Und wie ist der Ausblick?

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Berlin von oben : Und nun zu den Aussichten

Was den Ausblick betrifft: viel Grün im Westen, reichlich Stein im Osten. Die dem Senat heilige Traufhöhe von 22 Metern wirkt von hier wie eine unverbindliche Vorgabe von folkloristischem Charakter. Überall an den tief liegenden Wolken kratzen Betonzacken, auch sie stehen für das chaotische, wild wuchernde Berlin, das die Touristen so sehr fasziniert. Und das Hitler als so abstoßend empfand, dass er seinen Leibarchitekten Albert Speer damit beauftragte, die halbe Innenstadt einzureißen und auf ihrem Boden die Welthauptstadt Germania zu errichten. Hat glücklicherweise nicht ganz geklappt.

Teufelsberg – Pläne und Verfall
Blick auf die frühere Abhörstation auf dem Teufelsberg, im Hintergrund die Stadtsilhouette Berlins.Weitere Bilder anzeigen
1 von 43Foto: Imago
18.08.2016 10:40Der Teufelsberg im Grunewald, ein 120 Meter hoher Hügel voller Geschichte. Hier ein Blick auf die Stadt, den Wald und den zweiten...

Schon zur Hälfte des Rundgangs drängt sich der Eindruck auf, dass sich kaum etwas geändert hat am Weichbild der sich ständig verändernden Stadt Berlin. Selbst das riesige Hochhaus mit dem verniedlichenden Namen Zoofenster wirkt aus der Distanz winzig. Unbedeutend für das Gesamtbild. Ein gutes Stück weiter links erahnt man den Flughafen Tegel. Da lohnt jeder Blick, denn Tegel macht am 2. Juni dicht. Dann wird es auch mit den sanft an der Peripherie entlang schwebenden Flugzeugen und ihren in den Himmel gemalten Kondensstreifen vorbei sein. Über das Stadtzentrum verirrt sich schon seit der Schließung von Tempelhof vor vier Jahren kein Pilot mehr.

Es sind immer noch die alten Bauwerke, die dem Auge Orientierung bieten. Die auffälligste Erscheinung ist die ehemalige US-Abhörstation, die seit Jahren auf dem Teufelsberg verrottet. Mitten im Grunewald, der als riesiger grüner Teppich die Topografie westlich des Funkturms bestimmt. „Ist das wirklich noch Berlin?“, fragt eine Besucherin mit bayerischem Akzent. Die Frau sagt, Wälder habe sie zu Hause eigentlich genug, dafür müsse sie in Berlin nicht auf einen Turm klettern, und überhaupt: „Ich dachte immer, dieser Fernsehturm liegt irgendwo im Osten!“

Kleines Missverständnis, symbolisch für die Verschiebung von Bedeutungen und Wichtigkeiten. Als exponierter Aussichtspunkt der vereinigten Stadt gilt eben nicht der Funkturm, sondern der gut 40 Jahre später im Osten errichtete Fernsehturm. Hier 600 Tonnen Stahl, dort 26 000 Tonnen Beton. Der Fernsehturm ist mehr als doppelt so hoch (368 Meter) wie der Funkturm und liegt mitten im alten Zentrum, direkt am S-Bahnhof Alexanderplatz, in unmittelbarer Nachbarschaft von Marienkirche und Rotem Rathaus. Perfekt zu erreichen mit U- und S-Bahn, unverzichtbarer Zwischenstopp auf jeder Stadtrundfahrt.

Welcher Reisebus aber verirrt sich heute noch zum Messegelände?

Konzepte für den Flughafen Tegel
Alles Öko. Das Architektenbüro gmp entwarf einst den Flughafen Tegel und wirbt nun für eine dortige „Stadt der Zukunft“, in der sich alles um erneuerbare Energien dreht. Dieser Entwurf des Architekturbüros gmp sieht eine enge Bebauung entlang der beiden Rollbahnen vor, der Tegeler Forst würde erweitert.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Simulation: Promo
08.01.2012 15:25Alles Öko. Das Architektenbüro gmp entwarf einst den Flughafen Tegel und wirbt nun für eine dortige „Stadt der Zukunft“, in der...

Mit der S-Bahn sind es zwanzig Minuten von Funk- zu Fernsehturm. Auch hier wird gebaut, seit gut vier Monaten schon. Modernisierungsarbeiten für gut eine Million Euro. Bis Ostern soll alles fertig sein, und wenn nicht – das Publikum kommt auch so. Die Besucherschlange reicht schon mittags bis weit vor den Eingangspavillon. Deutschlands höchstes Bauwerk zählt jedes Jahr gut eine Million Besucher.

Zwei Fahrstühle fahren parallel zur Kugel in der Mitte des Turms, wo Bar und Restaurant auf Kundschaft warten. An guten Tagen schweift der Blick vom Fernsehturm bis zu den Müggelbergen, aber solche Tage sind rar. Kann schon mal passieren, dass bei wolkenfreiem und blauem Himmel gerade noch die Treptowers hinter der Oberbaumbrücke durch einen schwer zu definierenden Dunstschleier zu erkennen sind. Die Berliner Luft ist auch nicht mehr, was sie mal war, wenn sie es denn jemals war.

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