Alpha-Siegel : Wo Analphabeten in Berlin Unterstützung finden

Rund 320.000 Berliner können weder lesen noch schreiben. Neue Initiativen sollen das ändern. Zwei ehemalige Analphabeten zeigen, was möglich ist.

Carina Kaiser
Wie spiegelverkehrter Text: So sehen Analphabeten geschriebene Sätze.
Wie spiegelverkehrter Text: So sehen Analphabeten geschriebene Sätze.Grafik: Tsp

Die zwei Sätze, die Sie im Aufmacherbild sehen können, haben Sie wahrscheinlich verwirrt. Sie wirken wie eine unbekannte Sprache, wie Kauderwelsch. So wie Ihnen jetzt, geht es 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die weder lesen noch schreiben können. Jeder vierte Koch, Maler oder Lkw-Fahrer ist funktionaler Analphabet. Unter den Hilfsarbeitern auf dem Bau ist es sogar jeder zweite. Allein in Berlin sind Schätzungen zufolge rund 320.000 Menschen betroffen.

Gerhard Prange aus Reinickendorf konnte bis zu seinem 53. Lebensjahr nur einzelne Wortfetzen lesen oder zu Papier bringen. Aufgewachsen in einem einkommensschwachen Haushalt und mit sechs Geschwistern, war er nicht der einzige in der Familie, der Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hatte. Unterstützung erhielt er kaum.

Später fing er an zu trinken, verlor den Job. Aus Angst seine Schwäche öffentlich zuzugeben, erfand er über die Jahre immer neue Strategien, um sich nicht bekennen zu müssen. „Vor acht Jahren hab mich dann geoutet“, sagt Gerhard Prange heute hemmungslos. „Meine Tochter konnte mit neun Jahren besser lesen und schreiben als ich, dabei wollte ich ihr doch vorlesen.“ Vor einigen Jahren hat Prange sich dann Unterstützung in einem Jobcenter geholt, indem er sein Problem offen zugegeben hat.

Im Fokus der Öffentlichkeit standen Betroffene bisher selten

Der 61-Jährige lernt das Handwerk von Grund auf neu. Mit Material aus der ersten und zweiten Klasse sitzt der 1,90-Meter-Mann mit Brille Woche um Woche neben seinen Lernkollegen im Jobcenter Neukölln und versucht aufzuholen, was er viele Jahre verpasst hat. „Lernen ist schwer, aber es macht Spaß.“ Prange ist zuversichtlich. Trotzdem trägt er immer eine kleine blaue Karte in seiner Tasche, auf der steht: „Du kannst nichts dafür.“ Sie gibt ihm Kraft und Mut, wie er sagt.

Der Schock saß tief, als 2011 durch eine Studie der Universität Hamburg bekannt wurde, dass jeder siebte Erwachsene in Deutschland funktionaler Analphabet ist. Das macht rund 14,5 Prozent der erwerbsfähigen Gesamtbevölkerung aus. Das Thema ist aktueller denn je. Im Fokus der Öffentlichkeit standen Betroffene bisher selten. Die hohe Zahl war einschneidend, das soll sich ändern.

2016 wurde die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade)“ gegründet. Eine Initiative, die Bund und Länder bis 2026 dazu aufrufen soll, ein Klima zu schaffen, in dem betroffene Menschen den Mut finden sich anderen anzuvertrauen. Die Aktion, die mit 180 Millionen Euro finanziert wird, möchte die Menschen großflächig erreichen und durch verschiedene Grund- und Weiterbildungsangebote fördern. Es soll leichter werden, nach Hilfe zu fragen und Hilfe zu bekommen.

