zum Hauptinhalt
Feuerwerk explodiert während der Silvesternacht in Neukölln hinter Polizei in Berlin.

© dpa/Sebastian Gollnow

Update

35 verletzte Polizisten, 430 Festnahmen, UKB „am Anschlag“: Silvesternacht in Berlin ruhiger als in den Vorjahren – die Bilanz

Die Berliner Silvesternacht verlief weniger dramatisch als in den Vorjahren, auch weil vorab viel illegales Feuerwerk beschlagnahmt wurde. Doch einzelne Schicksale wiegen schwer. Die vorläufige Bilanz.

Dutzende Böller-Verletzte, Hunderte vorläufige Festnahmen – und doch ist die Berliner Neujahrsnacht nach Einschätzung der Polizei ruhiger verlaufen als in den vergangenen Jahren. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) zogen eine positive Bilanz zum Einsatzkonzept gegen Böllerkrawalle. „Berlin hat eine ruhigere Silvesternacht erlebt als in den vergangenen Jahren“, sagte Wegner. Die Pyroverbotszonen hätten sich bewährt, ebenso wie die Strategie Prävention, Intervention, Repression.

Er dankte den Polizei-, Feuerwehr- und Rettungskräften, die in der Silvesternacht im Einsatz waren. Aus Sicht des Regierenden hätten sich die Pyroverbotszonen bewährt: „Am Alexanderplatz etwa war es so ruhig wie seit drei Jahren nicht mehr und die Berlinerinnen und Berliner konnten auch dort friedlich ins neue Jahr hineinfeiern.“ Nach der laut Wegner „schlimmsten Silvesternacht im Jahr 2022/23“ habe der schwarz-rote Senat Sicherheitsgesetze verschärft und gebe der Polizei „den nötigen Rückhalt“, so Wegner weiter.

Spranger sagte, das entschiedene Vorgehen gegen illegales Feuerwerk und die Polizeimaßnahmen in der Nacht hätten sich als richtig erwiesen. „Die Strategie und das Einsatzkonzept waren erfolgreich“, lobte die SPD-Politikerin.

Sie sprach von einer „Kombination von frühzeitiger Prävention, umfänglichen Vorfeldmaßnahmen wie Kontrollen und Durchsuchungen sowie einem konsequenten Eingreifen der Polizei“. So habe man im Vorfeld mehr als 220.000 Stück Pyrotechnik aus dem Verkehr ziehen können, darunter 109.000 Stück gefährliche Sprengstoffe der Kategorie 4 – Kugelbomben oder Raketen. „Hunderttausende von gefährlichen Explosionen konnten so verhindert werden“, sagte Spranger.

Geholfen habe auch die Ausweitung der Pyrotechnikverbotsbereiche. „Mit ihnen konnten Straftaten und Verletzungen von Menschen verhindert werden.“ Die Zonen der Vorjahre – der Alexanderplatz in Mitte, die Sonnenallee in Neukölln und der Steinmetzkiez in Schöneberg – wurden dabei teilweise erheblich vergrößert. Hinzu kam die Admiralbrücke in Kreuzberg. Die Bereiche wurden im Unterschied zu den Vorjahren nicht mehr starr abgesperrt. Stattdessen konnten sich die Polizeikräfte flexibel im Raum bewegen und Personengruppen gezielt ansprechen und kontrollieren.

Die Polizei ist konsequent gegen Gewalttäter vorgegangen.

Iris Spranger (SPD), Innensenatorin, über den Einsatz in der Silvesternacht

Bilanz der Polizei: „teils erhebliche Angriffe auf Einsatz- und Rettungskräfte“

Die Polizei hat in der Nacht 430 Personen festgenommen, 30 mehr als im Vorjahr, und 800 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die höhere Zahl sei nicht Zeichen von mehr Gewalt, im Gegenteil: Die Lage sei so gut unter Kontrolle gewesen, dass mehr Festnahmen möglich gewesen seien. 35 Polizeikräfte wurden verletzt, 22 davon durch Pyrotechnik. Unter anderem überrollte vor der JVA Moabit ein Feuerwehrauto den Fuß eines Beamten. Nur zwei Einsatzkräfte wurden so erheblich verletzt, dass sie stationär in Krankenhäusern aufgenommen wurden. Im Vorjahr hatte es 37 Verletzte gegeben.

