Aktionstage "Gemeinsame Sache" : Perspektiven ändern beim Schichtwechsel

Beim Projekt "Schichtwechsel" tauschen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung für einen Tag ihren Arbeitsplatz – und ihre Erfahrungswelten.

Benedikt Höpfner an seinem Arbeitsplatz bei Blumenfisch in Weißensee.
Benedikt Höpfner an seinem Arbeitsplatz bei Blumenfisch in Weißensee.Foto: Mike Wolff

Wer Werkstatt und Behinderung hört, neigt oft dazu, an einfachste Arbeitsgänge zu denken – ein Klischee, das sich hartnäckig hält. Mitarbeiter in Werkstätten werden häufig unterschätzt, das Wort „Werkstatt“ im Lebenslauf gleicht einem Stempel. Und das, obwohl die Mitarbeiter dort ernst zu nehmende Arbeiten verrichten. Vorurteile wie diese soll das Projekt „Schichtwechsel“ abbauen.

In Benedikt Höpfners Lebenslauf steht nun auch das Schöneberger Landschaftsarchitekturbüro HochC. Der „Schichtwechsel“ brachte den 32-jährigen Grafikdesigner, der seit 2013 in der Werkstatt „Blumenfisch“ in Weißensee arbeitet, in das Unternehmen. „Ich hatte Glück, dass ich dort gelandet bin“, erzählt er. „Das Team und die Chefs sind super, die Atmosphäre ist top.“ Der Aktionstag war für ihn ein Erfolg. Es folgte ein dreimonatiges Praktikum bei HochC, danach bot man ihm eine weitere Mitarbeit an.

Beim Schichtwechsel 2017 tauschten 320 Mitarbeiter mit und ohne Beeinträchtigung für einen Tag ihren Arbeitsplatz. Neben den 17 Berliner Werkstätten beteiligten sich kleine und große Unternehmen wie die Messe Berlin, die Feuerwehr und die Wochenzeitung „Der Freitag“. In den Werkstätten arbeiten Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer Beeinträchtigung, vom Ungelernten bis zum Akademiker, in verschiedenen Berufsfeldern. Sie werden dort auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Der Schichtwechsel soll Teilnehmern beider Seiten zeigen, wie die Arbeit in den jeweiligen Unternehmen und Werkstätten abläuft, sie sollen zuschauen und mitarbeiten können. Bis kurz vor dem nächsten Aktionstag am 11. Oktober können Unternehmen sich dafür anmelden, ihnen wird dann ein Tauschpartner vermittelt.

Die Landschaftsarchitekten Markus Kohlke (li.), Gasper Habjanic (Mi.) und HochC-Geschäftsführerin Lioba Lissner (re.).
Die Landschaftsarchitekten Markus Kohlke (li.), Gasper Habjanic (Mi.) und HochC-Geschäftsführerin Lioba Lissner (re.).Foto: Thilo Rückeis

Benedikt Höpfner und der Landschaftsarchitekt Gašper Habjanic machten aus einem Schichtwechseltag zwei, um sich gegenseitig an ihren Arbeitsplätzen zu begleiten. Bei „Blumenfisch“ gestaltet Höpfner, der eine psychische Beeinträchtigung hat, unter anderem Flyer und Plakate für Unternehmen. Außerdem zeichnet, schreibt und layoutet er für die Mitarbeiterzeitschrift. „Ich war total überrascht, wie professionell die Werkstätten arbeiten und was sie leisten“, erinnert sich Habjanic. „Mir war nicht bewusst, dass es dort eine große Designabteilung gibt und auch Bereiche wie Siebdruck und Keramik.“ Für ihn sei das Projekt ein Gewinn gewesen: „Ich fand es spannend, mal ein anderes Arbeitsumfeld zu erleben. Ich habe mir davon erhofft, Abstand zu meiner eigenen Arbeit zu gewinnen und sie zu reflektieren. Tatsächlich war es dann auch so.“

Die HochC-Mitarbeiter sind nach eigenem Bekunden mit Höpfners Arbeit sehr zufrieden und von seinen professionellen Kenntnissen als Grafiker überzeugt. Gleichzeitig lernten die Architekten, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen. Geschäftsführerin Lioba Lissner sagt: „Wir neigen hier dazu, immer schneller zu reden und zu arbeiten, wenn viel zu tun ist, sodass es uns selbst oft auch zu viel wird. Unsere Aufgabe war dann, darauf zu achten, dass es Benedikt nicht zu viel wird.“ Schichtwechsler Habjanic ergänzt: „Dadurch haben wir gelernt, anders miteinander umzugehen und nicht mehr so hektisch zu sein.“

Auch Benedikt Höpfner hat etwas mitgenommen: „Ich neige dazu, alles abzuarbeiten, was man mir auf den Tisch legt, und sage nicht Nein“, erklärt er. „Das musste ich dort ändern. Weil der Zeitdruck im echten Leben ein anderer ist als bei Blumenfisch.“ Auch seinen Perfektionismus habe er dabei etwas herunterfahren müssen, trotzdem sei das Ergebnis gut geworden. Für ihn sei das Praktikum eine positive Erfahrung gewesen.