Erwachsene haben Hemmungen, ihr Problem anzusprechen

Durch die AlphaDekade wurde die Wichtigkeit des Themas mehr ins Licht gerückt und öffentlicher diskutiert. Auch in Berlin wurden Projekte ins Leben gerufen, um die betroffenen Menschen zu erreichen. „Es hat sich viel bewegt, wir sind sehr weit vorne, was die Verbesserung der Situation von Menschen mit Lese- und Schreibschwäche betrifft“, sagt Erika Nagler, Referentin des Grund-Bildungs- Zentrums Berlin (GBZ). Das GBZ wird getragen vom gemeinnützigen Verein „Lesen und Schreiben e.V. Berlin“, der seit mehr als 30 Jahren in Neukölln seinen Sitz hat. Hier können Erwachsene in kleinen Lerngruppen kostenlos Stoff aufholen, den sie als Kinder verpasst haben.

Seit 2014 hat sich das GBZ zur Aufgabe gemacht, Alphabetisierung und Grundbildung bekannter zu machen und für einen sensibleren Umgang mit Betroffenen zu sorgen. Die Stromrechnung, die Lebensmittelverpackung im Geschäft, eine E-Mail schreiben – es sind alltägliche Dinge, die für viele Menschen selbstverständlich sind, für funktionale Analphabeten aber ein großes Hindernis bedeuten.

Oftmals haben betroffene Erwachsene Hemmungen, ihr Problem anzusprechen oder sich aus eigener Kraft Hilfe zu suchen. In den meisten Fällen meiden sie Situationen, in denen sie lesen oder schreiben müssen. Selbst wenn Menschen offen mit ihrem Problem umgehen, kommt früher oder später der Moment, in dem sie mit ihrer Schwäche konfrontiert werden.

Was es braucht, sind Mutmacher, den Zuspruch von Vertrauenspersonen. Deshalb hat das GBZ ein sogenanntes „Alpha-Siegel“ entwickelt. „Das bekommen Beratungs- oder Sozialeinrichtungen verliehen, die sich für Menschen mit geringen Schriftsprachkompetenzen einfach zugänglich machen“, sagt Nagler. Einrichtungen mit dem Siegel seien nicht nur durch ihren Kundenkontakt nah an den betroffen Menschen dran, sie verstünden sich auch als sensible Anlaufstelle für jene. Niemand, der nicht lesen und schreiben kann, müsse sich dort erklären.

Alexandra Ernst – hier mit ihrem Begleithund Ronja – hat erst als Erwachsene Lesen und Schreiben gelernt.
Alexandra Ernst – hier mit ihrem Begleithund Ronja – hat erst als Erwachsene Lesen und Schreiben gelernt.Foto: privat

Fünfen und Sechsen auf dem Zeugnis

Den Behörden ist auch Alexandra Ernst lange erfolgreich aus dem Weg gegangen. Die heute 31-Jährige wohnt in Berlin und hat mit 24 Jahren richtig lesen und schreiben gelernt. In der Grundschule hat sie irgendwann den Anschluss verloren. Dafür wurde sie beim Vorlesen von ihren Mitschülern oft gemobbt. „Die haben ihre Milchflaschen in meinem Rucksack ausgekippt, weil ich ihrer Meinung nach meine Bücher nicht gebraucht habe, da ich sie nicht richtig benutzen konnte“, erinnert sie sich.

Auch die Lehrer waren keine Hilfe. Sie unterstellten ihr Faulheit und setzen sie in die letzte Reihe. „Unter Stress konnte ich in Prüfungen nicht mal meinen Namen richtig schreiben. Dafür gab es natürlich einen Punktabzug.“ Mit Fünfen und Sechsen auf dem Zeugnis, habe sie gerade so ihren Hauptschulabschluss geschafft. Auch ihre familiäre Situation war nicht einfach, erzählt sie. Zwischenzeitlich wohnte sie sogar in einem Heim. Lange Zeit wollte sie sich niemandem anvertrauen. „Wem sagt man denn: Ich in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen, aber ich kann nicht lesen und schreiben?“