Das Präsidium zog am Nachmittag diese Bilanz: „Im gesamten Stadtgebiet kam es erneut zu teils erheblichen Angriffen auf Einsatz- und Rettungskräfte, insbesondere durch das Beschießen oder Bewerfen mit pyrotechnischen Gegenständen.“ Deshalb seien die meisten Ermittlungsverfahren wegen Verstößen gegen das Waffengesetz sowie das Sprengstoffgesetz, wegen tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte sowie wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Brandstiftung, Körperverletzung sowie Landfriedensbruchs eingeleitet worden, hieß es weiter.

Gegen 14 Personen wurde zur Verhinderung der Fortsetzung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten Unterbindungsgewahrsam angeordnet. Sieben Personen wurden einem Ermittlungsrichter vorgeführt. Ob dieser Haftbefehl erließ, war am Nachmittag noch offen. Im Stadtgebiet wurden zwischen 18 und 6 Uhr 47 Fahrzeuge in Brand gesetzt oder gerieten in Brand. Insgesamt ist die Polizei zu 2340 Einsätzen ausgerückt.

Freiluftpartys ohne Probleme

Zu „Silvester am Brandenburger Tor“ versammelten sich laut Polizei 20.000 Menschen, es gab keine Vorkommnisse, gegen 1.30 Uhr war die Veranstaltung beendet. „Bei der neuen Silvesterparty am Brandenburger Tor haben rund 25.000 Menschen das neue Jahr friedlich und fröhlich begrüßt – und die Bilder vom Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor sind um die Welt gegangen“, freute sich der Regierende Bürgermeister Wegner.

Zur Feier mit dem Motto „World Peace Berlin“ versammelten sich ab 18.45 Uhr in der Spitze rund 2000 Menschen auf der Straße des 17. Juni und auf dem Großen Stern. Gegen 1.30 Uhr wurde die Versammlung von der Versammlungsleitung störungsfrei beendet.

Dagegen gab es auf der traditionell letzten Demo eines Jahres Krawall. Die 200 Teilnehmer von „Silvester zum Knast“ sammelten sich gegen 22.30 Uhr. Bei einer Zwischenkundgebung auf der Kreuzung Rathenower Straße/Alt-Moabit wurde die Polizei „aus dem Aufzug heraus massiv mit Pyrotechnik angegriffen“, wie das Präsidium mitteilte. Mehrere Demonstranten aus der linksextremistischen Szene wurden festgenommen, acht Polizisten verletzt.

„Die Polizei ist konsequent gegen Gewalttäter vorgegangen“, sagte Spranger. „Im nächsten Schritt müssen die Straftaten strafrechtlich schnell und konsequent verfolgt und sanktioniert werden.“ 3200 Beamte waren im Einsatz, davon 800 zur Unterstützung aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei.

Polizei mit Böllern und Raketen angegriffen

Mit einem Wasserwerfer löschte die Polizei brennende E-Scooter und andere Gegenstände in Moabit. In der Leipziger Straße in Mitte brannte den Angaben nach eine komplette Wohnung im neunten Stock eines Hochhauses aus. Schon am frühen Abend hatte es für die Feuerwehr einen größeren Einsatz gegeben: In Wilmersdorf stand gegen 18.30 Uhr in Höhe Volkspark ein geparkter Reisebus in Flammen und brannte im hinteren Teil aus. Der Brand entstand von der Gehwegseite aus, vermutlich durch Pyrotechnik. Das Fahrzeug ist zum luxuriösen Partybus umgebaut, es gehört einer Eventagentur. 

Der ausgebrannte Reisebus in Wilmersdorf.

