Berliner Tourismus-Konzept : Sperrt die Berlin-Besucher in die Zitadelle!

Raus in die Außenbezirke? Berlins neues Tourismus-Konzept sucht die „gezielte Lenkung“ - und zielt dabei selbst an so manchem vorbei. Eine Kolumne.

Brandenburger Tor? Aber doch nicht nur! Touristen sollen in die Spandauer Zitadelle umgelenkt werden.
Brandenburger Tor? Aber doch nicht nur! Touristen sollen in die Spandauer Zitadelle umgelenkt werden.Foto: Mike Wolff

Bisher gehören die Ziffern „365/24“ noch zum Motto der Berliner Touristenwerbung. Soll heißen, die Stadt, die sich am liebsten mit New York vergleichen will, sie steht jeden Tag im Jahr rund um die Uhr unter Strom und jedem offen. Keine Sperrstunde, the city that never sleeps.

Inzwischen aber wollen manche Berliner (und manche Berlin-Reisende) auch mal ruhig schlafen, selbst wenn sie noch nicht tot, über dreißig oder sonstwie uncool sind. Die Touristenzahlen haben sich in Berlin im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt, man zählt gut 13 Millionen Besucher pro Jahr und mehr als 30 Millionen Übernachtungen (ohne die unzähligen Privatquartiere), daraus folgen ein jährlicher Umsatz von rund zwölf Milliarden Euro sowie 235 000 Vollzeitarbeitsplätze.

Manche Einheimische fühlen sich indes von den weiteren Folgen wie mehr Lärm, Verkehr, Müll oder beschleunigter Gentrifizierung behelligt. Also gibt’s gegenüber dem Fremdenverkehr eine neue Fremdenfeindlichkeit.

Das macht Sorgen. Zumal Berlin vom Tourismus und Dienstleistungsgewerbe wirtschaftlich abhängig ist – und seinen Ruf der Weltoffenheit nicht verspielen möchte. Also macht der Senat, basierend auf der Studie einer Consulting-Gesellschaft, sich nun ein neues „Konzept für einen stadtverträglichen und nachhaltigen Berlin-Tourismus 2018+“ zu eigen. Wie berichtet, soll es um den „Erhalt der Akzeptanz“ (bei der Bevölkerung), um „Sauberkeit“ und die „Entzerrung der Tourismusströme hin zu den Außenbezirken“ gehen. Das Motto „365/24“ kommt nicht mehr vor.

Wenn man die 47 Seiten des Konzepts „2018+“ genauer liest, wundert man sich allerdings, warum all das wohlfeil Vernünftige darin nicht von ein paar kundigen Sachbearbeitern der eigenen Senatsverwaltung(en) verfasst werden konnte. Ohne Auftrag und Honorar für eine externe Beratungsfirma. Und natürlich wäre es ganz schön, die Berlin-Touristen kämen nicht nur vornehmlich ans Brandenburger Tor und nach Mitte oder tummelten sich abends und nachts womöglich weniger an der Warschauer Brücke (Drogen!) oder im Wrangelkiez (Kneipen!). Aber so viel frommes Wunschdenken bedarf halt doch mehr als nur abstrakt „eine gezielte Lenkung der Besucherinnen und Besucher heraus in die Außenbezirke“ zu empfehlen. Gezielte Lenkung?

Man strebt eine „höhere Wertschöpfung“ pro Reisenden an

Auch New York kann die Mehrheit seiner Besucher nicht aus Manhattan „herauslenken“, Paris nicht vom Eiffelturm oder Vierteln wie Montmartre oder Saint- Germain abhalten, London nicht Westminster sperren. Wer nun völlig zu Recht die Sehenswürdigkeit der Zitadelle Spandau preist, wird damit den ganzen Bezirk noch nicht hipp machen – und sollte vielleicht erstmal sehen, wie ein Ortsfremder als vorbildlicher S-Bahnfahrer vom Zentrum Spandaus aus ohne Navi die kaum ausgeschilderte Zitadelle findet.

Überhaupt kennt das Konzept praktisch keine hausgemachten Probleme. Kein Wort darüber, wo es am Training von Bus- und Taxifahrern fehlt, wo an fehlender Information – ob im Nahverkehr oder selbst in der hehren, von Besuchern oft kaum gefundenen Gemäldegalerie am Kulturforum, mit ihren Bildlegenden allein auf Deutsch. Ist andererseits von der „Vermüllung“ die Rede, dann werden mehr Aufwendungen für die Beseitigung gefordert, ohne zu erwähnen: dass viele Touris nur dem Beispiel der Einheimischen folgen, die ihre Bierflaschen und Pizzadeckel so einfach auf die Straße werfen und ihre Vierbeiner die Notdurft direkt vor Hauseingängen verrichten lassen. Kein Wunder: Hunde und Touristen sind auch nur Menschen.

Arm, aber sexy soll übrigens nicht mehr gelten. Man erstrebt eine „höhere Wertschöpfung“ pro Reisenden im „New Urban Tourism“ an, auch damit Servicekräfte besser bezahlt werden. Unklar aber bleibt, ob deswegen die Berliner Hotel- und Restaurantspreise steigen sollen und wie das denn zu beeinflussen wäre. Oder apropos „Entzerrung“: Das „Nachbarland Brandenburg“ wird nur ein Mal bei der Vernetzung des insbesondere „muskelbetriebenen Wassertourismus“ erwähnt. Trotz aller Bedeutung der Kultur-Reisen gerät ein Ausflug nach Potsdam nicht ins Blickfeld. Genauso wenig wie eine Attraktion sondergleichen: Touren zu unserem modernen Pompeji: dem weltweit einzigartigen Flughafen BER.

Lächeln kann man auch über die Gender-Sprache des Konzepts. Nicht nur jeder Besucher ist zudem eine „-rin“. Selbst „Tourismusorganisationen“ finden hier in Gestalt anderen Institutionen ihre „Partnerinnen und Partner“.

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