Aber noch kein „Mückenjahr“ : Die Mücken fühlen sich in Berlin wohl

Summen, Stiche, Jucken – in Berlin und Brandenburg sind mehr Mücken unterwegs. Wer sie nur nervig findet, irrt: Sie sind nützlich im System.

Anima Müller
Erst Regen, dann Hitze: beste Bedingungen für die Mücken! Derzeit gibt es Massen von ihnen.
Erst Regen, dann Hitze: beste Bedingungen für die Mücken! Derzeit gibt es Massen von ihnen.Foto: dpa/Felix Kästle

Ein lauer Sommerabend am See, der Grill brutzelt. Es könnte so schön sein – wären da nicht die nervigen Stechmücken. Im Vergleich zum vergangenen Jahr hat die Zahl der Mücken in Berlin zugenommen, sagt Derk Ehlert von der Senatsumweltverwaltung. Von einem „Mückenjahr“ wolle er zwar noch nicht sprechen, das Wetter in diesem Sommer habe den Anstieg jedoch begünstigt.

Die starken Regenfälle der vergangenen Wochen haben überall in der Stadt Wasserlachen hinterlassen, vor allem auf Hausdächern – das sind ideale Kinderstuben für Babymücken. Dort legen die Weibchen ihre Eier ab, nach zehn Tagen schlüpft der Nachwuchs. Wenn wie zuletzt die Temperaturen über 20 Grad liegen, fühlen sich die Tiere wohl.

Je nach Trockenheit weichen Stechmücken aber auch auf Seen, Kanäle oder andere stehende Gewässer aus. Auch in diesem Jahr beliebt ist der Tegeler See. „Wir haben extrem viele Schnaken hier“, sagt ein Mitarbeiter des Restaurants Waldhütte im Tegeler Fließ. Gäste würden gestochen von den Tieren, die vom See her kämen.

Weniger dramatisch bewertet eine Mitarbeiterin die Lage in der Seniorenfreizeitstätte, die ebenfalls im Forst liegt: „Unsere Senioren sind da relativ leidenschaftslos, wenn sie gestochen werden.“ Sie selbst schmiere sich sowieso immer mit einem Mückenschutzmittel ein.

Die heimischen Mücken sind wertvoll

Dabei sind die kleinen Stecher zwar lästig für Menschen, für die Natur aber äußerst nützlich. „Mücken sind sehr wichtig in der gesamtbiologischen Zusammensetzung“, sagt Derk Ehlert. Viele Tierarten fressen die Stechmücken, vor allem Vögel und andere Insekten. Gerade in Zeiten des Insektensterbens seien die heimischen Mücken wertvoll, da es sie – anders als zum Beispiel Bienen – noch zuhauf gibt. Und das schon seit mehreren Millionen Jahren.

Über die Zeit haben sich Stechmücken zu wahren Überlebenskünstlern entwickelt. Viele der weltweit rund 3600 Arten, auch die hier heimische gemeine Mücke, orientieren sich an der Körpertemperatur ihrer Beute. Manche reagieren auch auf Kohlendioxid, das durch den Atem ausgestoßen wird. Entgegen landläufiger Meinung können die meisten Arten aber keinen Geruch wahrnehmen – duschen schützt also nur bedingt davor, gestochen zu werden.

Ein Gerücht, das stimmt: Nur die Weibchen stechen. Sie saugen nicht mehr als einen Tropfen Blut von Warmblütern auf, um noch fliegen zu können. Davon bilden sie 20 bis 50 Eier. Nach dem Eierlegen sterben sie meistens, im Schnitt leben die Tiere bis zu sechs Wochen.

Die Asiatische Tigermücke hat sich in Deutschland festgesetzt

In den vergangenen Jahren hat auch die Zahl tropischer Mücken, die nach Deutschland auf Schiffen oder mit Zugvögeln eingereist sind, zugenommen. Die sind weniger anspruchsvoll als unsere heimischen und können auch in seichteren Gewässern Eier ablegen. Seit Kurzem gibt es in Deutschland zum Beispiel die Asiatische Tigermücke. Die kann zwar theoretisch eine Vielzahl von Erregern übertragen. „Aber auch unsere heimischen Arten sind potenziell dazu in der Lage, jedoch kaum erforscht“, sagt Doreen Werner.

Die Biologin leitet das Projekt „Mückenatlas“, das vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) im brandenburgischen Müncheberg und dem Friedrich-Loeffler-Institut umgesetzt wird. Bürgerinnen und Bürger sind dazu angehalten, Mücken zu fangen und einzusenden. Mehr als 23.000 Exemplare sind seit dem Start des Projekts 2012 bereits eingegangen.

Nach den Mücken kommen die Wespen

Was also tun, um sich den Sommerabend nicht von summenden Kleintieren vermiesen zu lassen? Bekanntlich gibt es viele Cremes oder Sprays, die Mücken abweisen. Bei Ausflügen in besonders stechmückenreiche Gebiete wie Moore empfehlen sich stichfeste Schutzkleidung und im Zweifel Handschuhe. Um Brutplätze zu minimieren, können Regentonnen im Garten abgedeckt werden.

Ist es dann erst mal vorbei mit der Mückenzeit – je nach Trockenheit reicht sie bis in den August hinein – folgen auch schon die nächsten Brummer: Wespen. Auch die ernähren sich von den Mücken. Meist dienen sie aber nur als proteinreiche Zusatznahrung.

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