Im Alltag entwickelte sie – wie Gerhard Prange – Strategien, um nicht aufzufallen. Damit kam sie im Beruf zurecht, bis sie aufgrund einer längeren Krankheitsphase arbeitslos wurde. „Beim Jobcenter habe dann so getan, als hätte ich meine Brille vergessen. Einmal habe ich meine Hand so lange gegen eine Wand geschlagen, bis ich sie verbinden musste“, erzählt sie. Erst später habe sie eine Freundin gefunden, der sie sich anvertrauen konnte. „Sie war feinfühlig und hat mir geholfen, statt mich zu verurteilen.“

Ihr erstes vollständiges Buch, „Harry Potter“, hat Alexandra Ernst mit 19 Jahren gelesen. Es dauerte über einen Monat. „Ich hatte selber viele Geschichten im Kopf, aber hatte nie die Möglichkeit, sie niederzuschreiben“, sagt sie. Heute schreibt sie Kurzgeschichten und veröffentlichte vor zwei Jahren unter dem Pseudonym „Salome Fuchs“ das Fantasy-Buch „Nimmerlands Fluch“ im Drachenmond-Verlag, das sich der Frage widmet: Was wäre, wenn alles, was du in deiner Kindheit über Peter Pan gehört hast, eine einzige Lüge ist?

Einrichtungen mit Alpha-Siegel: Viele neue Anfragen

Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten haben häufig ähnliche Erfahrungen hinter sich. Mitarbeiter aus den Einrichtungen, die das Alpha-Siegel erhalten wollen, werden durch Schulungen dafür sensibilisiert, Betroffene schon beim ersten Kontakt zu erkennen und sie verständnisvoll auf Hilfsmöglichkeiten anzusprechen.

Dass das die richtige Strategie ist, sieht man auch beim Jobcenter Spandau so. Die Geschäftsführung hat 2016 dafür die Weichen gestellt, damit sie das erste Siegel vom GBZ erhalten. Das Jobcenter gilt damit bundesweit als Pilotprojekt. Das Konzept sei aufgegangen, die Betroffenen „als Experten ihrer selbst“ stark in die Prozesse mit einzubinden, um ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen. Gemeinsam habe man Begehungen durch das Jobcenter gemacht und an den wichtigen Stellen leicht verständliche Piktogramme oder Bilder anzubringen. Auch Flyer, die Website oder Ausschilderungen wurden gemeinsam gestaltet.

Rund 60 Prozent der Mitarbeiter aus Beratung und Arbeitsvermittlung seien bereits geschult worden, sagt Alessia Gordienko, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt im Spandauer Jobcenter. Jedes Jahr kommen 40 weitere Personen dazu. „Als öffentliche Behörde ist es unsere Aufgabe, dass die Menschen bei uns ankommen. Rollstuhlfahrer haben auch einen barrierefreien Zugang, das sollte kein Unterschied sein“, erklärt sie. Viele hatten eine schwierige Kindheit oder wuchsen in einem sozial schwachen Umfeld auf. Das bedeute aber nicht, sie wären deshalb weniger qualifiziert für den Arbeitsmarkt. Im Gegenteil: „Sie besitzen eine hohe Auffassungsgabe, sind organisiert und emphatisch, weil sie im Leben immer Wege finden mussten, sich zu helfen.“

Die GBZ hat seit dem Jobcenter Spandau weitere 28 Alpha-Siegel verliehen. „Weitere Einrichtungen befinden sich bereits im Siegel-Prozesses und es gibt viele neue Anfragen“, sagt Gordienko. Darüber hinaus vernetzen sich verstärkt die Bezirke mit Volkshochschulen, Bibliotheken und anderen Beratungseinrichtungen. Mitglieder eines solchen Alpha-Bündnisses initiieren und unterstützen Beratungsangebote, um noch mehr Betroffene zu erreichen. „Es soll niemand auf der Strecke bleiben“, sagt Gordienko.

Die ersten Sätze am Anfang dieses Artikels bedeuten übrigens Folgendes: „Es gibt Menschen, die diesen Text nicht lesen können, weil sie als Kind nie die Chance hatten, lesen und schreiben zu lernen. Aber sie können es jetzt lernen.“

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