© Jörn Hasselmann / Bearbeitung: Tagesspiegel

Elfmal Feuerwehrleute bedrängt oder angegriffen

Auch Feuerwehrsprecher Vinzenz Kasch zog am Neujahrsmorgen eine „deutlich positivere Bilanz“ als im vergangenen Jahr. Es habe weder verletzte Kollegen noch beschädigte Fahrzeuge gegeben. „Die Stimmung war deutlich entspannter“, sagte Kasch. In elf Fällen seien Feuerwehrleute bedrängt oder angegriffen worden. In einem Fall musste die Polizei in Moabit eine Barrikade mit einem Wasserwerfer löschen, weil ein Mob die Feuerwehr so massiv angriff, dass diese sich zurückzog.

Die Feuerwehr wurde zwischen Silvester 19 Uhr und Neujahr 6 Uhr früh 1830 Mal alarmiert. Das sind 62 Alarmierungen weniger als vergangenes Jahr, aber 232 mehr als vor zwei Jahren. Im Vergleich zum vergangenen Jahreswechsel gab es etwa 150 Brände weniger, was an der feuchten Witterung liegen dürfte. Es gab nur einen größeren Brand im Neuköllner Ortsteil Britz: Dort brannte es kurz nach Mitternacht im Keller eines fünfgeschossigen Wohnhauses. Eine Person wurde verletzt. Wegen der hohen Temperaturen im Keller konnte anfänglich nur von außen gelöscht werden.

971
Mal mussten zum Jahreswechsel Krankenwagen ausrücken – ein neuer Rekord.

Etwa die Hälfte aller Einsätze waren im Rettungsdienst, 971 Mal mussten Krankenwagen ausrücken. Dies sei ein neuer Rekord, sagte Kasch. In der gesamten Nacht habe es immer Reserven gegeben, betonte der Sprecher. Durch Pyrotechnik habe es „kaputte Hände, abgesprengte Finger und zerstörte Gesichter“ gegeben, die „ganze Palette an Verletzungen“.

Infolge eines Brandes kam es im Nahverkehr zu Einschränkungen, die möglicherweise bis Freitag andauern: Ein Dienstraum am S-Bahnhof Wedding fing gegen Mitternacht Feuer. Die Bundespolizei ermittelt wegen fahrlässiger Brandstiftung, vermutlich durch Pyrotechnik ausgelöst. Die Einsatzkräfte konnten den Brand schnell unter Kontrolle bringen. Dennoch blieb die Ringbahn auch am Neujahrsmorgen zwischen Gesundbrunnen und Westhafen unterbrochen.

Auf einer internen Störungsseite der Bahn war zunächst als Prognose für eine Reparatur der „Nachmittag“ genannt. Am Mittag teilte die Bahn dann mit: „Die Wiederaufnahme des Zugverkehrs kann erst erfolgen, wenn die Statik des Gebäudes begutachtet und gesichert ist.“ Da am Feiertag kein Statiker zu bekommen sei, können Züge frühestens Freitag wieder fahren, hieß es bei der Bahn. Die S-Bahn richtete Ersatzhaltestellen ein und empfiehlt auch weiterhin weiträumige Umfahrungen mit mehreren U-Bahn-Linien.

35 Böllerverletzte im UKB – darunter mindestens acht Kinder

Dass Polizei und Feuerwehr sich insgesamt zufrieden zeigten, heißt nicht, dass der Jahreswechsel im Einzelfall nicht auch gravierende persönliche Konsequenzen hatte. Deutlich wurde das bei den Meldungen aus dem Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Biesdorf, das die besonders schweren Verletzungen versorgt. Dort wurden 35 Menschen mit Böllerverletzungen behandelt, teilte Krankenhaussprecherin Angela Kijewski dem Tagesspiegel mit. Wegen der Glätte sei das Patientenaufkommen aber schon am Tage erhöht gewesen. In der Nacht habe man daher „am Anschlag“ gearbeitet – parallel in drei Operationssälen.

Mehrere Betroffene erlitten schwere Handverletzungen, teils mit dem Verlust von Fingern oder Handteilen. Weitere Patienten kamen mit Augen- und Gesichtsverletzungen in die Klinik, weil sie sich über Feuerwerksbatterien gebeugt hatten; auch Chirurgen der benachbarten Augenklinik waren im Einsatz. Unter den Verletzten waren mindestens acht Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis 17 Jahren.

