Berlinale-Programmheft : Ein Film in 255 Zeichen

Eine Texterin der Berlinale spricht im Interview über ihren Job – und erklärt, wie sie stundenlange Filme in wenigen Zeilen zusammenfasst.

Anna Pia Möller
Ist Robert Pattinson im Wettbewerbsfilm "Damsel" ein "Drifter zwischen den Welten"?
Ist Robert Pattinson im Wettbewerbsfilm "Damsel" ein "Drifter zwischen den Welten"?Foto: Handout/Strophic Productions Limited/Berlinale/dpa

Wie kommen die Texte für das Berlinale-Programm zustande? Anna Schwietering arbeitet in der Presse- und Öffentlichkeitsabteilung der Sektion Forum bei der Berlinale. Filme gucken ist ihr Job – und das Schreiben der kurzen Texte fürs Programm.

Frau Schwietering, Sie und Ihre Kollegen sind dafür zuständig, die Publikationen der Berlinale mit Inhalt zu füllen. Das bedeutet: 90 Minuten Film auf wenigen Zeilen zusammenfassen. Wie entstehen diese Kurzsynopsen im Programmheft?

Zunächst müssen wir natürlich die Filme gucken. Das sind in unserer Sektion etwa 60 Filme, die jeder kennen muss. Die Frage „Was gucke ich heute Abend?“ stellt sich mir also jedes Jahr von Dezember bis Februar nicht. Für eine Synopse habe ich 255 Zeichen – das ist natürlich absurd wenig.

Am Anfang schreibe ich alles auf, was mir in den Sinn kommt und kürze dann. Erst in diesem Prozess wird einem klar, was wirklich wichtig ist. Dabei bewegt man sich auf einem schmalen Grat zwischen dem, was man dem Festivalbesucher über den Film sagen will und dem, was man noch nicht verraten sollte, um nicht alles vorweg zu nehmen.

Fällt es eigentlich schwerer, einen Text über einen Film zu schreiben, den man nicht so mag?

Prinzipiell finden wir natürlich jeden Film gut, den wir ins Programm nehmen. Aber natürlich gibt es jene, die man unaufmerksamer schaut, weil sie einen persönlich nicht so erreichen. Meiner Erfahrung nach werden diese Synopsen häufig sogar noch besser. Da kann man sich besser auf das Wesentliche beschränken, hat etwas Abstand und damit einen klareren Blick.

Manchmal geraten die Kurzbeschreibungen ja etwas seltsam.

Das ist mir dieses Jahr auch aufgefallen, als ich Texte über Filme gelesen habe, die ich noch nicht gesehen hatte. Ich glaube, das hat zwei Gründe: Manches erscheint einem selbstverständlich, wenn man den Film gesehen hat – und dann lässt man wichtige Informationen weg. Außerdem gibt es einen Film-Sprech, den ich selbst auch nicht besonders mag. Da gelangen Formulierungen wie „ein Drifter zwischen zwei Welten“ in die Texte. Das ist etwas unzugänglich, wenn man nicht in der Filmwelt drin steckt

Empfinden Sie eine gewisse Verantwortung, wenn Sie die Kurzbeschreibungen verfassen? Immerhin werden viele Berlinale-Besucher auf dieser Basis entscheiden, welche Filme sie sich angucken.

Natürlich. Für die Filmemacher ist die Berlinale eine große Chance und wir möchten jedem eine gute Ausgangsposition ermöglichen und alle gleich behandeln – egal, ob uns persönlich ein Film gut gefällt oder nicht. Aber uns ist auch bewusst, dass die Aussage oder der Zwischenton eines Films auf so wenigen Zeichen häufig schwierig zu transportieren ist.

Deswegen haben wir in der Broschüre der Sektion Forum dieses Jahr erstmals den zuvor separat erscheinenden Magazinteil eingegliedert, mit Texten die über eine Inhaltsbeschreibung hinausgehen. Und sowohl in der Broschüre als auch online gibt es zu jedem Film eine lange Beschreibung, meistens verfasst von Mitgliedern des Auswahlkomitees. Für Kurzentschlossene bleibt das Programmheft mit den Kurzsynopsen aber weiterhin eine gute Quelle.

Anna Schwietering, 28, studiert Philosophie an der Humboldt-Universität und beschäftigt sich dabei auch mit Filmästhetik. Seit 2016 arbeitet sie zudem für das Team des Berlinale-Forums.

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