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Ist so groß wie ein Trabi und brennt täglich zigmal ab: Das Modell des Reichstags.
© fk

Was macht die FAMILIE?: Erst Geld verdienen, dann ausgeben

Wie eine Mutter die Stadt erlebt: Fatina Keilani taucht erst in die Erde und dann in die Geschichte ein.

Von Fatina Keilani

Der Kampf um Lohngerechtigkeit findet auch bei uns zuhause statt. „Mein Haufen ist größer als Deiner, also muss ich dafür auch mehr Geld bekommen“, verlangt der Zehnjährige, und die elfjährige Schwester antwortet: „Aber mein Haufen ist brauner als Deiner, also hat meine Arbeit eine höhere Qualität, und deshalb sollte ich mehr bekommen als Du!“ Immerhin ist das Geschlecht für beide kein Faktor, der sich auf die Höhe des Lohns auswirkt.

Mit den Haufen ist der Giersch gemeint. In der zweiten Ferienwoche war schönstes Wetter, wir alle zuhause, der Giersch war im Garten gewuchert und musste bekämpft werden. Die Kinder sollten helfen. Da sich die Pubertierenden in lichtscheue Gestalten verwandelt haben, die am liebsten ganztags im Bett bleiben, entschloss ich mich, für die Arbeit der Kleinen zu zahlen – das wäre sonst ungerecht. Auch wenn die Großen den höheren Kapitalbedarf haben. Von nichts kommt eben nichts.

Der Charakter jedes Kindes zeigt sich auch in der Art, wie es arbeitet. Die Elfjährige ist ein Vorbild, was Konzentration und Gründlichkeit angeht. Das habe ich früher schon beobachtet. Dieses Kind kam schon mit eingebautem Kompass auf die Welt, und mit einem Fokus, um den ich das Mädchen nur beneiden kann.

Sie hat den Flow

Hat die Elfjährige erst einmal den Willen gebildet, eine Aufgabe zu lösen, ist die schon so gut wie erledigt. Denn dann kniet sie sich in die Arbeit und lässt sich dabei nur ungern unterbrechen, egal bei was. In diesem Falle kniete sie sich also ins Beet, grub mit Sauzahn, Rosengabel und Handharke – und mit Ingrimm – die fiesen Gierschwurzeln aus und sprach bestimmt eine Stunde kein Wort. Wir Erwachsenen nennen das „Flow“ und erreichen diesen Zustand nur noch selten. Wegen des Geldes winkte sie am Ende ab und sagte nur „Schreib es mir gut.“

Der kleine Bruder hingegen zupft vor allem die grünen Blätter ab, erkundigt sich alle paar Minuten, wie viel er jetzt schon verdient habe, und verlangt nach Erledigung des Jobs umgehende Barzahlung. Obwohl er so geschäftstüchtig ist, ist sie stets besser bei Kasse. Ihr Guthaben steigt kontinuierlich, denn anders als er gibt sie fast nichts aus.

Am Ende bekamen zwar beide den gleichen Lohn, ich habe aber vor, in ein bis zwei Wochen einmal mit den beiden Nachwuchsgärtnern zu schauen, wie nachhaltig ihr Tun war. Wenn sein Beet dann wieder überwuchert ist, ihres aber nicht, bekommt sie einen Bonus. Oder hat er sich durch strategische Schlechtleistung gleich den Absatzmarkt der Zukunft gesichert?

Als wir genug Natur getankt hatten, besuchten wir eine künstliche Welt, die auch ihren Reiz hatte: Wir gingen in das „Little Big City“ am Alexanderplatz. Ich war eigentlich skeptisch, denn es handelt sich um ein Produkt von Merlin-Entertainments, also den Schöpfern von Madame Tussauds und Legoland, ich befürchtete maximalen Kommerz, zu recht.

Wer Ahnung von Geschichte hat, ist klar im Vorteil

Dennoch hat es Spaß gemacht, weil hier Technik und Handarbeit eine lehrreiche und unterhaltsame Symbiose eingegangen sind. Hier lässt sich die Geschichte Berlins – vom Mittelalter über die Epoche der Industrialisierung, goldene Zwanziger und Weimarer Zeit, Machtergreifung, Krieg, Teilung der Stadt, Mauerfall, Berlin heute – im Miniaturformat anschauen; bekannte Gebäude der verschiedensten Epochen wurden detailgetreu nachgebaut und das Ganze mit mehr als 5000 kleinen Menschen bevölkert, hergestellt im 3D-Drucker, dann handbemalt. Neuester Gag ist Berlins kleinste Dönerbude.

Das Modell des Reichstags ist etwa so groß wie ein Trabi, und wenn beim Reichstagsbrand die Flammen aus den Fenstern lodern, sind sieben Projektoren gleichzeitig im Einsatz, um das Ganze echt aussehen zu lassen. Wir betrachteten schaudernd einen Fackelmarsch der Nationalsozialisten am mit Hakenkreuzfahnen behängten Brandenburger Tor, gingen schnell weiter, vorbei an der Siegessäule, am Palast der Republik (hier steht er noch) verweilten vor dem Springer-Hochhaus mit „Bild“-Schlagzeile zum Kennedy-Besuch („Kennedy auf Deutsch: Ich bin ein Berliner!“) und schauten dem Rosinenbomber beim Abwurf der Süßigkeiten-Fallschirme zu. Das Original kennen die Kinder aus dem Technikmuseum.

Erwachsenen mit Geschichtswissen und Erzähltalent böte sich hier eine tolle Chance, beim Nachwuchs Begeisterung für Geschichte zu wecken.

An manchen Stellen dürfen Besucher Knöpfe drücken oder Hebel umlegen, und so brachte die Tochter mit wenigen Handgriffen die Mauer zum Einsturz. Die steht zwar neben Gedächtniskirche und KaDeWe, aber das macht nichts.

Little Big City Berlin, Eintritt 10 Euro, das Schülerticket kostet bis zum 30. Juni 3,50 Euro ab 10 Kinder. Für Schulklassen gibt es werktags den 30-minütigen Workshop „Parole Emil“ über Leben und Werk von Erich Kästner.

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