Blogger Mario Sixtus : Zwischen Vergangenheit und Zukunft an der Kastanienallee

Er zahle zu viel Miete und hat Konzentrationsprobleme - unterwegs mit Autor und Blogger Mario Sixtus durch seinen Kiez.

Mario Sixtus wurde als „Elektrischer Reporter“ bekannt: Nun hat er ein Buch über die Zukunft geschrieben.
Mario Sixtus wurde als „Elektrischer Reporter“ bekannt: Nun hat er ein Buch über die Zukunft geschrieben.Foto: Mike Wolff

Früher Dienstagnachmittag, vor uns die Zionskirche, im Rücken die Kastanienallee, soeben quietscht eine Tram um die Ecke. Mario Sixtus blickt einen an und sagt: „also entweder stehen oder gehen.“ Das jetzt hier gerade, das sei so „ein komisches Zwischentempo“. Da müsse man sich schon entscheiden.

Okay, dann natürlich: gehen. Mario Sixtus, 54, Autor, Filmemacher, Blogger, ist viel zu Fuß unterwegs, manchmal stundenlang, „bloß des Spazierens wegen, so erschließe ich mir die Stadt“. Aktuell bleibt ihm dazu wieder etwas mehr Zeit. Vor kurzem ist „Warum an die Zukunft denken?“ erschienen, sein erstes Sachbuch. Dessen Großteil entstand am Küchentisch seiner Wohnung in der Nähe der Oderberger Straße, seit sieben Jahren lebt Sixtus dort, es ist seine erste Bleibe seit dem Herzug aus Düsseldorf.

„Eigentlich ist die Miete viel zu hoch“, sagt er, doch er sei leider „kein großer Umzieher, ich kann sowas nicht so gut“. Bereits den Gedanken daran finde er ausgesprochen mühsam. Außerdem lebe es sich, alles in allem, hier an der Grenze von Prenzlauer Berg zu Mitte doch ganz angenehm. Die Veteranenstraße runter, erstmal in den Weinbergspark.

Sixtus, der Mann fürs Digitale

Einer größeren Öffentlichkeit wurde Mario Sixtus damals als „Elektrischer Reporter“ bekannt, in der Sendung erklärte er für das ZDF Phänomene des Internets. Wer über digitale Themen berichte, beschäftige sich zwangsläufig auch ständig mit Zukunft, sagt er heute, zum Beispiel: Was wird, wenn wir alle selbstfahrende Autos haben? Oft komme bei diesem wilden Rumspekulieren aber nur Quatsch raus, deshalb wollte er sich dem Thema Zukunft – und was wir darunter verstehen – in seinem Buch von verschiedenen Seiten nähern.

Es zu lesen lässt sich mit einer Reise vergleichen: Ständig führt einen Sixtus an erstaunliche Gedanken und Sichtweisen heran, hier Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, dort eine Anekdote aus der Antike, man ahnt nie, was als nächstes kommt – und am Ende ist man deutlich klüger, doch es fühlt sich gar nicht wie Arbeit an, mehr so wie ein Spaziergang.

Das Wort „Duden“ habe ihn hochgradig eingeschüchtert, sagt Sixtus

Dieses Buch zu schreiben war allerdings harte Arbeit, sagt er. Die Recherche, das Reinfuchsen in Studien und ganze Forschungsansätze, vor allem das Sich-Disziplinieren. Zuerst bekam Sixtus überhaupt nichts zustande. Ein Grund sei gewesen, dass sein Buch ausgerechnet im Duden-Verlag erscheinen sollte, das Wort „Duden“ habe ihn hochgradig eingeschüchtert, sagt er. „Das klang so, als ob jeder meiner niedergeschriebenen Gedanken offiziell und per Definition korrekt sein müsse.“

Im Grunde, sagt Sixtus, sollte einer wie er sowieso keine Bücher schreiben, bei seinem „gestörten Konzentrationsvermögen“. Deshalb habe er schließlich rigide Maßnahmen getroffen: An seinem Arbeitsplatz in der Küche zog er stets die Vorhänge zu, dann schrieb er 50 Minuten, dann hatte er zehn Minuten Pause, „für Twitter oder sonstigen Unfug“. Das Ganze dann mindestens zwei Mal wiederholen. Sixtus hat eine App namens „Good time“ auf dem Smartphone, die ihn erinnert, diese Zeiten einzuhalten.

„Next Level Gentrifzierung“

Kurzer Zwischenstopp im „Kauf dich glücklich“, dem Eckladen an der Kastanienallee, der bekannt ist für seine leckeren Waffeln, den Kaffee und viel Krimskrams. Drinnen sieht es umgeräumt aus. Wo ist die Theke hin?
„Wir hätten gerne einen Kaffee“, sagt Mario Sixtus.

„Gibt’s leider nicht mehr“, antwortet die Frau an der Kasse. Dann erzählt sie, das „Kauf dich glücklich“ sei eigentlich immer schon ein Klamottenladen gewesen, das mit den Waffeln sei nur ein Überbleibsel der Gründungszeit gewesen. Seit ein paar Wochen sei Schluss damit.

Ein paar Häuser weiter, ins nächste Café. Sixtus bestellt Cappuccino mit Hafermilch, zum Mitnehmen, lieber gehen als stehen.