Zwölfjähriger aus Brandenburg wohl mit Kugelbombenverletzungen eingeliefert

Wie Kijewski dem Tagesspiegel am frühen Abend mitteilte, wurde auch ein etwa zwölfjähriger Junge aus Brandenburg mit Kugelbombenverletzungen per Helikopter eingeliefert. Ihm sei „eine Hand weggesprengt“ worden, außerdem erlitt er mehrere Verletzungen am Körper, so wie es für eine Kugelbombe typisch ist.

Im vergangenen Jahr war ein Siebenjähriger durch eine Kugelbombe lebensbedrohlich verletzt worden. Ein 26-Jähriger, den zu diesem Jahreswechsel Splitter einer Kugelbombe im Gesicht traf, hatte großes Glück: Er kam mit etwas Ruß im Auge davon, wie eine Tagesspiegel-Reporterin aus dem UKB berichtete.

Insgesamt liege das Niveau der Verletzten im Unfallkrankenhaus im Bereich der Vorjahre, teilte Sprecherin Angela Kijewski mit. Das UKB rechnet im Laufe des Tages noch mit weiteren Patienten, da sich manche Verletzungen erst nach dem Ausnüchtern bemerkbar machten oder Verlegungen aus anderen Kliniken anstünden.

In der Charité behandelten Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte nach Angaben eines Sprechers zwischen 17 Uhr und 6 Uhr 41 Menschen wegen Verletzungen im Zusammenhang mit Feuerwerk, darunter fünf Kinder und Jugendliche. Auch hier ging es oft um Verletzungen der Hände und Knalltraumata.

Ziel: Nächstes Mal soll niemand zu Schaden kommen

Trotz des etwas ruhigeren Verlaufs ist die politische Grundsatzdebatte nicht vorbei. Innensenatorin Spranger betonte in ihrer Bilanz, dass es wieder „einen unverantwortlichen Umgang mit Feuerwerk“ gegeben habe, bei dem „Unbeteiligte und Einsatzkräfte zu Schaden kamen“. Sie kündigte an, sich „weiterhin mit Nachdruck für eine Länderöffnungsklausel im Sprengstoffrecht“ einzusetzen.

„Mein klares Ziel ist, dass beim nächsten Jahreswechsel niemand zu Schaden kommt“, ergänzte die Senatorin. Instrument soll eine „Länderöffnungsklausel im Sprengstoffrecht“ sein. So könne Berlin selbst entscheiden, „wo wir Feuerwerksverbote erlassen und Pyroerlaubniszonen genehmigen“. Bislang darf das Land Berlin nicht eigenständig Feuerwerk in größeren Bereichen verbieten, weil Sprengstoffrecht Bundessache ist. „Hier müssen alle ihrer Verantwortung nachkommen, insbesondere der Bund“, forderte die Senatorin.

Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Stephan Weh, erklärte, Polizei und Feuerwehr hätten nur mit viel Personaleinsatz „Auswüchse des Silvesterwahnsinns“ abgemildert. „Da dennoch in vielen Stadtteilen Pyrotechnik quer durch alle Richtungen geflogen ist, wir entglaste Fassaden, brennende Fahrzeuge und reihenweise gezielte Angriffe mit Raketen, Batterien und Böllern auf unsere Kollegen erleben mussten, sollte sich aber niemand zurücklehnen“, appellierte Weh. „Auch wenn die schlimmsten Bilder ausblieben, hat das mit Normalität nichts zu tun.“

Der Sprecher der Feuerwehrgewerkschaft DFeuG, Manuel Barth, bezeichnete die zahlreichen Sicherstellungen illegaler Pyrotechnik auf der Plattform X als größten Erfolg der Nacht. Die Polizeipräsenz sowie die vielen Festnahmen seien zwar wirkungsvoll gewesen, zugleich aber „ein mieses Zeugnis für die Gesellschaft“. Schwere Verletzungen seien meist auf illegales Feuerwerk und unsachgemäße Nutzung zurückzuführen. Barth plädierte daher für weitergehende Maßnahmen: begrenzte Abgabestellen und -mengen, höhere Preise sowie ein Verkaufsverbot von Pyrotechnik in Lebensmittelgeschäften. (mit dpa)

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })