Staaten brauchen nun mal Sicherheitsapparate, sagt ein Nachbar

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BND-Neubau in Berlin : Die Spione von nebenan
Pepe Egger
Baugebiet. Entlang der Chausseestraße entstehen auf einer Länge von 400 Metern rund 1000 neue Wohnungen.
Baugebiet. Entlang der Chausseestraße entstehen auf einer Länge von 400 Metern rund 1000 neue Wohnungen.Foto: Pepe Egger

Jetzt ist das ja alles vorbei, Geschichte, aber wie war das hier früher, zu Ost-Zeiten? Wie lebte man hier, wie wohnte man? Die Chausseestraße, „das war eine ganz ruhige Ecke, da war fast alles zertrümmert“, sagt Herr Fischer, „noch dazu war der Kiez ein vorgeschobener Winkel Ost-Berlin“, an drei Seiten von der Mauer umschlossen.

Wenn jetzt der BND gegenüber einzieht, dann verliert Herr Fischer „eigentlich weiter nichts als die schöne Lage“, sagt er. „Wir haben hier fast wie im Bungalowdorf gewohnt, überall Grün rundherum.“

In Fischers Haus galt damals der niedrigste Mietspiegel Ost-Berlins, die DDR-Mietpreishandbremse voll angezogen: „Die Wohnung kostete 1959 beim Einzug 26,20 Mark, und 30 Jahre später, beim Mauerfall, immer noch genau gleich viel.“

Gegenüber, wo jetzt die BND-Zentrale entsteht, war früher das Stadion der Weltjugend, die „Zickenwiese“, vorher Walter-Ulbricht-Stadion, dessen Bart dem Gelände den Namen gab.

Vom Dach auf Herrn Fischers Haus konnte man da zugucken, wenn im Stadion Fußball gespielt wurde. Jeder Zehntklässler aus Mitte musste dort antreten, um die Sportprüfung abzulegen.

Zum BND, einst „gegnerische Organisation“, will Herrn Fischer partout nichts Negatives einfallen. Denn: „Jeder Staat hat ja seinen Sicherheitsapparat. Und der ist bis zu einem hohen Grad auch tatsächlich nötig.“

Auch Herr Fischer ist überzeugt, dass er und seine Nachbarn durchleuchtet wurden. Daran stößt er sich aber nicht. Er kennt das von früher, alle hier denken beim Thema Überwachung als Erstes an früher. Herr Fischer zum Beispiel hatte zu Ost-Zeiten, als Polizist, bloß ein Diensttelefon, „da wussten alle, dass das abgehört wurde“, die Staatssicherheit eben.

Etwas hat ihn beim BND aber schon ein bisschen überrascht: „Dass sie wussten, wer ich bin.“

Herr Fischer war, wie alle Anwohner, zur Baueröffnung eingeladen, „aus informativen Gründen“, erinnert er sich. „Nach den Hinweisen auf die Beeinträchtigungen durch den Bautransport hob ich gleich als Erster meine Hand: Warum man nicht den Bautransport über den Spandauer Kanal per Schifffahrt durchführt? Könnte man ja bis auf 300 Meter zur Baustelle alle Materialien heranschaffen.“

„Tja, dann fangen Sie mal an, Herr Fischer“, sagte da der Diskussionsleiter vom BND. „Der kannte mich also persönlich, obwohl ich den noch nie vorher gesehen hatte.“

Wie kann das sein? Kann das überhaupt sein? Fischer breitet die Arme aus, er lächelt, beredtes Schweigen. Er würde es auch nicht glauben, wenn er es nicht selbst erlebt hätte.

Trotzdem, für ihn hat das schon eine gewisse Logik, dass der BND nun genau hier einzieht, an der Chausseestraße: „Das war ja früher auch schon ein Kasernengrundstück. Maikäferkaserne, bevor das Stadion gebaut wurde. Wenn die jetzt wieder eine Kaserne da hinbauen wollen, bitte sehr.“

Betreff: Maikäferkaserne, heute BND-Südbebauung, Chausseestraße, Ecke Habersaathstraße, 23. Juni, 15.30 Uhr

Vor der Kaserne, vor dem großen Tor. Steht keine Laterne, Überwachungskameras sind jetzt davor.

Ein ganzes Jahrhundert ist vergangen, seit im April 1915 der Lehrer und Gardefüsilier Hans Leip Wache schiebt, hier vor der Maikäferkaserne in der Chausseestraße, kurz bevor er nach Russland an die Front soll.