Eine Veränderung, die ihn wirklich getroffen habe, sagt Sixtus, sei das Aus von Makato gewesen, seinem Lieblingsjapaner unten in der Alten Schönhauser. „Die Nudelsuppe war großartig.“ In dieser Ecke Berlins seien die Gentrifizierungsprozesse so weit fortgeschritten, dass nun auch Läden wie das Makato, das vor Jahren vermutlich selbst irgendeinen Traditionskiosk aus dem Kiez verdrängt habe, seinerseits verdrängt werde. Sixtus nennt das „Next Level Gentrifzierung“.

Wo Cafés von der Zukunft künden

Beim Spazierengehen, sagt er, entdecke er immer wieder Kleinigkeiten, über die er sich wundere. Zum Beispiel diese eine verbliebene Videothek in der Kastanienallee. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt er, „die leihen da echt physisch Filme aus.“ Gelegentlich beobachte er sogar, wie dort Menschen rein- oder rausgingen.

Oder drüben, das Café auf der anderen Straßenseite, dessen Name in riesigen Lettern über dem Eingang steht. „The future is up to you.“ Passt zu seinem Buch. Besser jedenfalls als der Slogan, der da auch noch hängt: „Die Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.“

„Herr Sixtus, warum steht diese Erkenntnis nicht in Ihrem Buch?“

„Ähh, diesen Kalenderspruch habe ich leider irgendwie vergessen.“

Die Gegend sei leider "schon sehr weiß"

Beim Schlendern durch das südliche Prenzlauer Berg, rüber nach Mitte zum Arkonaplatz, dann weiter nach Norden, verteilt Sixtus kleine Gemeinheiten gegen sein Viertel. Mal sagt er, er sei hier „insgesamt eher per Unfall“ gelandet, mal wendet er ein, die Gegend sei leider „schon sehr weiß“. Drüben am Kollwitzplatz hießen, seiner Beobachtung nach, sogar die Dönerverkäufer Helmut. Ohnehin fühle er sich in dieser Ecke Berlins oft deplatziert, weil hier alle viel Geld hätten.

Er, sagt Sixtus, komme ja aus einer „sehr bildungsfernen Familie“, habe keinen Beruf erlernt und es die meiste Zeit seines Lebens für Luxus gehalten zu wissen, wo die nächste Monatsmiete herkommt. Andererseits: Weil in den angesagten Kiezen von Prenzlauer Berg und Mitte so viele Familien lebten und die ja früh zu Bett gingen, sei es abends auf den Straßen eigentlich ganz angenehm.

Vorhin, beim Mittagessen im Hangi Sushi am Zionskirchplatz, Unagi-Rolle plus Jasmintee, hat Sixtus aus seiner Kindheit erzählt. Wie er in den 1960ern mit starken Zukunftsversprechen aufgewachsen sei. „Lange war ich der festen Überzeugung, dass ich irgendwann mal in einer Raumstation leben werde. Das war für mich gesetzt.“

„Unser gesamtes Gerechtigkeitsempfinden ist auf eine dreidimensionale Welt ausgerichtet“

Dieses Nachvorneschauen sei im Laufe der Jahrzehnte abhanden gekommen, nicht nur ihm. Auch in der Politik, der Gesellschaft, der Popkultur falle die Abwesenheit von Zukunftsvorstellungen auf. Und manchmal sei das ärgerlich.

Ein Beispiel. „Unser gesamtes Gerechtigkeitsempfinden ist auf eine dreidimensionale Welt ausgerichtet. Wenn ich dir Schmerzen zufüge oder Besitz raube oder dein Grundstück verseuche, muss ich mich dafür rechtfertigen. Stelle ich es aber so an, dass dies alles erst in der Zukunft passiert, dann ist es egal.“ Mit seinen 54 Jahren könne er die nächsten drei oder vier Jahrzehnte noch locker rücksichtslos und verschwenderisch leben, reihenweise Kreuzfahrten buchen, „vor niemandem muss ich mich verantworten.“

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Weiter Richtung Kastanienallee. Was ihn derzeit arg bewege, sagt er, sei Hongkong, seine Lieblingsmetropole. Seit er 2011 erstmals dort war, verbringt Sixtus viel Zeit in der Stadt, manchmal Monate am Stück. Die aktuellen Proteste verfolgt er im Live-Stream und fühlt sich dabei hilflos. Freunde von ihm sind unter den Demonstranten, zum Glück wurde noch keiner verhaftet, sagt Sixtus, aber die zunehmende Erschöpfung sei unübersehbar.

Ein Bekannter musste zwei Wochen zuhause bleiben, weil er am ganzen Körper blaue Flecken hatte von den Schlägen der Polizei und das seinem Arbeitgeber nicht erklären konnte.

"Schade um das schöne Haus"

Durch seine vielen Hongkong-Besuche habe er auch einiges über das Leben hier in Berlin gelernt – und über die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Zukunft und Wandel. „Dort wimmelt es überall, überall wird gebaut, und ich bin der Einzige, der das nicht feiert.“

Einmal habe er beim Abriss eines Wohngebäudes zugesehen, eines Bauhaus-inspirierten Achtstöckers mit abgerundeten Ecken aus den 1960ern, ein älterer Hongkonger habe direkt neben ihm gestanden und Fotos gemacht. „Schade um das schöne Haus“, habe Sixtus zu dem Mann gesagt. Der habe ihn irritiert angeblickt und entgegnet: „Warum schade? Es war doch alt!“

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