• „Ein sehr großes Familientreffen“: Frank Zander lädt zum Gänseessen für 3000 Berliner Bedürftige
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„Ein sehr großes Familientreffen“ : Frank Zander lädt zum Gänseessen für 3000 Berliner Bedürftige

Seit 25 Jahren veranstaltet der Schlagersänger sein weihnachtliches Gänseessen in Berlin. Dabei helfen ihm 250 Freiwillige, auch zahlreiche Prominente.

Musiker Frank Zander verteilt Weihnachtsgans an die bedürftigen Gäste.
Musiker Frank Zander verteilt Weihnachtsgans an die bedürftigen Gäste.Foto: Gregor Fischer/dpa

Als ganz am Schluss Hunderte Helfer und Künstler auf der Bühne stehen und davor Tausende bedürftige Berlinerinnen und Berliner, als sich alle in den Armen liegen und gemeinsam die Hymne „Nur nach Hause geh’n wir nicht“ singen, da hat Berlin ein Zuhause gefunden. Hier im Estrel, bei Frank Zanders Weihnachtsfeier für Berlins Obdachlose – dem Sänger, der die Menschen da unten nie von oben herab behandelt hat und am Freitag bereits zum 25. Mal ein Weihnachtsessen für Berlins Obdachlose ausrichtet. Ein Mann, der den Frauen und Männern und den vielen Kindern aus armen Familien verspricht: „Solange ich lebe, bin ich für Euch da.“

Füreinander da sein – darum geht es hier

Als ganz am Anfang dieses festlichen Freitags schon die ersten Füße qualmen und einige Helfer der Feier mal für eine Zigarette verduften, bildet sich eine kleine Pausengruppe am Foyer des Berliner Estrels. Eine Handvoll der vielen Freiwilligen in blauen T-Shirts steht umeinander herum beim Filterkaffee, da bringt schon jemand die nächste Fuhre mit gespendeten Früchten und Süßigkeiten, die heute hier an Berlins Obdachlose verteilt werden.

Zuerst müssen sie von den 250 Helferinnen und Helfern auf den knapp 300 Tischen im Saal drapiert werden, außerdem gilt es Lkw-Ladungen zu verteilen, Bänke zu rücken, in den Küchentöpfen umzurühren, Geschenketüten zu packen, eben einfach: anzupacken. „Seid Ihr ein Arbeiterdenkmal, oder wat?“, lautet also die Frage an das Pausengrüppchen, das sogleich wieder ausschwärmt. Es gibt viel Gutes zu tun heute – gleich bekommen 3000 Gäste hier 3000 Weihnachtsbraten serviert.

Diese Stadt kann schon mal ruppig im Ton sein, im Tun ist sie es seltener als viele glauben. Das Gänseessen, das Berlins Barde Frank Zander gemeinsam mit seiner Familie ausrichtet, ist wohl eine der berlinischsten Veranstaltungen des Jahres – und das seit 25 Jahren. Erdig und ehrlich, pickepackvoll, von Herzen herzlich, auch hart - hinsichtlich dessen, was das Leben zu bieten und nicht wenigen auch nicht zu bieten hat.

Frank Zander umarmt jeden zur Begrüßung

„Wenn es erst mal losgeht und unsere Gäste kommen, fällt die ganze Anspannung ab“, sagt Organisator Marcus Zander, Sohn und Manager von Frank. Ein halbes Jahr lang hat er mit Partnern, Sponsoren und vielen Freunden diesen festlichen Freitag vorbereitet. „Es ist eben ein Familienreffen, das immer größer geworden ist“, sagt Frank Zander. Am Eingang umarmt er jeden Gast einzeln zur Begrüßung.

Draußen warten die Menschen, die sich selbst keine Weihnachtsgans leisten können, schon seit 5 Uhr morgens in der dezemberlichen Nasskälte von Neukölln. Nicht nur Obdachlose sind zur Feier des Jahres gekommen. Jenny aus Wittenau ist mit Freundin Nicole hier; beide müssen von 500 Euro im Monat leben – gemeinsam. „Wir wohnen in einer Schimmelwohnung und können uns nicht mal Weihnachtsschmuck leisten“, erzählt Jenny. Echte Armut ist nicht sexy. Die Frau schiebt auch einen Kinderwagen mit - wenn man reinguckt, blicken einen die großen geöffneten Augen einer winterlich eingemummelten Puppe an. „Ein echtes Kind ist nicht drin“, sagt Jenny.

Ohne die Ehrenamtlichen geht es nicht

Drinnen werden derweil die Helferinnen und Helfer eingewiesen, welche Tische sie zu decken haben und wie sie das Küchentuch beim Servieren halten müssen, um sich nicht die Finger zu verbrennen. Eine Menge ehrenamtliche Vereine machen mit, Polizisten aus Berlin und Brandenburg, viele Hertha-Fanclubs. Birgit Wendt und Angela Hille sind schon seit sechs Jahren dabei, die beiden Freundinnen haben sich dafür wieder gern frei genommen.

"Einmal im Jahr wird man hier runtergeholt“, sagt Birgit Wendt, die sonst als Bauführerin bei der Telekom arbeitet. „Und man ist dankbar für das Leben, das wir führen dürfen." Dankbarkeit: Vielleicht ist dies das Geheimnis dieses besonderen Freitagabends, der es wie kaum ein anderer in Berlin vermag, alle Schichten und Geschichten der Stadt für ein paar Stunden miteinander zu vereinen.

Bei der Berliner Prominenz ist das Gänseessen mindestens genauso im Festkalender verankert wie bei den Gästen, für die später tausende liebevoll verpackte Geschenketüten bereit stehen. Nur eine Kleinigkeit für Menschen, die nachts wieder raus in ihr Leben auf die Straße gehen müssen – aber immerhin eine persönliche.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und seine mögliche Nachfolgerin, Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, führen die Riege der Prominenten aus Politik, Show und Sport an, die Selfies aus der Küche posten oder kostenlos auftreten für ein Publikum, das sich schnell begeistern lässt - insbesondere von der Ehrlichkeit des Gastgebers. „Das hier ist unser Berlin“, sagt Frank Zander.

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Glänzend geschmückt ist der Saal, und viele Gesichter tragen ein Lachen mit sich herum, über manche laufen glückliche Tränen. Gerührt davon, dass die Stadt diesen Tag der Tat gemeinsam teilt – erst recht, als Stars wie Reinhard Mey auf der Bühne Lieder zum Träumen anstimmen: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Und auf der Erde ist manchmal mehr möglich als man denkt.

Vielleicht jetzt noch ein bisschen mehr Rotkohl?

Am Ende rockt Frank Zander selbst den Saal: Nur nach Hause? „Ich weiß, viele von Euch haben keins“, sagt er. Heimat – das heißt doch gerade in einer manchmal allzu großen und an zu vielen Stellen armen Stadt: bei Menschen sein, nicht allein bleiben müssen, gesehen werden. Wenigstens für den Moment, an dem man in der Weihnachtshektik nicht einfach achtlos an den Menschen vorbeiläuft, die in der Kälte am S-Bahnhof hocken – sondern sie direkt ansieht und fragt, ob sie sich etwas wünschen. Vielleicht jetzt noch ein bisschen mehr Rotkohl? „Na, und ob.“

Menschlichkeit kann ganz einfach sein. Bis nächstes Jahr, Berlin!

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