Er kritzelt ein paar Gedichtzeilen auf seinen Notizblock, nennt sie „Lied eines jungen Wachpostens“: „So woll’n wir uns da wiedersehn, bei der Laterne woll’n wir stehn, wie einst Lili Marleen.“

Wo damals das vornehme Garde-Füsilier-Regiment seine Garnison hatte, wo einst Lili Marleen stand, da werden bald Nachwuchsagenten hinter rotem Klinker die Geheimdienstschulbank drücken. Die BND-Südbebauung wird hier stehen, mit öffentlich zugänglichem Besucherzentrum.

Der Ex-Geheimdienstler Snowden stand Pate für dieses Straßenschild, das von BND-Gegnern aufgehängt wurde.
Der Ex-Geheimdienstler Snowden stand Pate für dieses Straßenschild, das von BND-Gegnern aufgehängt wurde.Foto: Pepe Egger

Hans Leip wird im Krieg verwundet, überlebt und hat einigen Erfolg als Schriftsteller und Grafiker. Sein Lied „Lili Marleen“ wird erst 1939 von der Chansonnière Lale Andersen aufgenommen, und nach seiner Verbreitung durch den Soldatensender Belgrad zum Zweite-Weltkriegs-Hit.

An die Garde-Füsiliere erinnert allein noch der Namenspatron der Straße an der Südseite des BND-Baus, Erich Habersaath: Werkzeugmacher war er, Metallarbeiter in der nahe gelegenen Maschinenfabrik Schwartzkopff, als er 26-jährig während der Novemberrevolution 1918 beim Sturm auf die Kaserne von einem Offizier erschossen wurde.

Auch erinnern an die Füsiliere noch die prunkvollen Überreste des preußischen Offizierskasinos im Haus gegenüber, Chausseestraße 36, wo sich vielleicht auch jener konterrevolutionäre Offizier verlustierte, der Habersaath erschoss. Stuck, Parkett und Marmor haben zwei Weltkriege und 40 Jahre DDR fast unbeschadet überstanden. Heute: Fotogalerie, Salon für Geschäftsevents, Luxuswohnungen.

Sonst wurde fast alles zerstört. Die Fabriken, die Wohnhäuser dazwischen, die Kaserne. Steht keine Laterne mehr davor.

Fortsetzung Observation, 23. Juni, 16.20 Uhr, Standort Chausseestraße 37–60

Jetzt legt sich eine neue, ganz andere Stadt über die alte, die Brachen werden gefüllt, das Gewesene verschwindet.

Auf den 400 Metern, die das BND-Gelände entlang der Chausseestraße einnimmt, wird an allen Ecken und Enden gebaut. „Developed“ wird Berlin hier, entwickelt, mehr als 1000 Wohnungen werden geschaffen, zugleich eine neue Sprache erfunden, eine neue Welt.

„The Garden Living“, 120 Eigentumswohnungen, 160 Mietwohnungen „für Stadtmenschen, die gefühlte, behagliche Lebensqualität mit dem hohen Pulsschlag der Metropole verbinden wollen“ (Chausseestraße 57–60).

„Be part of it! The Mile“, 270 Wohnungen „im Lifestyle-Zentrum der Stadt“, für alle Lebenssituationen „von urbanen Kosmopoliten bis zu mobilen Managern, Single, Paar oder Familie, Wohnen auf Zeit oder als langfristiges Zuhause“ (Chausseestraße 37).

Die Feuerlandhöfe, 400 Wohnungen rund um die Reste einer Bromsilberfabrik, in „einer der zukunftsträchtigen und gefragtesten Lagen Berlins“ (Chausseestraße 38–42a).

Und natürlich der „Sapphire“, 70 Wohnungen, „ein neues Juwel: ein Architekturlandmark“ (Chausseestraße 43).

Noch wohnt hier niemand, keine Menschen jedenfalls, sondern bloß die computergenerierten Figuren aus den Prospekten der Developer. Frauen in kurzen Kleidern, Männer im Freizeitdress oder von der Arbeit kommend, Kinder, Tag und Nacht beim Spielen.

Auf Hochglanz wird hier eine neue Stadt heraufbeschworen, gerendert, mit der Poesie von Designprogrammen und Grafikkarten erzeugt.

Allein die Tanke am Ende der BND-Meile, an der Ecke Chausseestraße/Liesenstraße, ist ein letzter Hinweis darauf, dass hier Grenze war, Mauerstreifen, billiges Niemandsland. Wenn auch sie verschwindet, dann wird die Brachenzeit, in der sommers die Gräser kniehoch wachsen, sirrend, zukunftslos, endgültig zu Ende sein.

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