigener Kraft den Weg zurück gefunden hat und seit 2010 wieder das Sorgerecht besitzt. Auf Christianes Wunsch wohnt Philipp weiter bei seinen Pflegeeltern, „er sollte sich nicht schon wieder neue Freunde in einer neuen Gegend suchen“.

Philipp heißt natürlich nicht Philipp, im persönlichen Gespräch macht sich Christiane keine Mühe, seinen wirklichen Namen zu verbergen. „Aber wenn du was schreibst, heißt er Philipp, okay?“ Und was die Geburtstagsfeier betrifft: „Gab keine Feier!“ Kurze, ganz kurze Pause. „Wir feiern Geburtstage nun mal nicht. Ich bin so aufgewachsen. Weißte, früher, als ich in dem Alter war, in dem einen die anderen Kinder zu Geburtstagen einladen, da hatten wir kein Geld. Ich konnte meinen Freundinnen keine Geschenke kaufen. Also bin ich auch nicht eingeladen worden. Und später war ich dann auch nicht mehr so drauf, dass die anderen mich unbedingt sehen wollten.“
Christiane Felscherinow ist in armen Verhältnissen groß geworden. In Gropiusstadt, einer Trabantensiedlung im Süden Neuköllns. Aber arm ist sie nicht mehr. Es zählt zu den Besonderheiten im Leben dieser besonderen Frau, dass sie ein ganz besonderes Verhältnis zum Geld hat. Vielleicht würde sie gar nicht mehr leben ohne die Tantiemen vom „Stern“. Aber wie viele Rockmusiker oder Schauspieler verpulvern ihr Vermögen in ein paar Jahren, Monaten, Wochen? Christiane lebt seit 35 Jahren von ihren Tantiemen. Sie hat ihr Geld so langfristig angelegt, dass nicht mal sie in den schlimmsten Krisenzeiten kompletten Zugriff hatte.

Ja, Christiane genießt es, dass sie wieder gefragt ist. Endlich raus aus den Schubladen, in die sie immer gesteckt wird: Ex-Junkie, gescheiterte Mutter. Nun stapeln sich die Anfragen. Obwohl sie mit dem Internet wenig am Hut hat, betreut sie eine Christiane-F.-Fanseite und hat der „Zitty“ ein E-Mail-Interview gegeben, der „Spiegel“ plant eine größere Reportage und zu Talkshows wird sie auch eingeladen. Amazon promotet sie als „Kultfigur und Antiheldin einer Generation“.

Nach einer Stunde ununterbrochenen Redens in der Kreuzberger Kneipe geht Christiane raus auf eine Zigarette, die erste an diesem Abend. Am Tisch sitzen noch die Koautorin Sonja Vukovic und die PR-Managerin vom Verlag, sie erzählen von einer dieser vielen Besprechungen in den vergangenen Wochen. Es ging mal wieder um Lesungen und Einladungen und Interviewanfragen, und irgendwann habe Christiane gefragt: „Sagt mal, Mädels, warum seid ihr eigentlich so gestresst? Gebt dem Buch doch erst mal Luft zum Atmen! Dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich zu diesem Beckmann gehen will oder nicht!“

35 Jahre nach "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hat Christian F. ein neues Buch geschrieben. Wer heute in der Heroinszene unterwegs ist, sieht, dass sich vieles verändert hat. Lesen Sie hier die große Zitty-Reportage "Die ewige Sucht".

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