Dramatische Raumnot : Ohne diese Schulbauten geht in Berlin nichts mehr

Den Schulen fehlen die Unterrichtsräume für die steigende Zahl der Schüler. Deshalb gibt es inzwischen 50 sogenannte Modulgebäude, 25 weitere sind in Planung.

Der rote Quader an der Pusteblume-Grundschule in Hellersdorf gehörte 2015 zu einem frühen Typ der Modularen Erweiterungsbauten.
Der rote Quader an der Pusteblume-Grundschule in Hellersdorf gehörte 2015 zu einem frühen Typ der Modularen Erweiterungsbauten.Foto: Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf

Berlin wird zur Stadt der Baukastenschulen: Wenn an diesem Freitag in Reinickendorf der offiziell 50. Modulare Erweiterungsbau (MEB) übergeben wird, ist noch lange nicht Schluss mit den Unterrichtsräumen aus der Retorte. Weitere rund 25 Modulgebäude sind bereits in der Planung. Dies belegt eine aktuelle Senatstabelle, die dem Tagesspiegel vorliegt. Dem Vernehmen nach wird es sich Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nicht nehmen lassen, bei der anschließenden Feier des 50. MEB im Juli dabei zu sein.

Dass die Modulbauten noch immer gefeiert werden, obwohl Architekten angesichts der Einheitsarchitektur verzweifeln, hängt mit der dramatischen Raumnot zusammen: Nach Informationen des Tagesspiegels wird nach den Ferien mancherorts sogar die maximal erlaubte Obergrenze von 26 Schülern pro Klasse an Sekundarschulen und 32 Schülern an Gymnasien überschritten. So berichten Eltern, dass am Köpenicker Montgolfier-Gymnasium mit 34 Kindern in den siebten Klassen geplant wird.

Rechtlich möglich ist die Überschreitung der Obergrenze dadurch, dass sie nur per Verordnung und nicht per Gesetz geregelt ist, wie Ralf Treptow vom Verband der Oberstudiendirektoren (VOB) bemängelt. Dies hat nicht nur zur Folge, dass die Bezirke die Klassenfrequenzen anheben können, sondern auch, dass die Verwaltungsrichter klagende Schüler auch dann einer Schule zuweisen können, wenn die Höchstfrequenz bereits erreicht oder überschritten ist.

Angesichts dieser akuten Raumnot empfinden viele Schulen die MEBs als große Erleichterung: „Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen“ berichtet Landeselternsprecher Norman Heise. Die Modulbauten seien hell, modern, energiesparend, hätten Jalousien – und seien damit oftmals besser ausgestattet als die Haupthäuser der Schulen, denen sie zugeordnet sind.

Heise weist allerdings auch auf das hin, woran es mangelt: „Die Schulen wachsen nicht mit.“ Mit anderen Worten: Es können zwar je nach MEB-Größe einige hundert Schüler zusätzlich unterrichtet werden, aber die Pausenfläche bleibt gleich oder wird sogar noch kleiner als vorher, sofern der MEB auf dem Schulhof errichtet wurde. Ein noch größeres Problem besteht darin, dass es vielen Schulen verwehrt wurde, in ihren MEBs Mensen oder Fachräume unterzubringen: Das bedeutet, dass wesentlich mehr Schüler in den gleichen kleinen Mensen und wenigen Fachräumen versorgt werden müssen. Auch die Kapazitäten an Sporthallen, Lehrerzimmern und Verwaltungsräumen wachsen meist nicht mit.

"Keine Dauerlösung"

Der Bezirk mit den meisten MEB-Erfahrungen ist das kinderreiche Pankow: „Als schnelle Übergangslösung sind MEBs sinnvoll, aber keine Dauerlösung“, lautet die Einschätzung von Bildungsstadtrat Torsten Kühne (CDU). Architektonisch seien die Bauten tatsächlich „wenig anspruchsvoll, aber darauf können wir in Pankow angesichts des Bedarfs keine Rücksicht nehmen“, schiebt Kühne gleich hinterher.

Modulare Erweiterungsbauten für Schulen
Modulare Erweiterungsbauten für SchulenTabelle: Tsp/Böttcher

Der Bildungsstadtrat weist zudem darauf hin, dass die Senatstabelle nicht vollständig sei, da sie erst 2016 einsetzt, obwohl schon vorher MEBs gebaut wurden. Daher habe Pankow auch nicht nur die zehn aufgelisteten Modulbauten, sondern sogar 20, „so dass inzwischen – bis auf ein oder zwei Ausnahmen – alle Pankower Schulgrundstücke, die Platz boten, mit MEBs erweitert wurden“, lautet Kühnes Bilanz.

Bald dürfte es sogar 100 MEBs geben

Wenn man also zu den alten MEBs noch die 50 MEBs neueren Typs hinzunimmt sowie die geplanten rund 25, dürfte Berlin demnächst über 100 der genormten Bauten verfügen – die allesamt „50 bis 100 Jahre“ stehen können, wie der Senat mal verkündet hat. Neben Pankow ist besonders das schnell wachsende Lichtenberg angewiesen auf die Schulbaukästen: Zehn weitere sind in den nächsten drei Jahren geplant. Aber auch Spandau nimmt der MEB-Bau Fahrt auf: Nach längerer Pause sollen jetzt sechs hinzukommen. In Charlottenburg-Wilmersdorf sollen die fehlenden Grundschulkapazitäten durch fünf Klötze ergänzt werden, in Neukölln, Tempelhof-Schöneberg, Reinickendorf, Mitte und Steglitz-Zehendorf bleibt es bei Einzelfällen.

Im dicht bebauten Friedrichshain-Kreuzberg gibt es kaum Platz für MEBs: Hier ringen Kultur- und Schulamt um den Zugriff auf das bisher anderweitig genutzte Gebäude der früheren Rosegger-Schule. Einige MEBs sind mit Mensen geplant - das gilt etwa für zwei der fünf künftigen Modulbauten in Treptow-Köpenick und für die Gustav-Falke-Schule in Mitte, wo insgesamt drei MEBs noch in Planung sind.

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