Benedikt Höpfner erzählt von seinen Erfahrungen beim Schichtwechsel.
Benedikt Höpfner erzählt von seinen Erfahrungen beim Schichtwechsel.Foto: Mike Wolff

Im Mitarbeitermagazin schreibt Höpfner über den Aktionstag: Oft herrsche die Illusion, der erste Arbeitsmarkt sei ein „hartes Pflaster, auf dem man an die Wand gearbeitet wird, bis nichts mehr geht“ und man gefeuert werde, wenn man nicht ständig die volle Leistung erbringen könne: „Ich habe gemerkt, dass vieles von dem nicht zutrifft. Wir produzieren bereits auf einem Level, der dem vermeintlich schwereren ersten Arbeitsmarkt sehr nahekommt und ihn bestimmt auch teilweise übertrifft.“ Der große Unterschied sei lediglich, dass man in den Werkstätten weniger Zeitdruck habe.

Anfangs sei er skeptisch gegenüber dem Schichtwechsel gewesen, weil ein Tag nicht ausreiche, um einen Betrieb kennenzulernen, sagt Höpfner. Diese Kritik hätten auch andere Teilnehmer geäußert, sagt Uta Eichner, stellvertretende Leiterin des Begleitenden Dienstes bei „Blumenfisch“ in Weißensee: „Natürlich kann man an einem Tag nicht voll mitarbeiten, aber es geht um den Eindruck und darum, neue Kooperationen oder Praktika entstehen zu lassen.“ Das Feedback der Teilnehmer aus den Betrieben sei enorm gewesen: „Viele haben sich vorgestellt, dass hier eher Beschäftigung als Arbeit stattfindet. Sie haben dann gesehen, welche Qualitätsarbeit hier geleistet wird.“

Ursula Laumann von der Union Sozialer Einrichtungen sagt: „Es gab in einzelnen Fällen Erfolgsgeschichten, wo durch den Schichtwechsel betriebsintegrierte Arbeitsplätze entstanden sind, also Firmen Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geschaffen haben.“ Dies sei auch das Ziel des Projekts. Laumann gehört zum Organisationsteam des „Schichtwechsels“. „Wir hoffen, dass sich durch den Schichtwechsel Sichtweisen ändern, und Ängste schwinden.“ Die Macher werben dafür, dass noch mehr Firmen mitmachen. Die Landschaftsarchitekten möchten beim nächsten „Schichtwechsel“ wieder mitmachen. Und Benedikt Höpfner denkt jetzt darüber nach, wie sein weiterer Berufsweg aussehen könnte.

Der zweite Schichtwechsel findet am 11. Oktober statt. Weitere Infos und Anmeldung unter www.schichtwechsel-berlin.de.

Machen Sie mit: Wollen Sie – allein, mit Nachbarn, Freunden oder Ihrer Initiative – mitmachen beim Aktionstag von Tagesspiegel und Paritätischem Wohlfahrtsverband? Alle Aktionen finden Sie hier: www.gemeinsamesache.berlin. Dort können Sie auch Ihre eigene Aktion anmelden. Bei Fragen: gemeinsamesache@tagesspiegel.de

Sie alle machen mit:

Jeden Tag stellen wir Ihnen hier Projekte vor, die sich noch Helfer wünschen.

Marheinekeplatz wird wieder schön

Wir Anwohner wollen am Freitag, dem 7. 9., von 16.30 – 20 Uhr erneut ein Zeichen gegen die Verwahrlosung unseres Platzes setzen; mit Kindern, Eltern am Spielplatz, mit Biertrinkern, mit Besuchern ins Gespräch kommen und Interessenten spontan einladen, mitzumachen. Danach machen wir ein gemeinsames Picknick auf der gesäuberten Wiese. Wir freuen uns auf alle, die anpacken!

Ort: Marheinekeplatz, 10961 Kreuzberg. Kontakt: 69041879. E-Mail: yvetteegies@gmail.com

Seerosen der Erinnerung basteln

Am Weltgedenktag für verstorbenen Kinder findet auf dem Gelände der Björn-Schulz-Stiftung in Pankow eine Gedenkveranstaltung statt. Zur Zeremonie gehören Kerzen, die auf Seerosen im Erinnerungsteich zu Wasser gelassen werden. Die Björn-Schulz-Stiftung sucht Unterstützer/-innen, die am Freitag, dem 7. 9, von 16 –20 Uhr bei der Herstellung der Seerosen aus wasserfestem Papier helfen. Das Material wird gestellt, fachkundige Anleitung erfolgt. Für Verpflegung wird gesorgt. Zusätzlich bieten wir eine Hausführung durch das Kinderhospiz Sonnenhof an.

Ort: Wilhelm-Wolff-Straße 38, 13156 Pankow. Kontakt: 39899835. E-Mail: f.ewers@bjoern-schulz-stiftung.de. www.bjoern-schulz-stiftung.de

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