Frauenhäuser als Schutzraum : In Berlin 14.323 Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen

Opfer häuslicher Gewalt sind meist weiblich. Ihre letzte Zuflucht: Frauenhäuser. Aber reichen die Plätze?

Licht und Schatten. Frauenhäuser sind oft der letzte Zufluchtsort für Frauen, die Gewalt erleben mussten.
Licht und Schatten. Frauenhäuser sind oft der letzte Zufluchtsort für Frauen, die Gewalt erleben mussten.Foto: P. Steffen/dpa

Ohne Passwort oder Schlüssel kommt hier niemand rein, die Fenster sind aus Panzerglas. Zum Schutz der Frauen, die hier vorübergehend wohnen. Zum Schutz vor ihren Männern. 2017 ist die Berliner Polizei 14.323 Mal wegen häuslicher Gewalt ausgerückt, elf Frauen starben.

In neun Fällen wollten ihre Ehemänner, Ex-Partner, Brüder oder Väter töten, der Versuch scheiterte – sie stehen in der Statistik unter „versuchter Mord“.

An diesem Montag, dem „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“, wurden die Zahlen des BKA für 2018 bekannt: Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 122 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden. Insgesamt wurden 2018 mehr als 114.000 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt, Bedrohungen oder Nötigungen durch ihre Ehemänner, Partner oder Ex-Partner.

Ein paar Tage zuvor, an einem grauen Novembermorgen, steht Dilek Kalayci (SPD), Senatorin für Gleichstellung und Gesundheit, vor einem großen alten Haus im Westen der Stadt, genaue Adresse: geheim. Kalayci kennt das Frauenhaus der Caritas schon, sie hat hier als Studentin gearbeitet - als Sprachmittlerin. Ein Zufall, der sie freut. Heute ist Kalayci hier, um sich ein Bild zu machen von der Lage der Frauenhäuser in Berlin.

Ein Wohnzimmer mit Kunstledercouch, Ikea-Lampen und Naturmotiven an den Wänden. Im Beratungszimmer knallrote Stoffsessel um einen kleinen Holztisch. Die Räume sind hell und vor allem sauber. „Wir wollen nicht, dass die Frauen denken: Wo bin ich denn hier gelandet?“, sagt Gabriele Kriegs, die Leiterin des Frauenhauses. Richtig gemütlich ist es nicht. Das muss auch nicht sein. Frauenhäuser sollen Schutz bieten, einen Raum, um zur Ruhe zu kommen.

Mehr als 114.000 Frauen wurden 2018 Opfer von häuslicher Gewalt

Aber sie sind nur als Not- und Übergangslösung gedacht, für Frauen, denen Gewalt angetan oder angedroht wurde. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, dass die Verweildauer von Frauen in Frauenhäusern in Berlin seit 2016 abnimmt. 79 Prozent der Frauen blieben 2018 drei Monate oder kürzer.

Aylin (Name geändert) hat etwas länger gebraucht. Die junge Frau konnte kaum ein Wort Deutsch, als sie vor etwas mehr als einem Jahr mit ihrer kleinen Tochter ins Frauenhaus zog. Heute ist sie von ihrem Mann geschieden, spricht die Sprache fließend, hat den Führerschein gemacht, einen Ausbildungsplatz beim Berliner Senat bekommen und eine eigene Wohnung bezogen. Mit zwei Balkonen, wie sie betont. „Ein Wunder!“, sagt sie.

Der Weg dahin war nicht leicht. „Ich hatte früher nicht die Möglichkeit, zu lernen“, erzählt Aylin. Ihr Ex-Mann hatte ihr verboten, die Schule zu besuchen. Was er noch getan hat, sagt sie nicht. Einmal ist sie zu ihm zurück. Vergangenheit.

Nach dem Frauenhaus in eine Zweite-Stufe-Wohnung

Wenn die Frauen nicht mehr akut gefährdet sind, aber noch Unterstützung benötigen, bevor sie eine eigene Wohnung beziehen, können sie vom Frauenhaus in eine sogenannte Zweite-Stufe-Wohnung wechseln. 2019 brachte das Land Berlin 6.066.500 Euro auf für insgesamt 729 Plätze für Frauen und ihre Kinder, die Gewalt erfahren haben.

Davon wurden 301 Frauenhausplätze, 298 Plätze in Zufluchtswohnungen und 130 Plätze in Zweite-Stufe-Wohnungen finanziert. Mit dem neuen Doppelhaushalt sollen die Mittel in 2020 auf über 7.040.465 Euro steigen, für insgesamt 812 Plätze. Für 2021 wird mit 7.865.465 Euro geplant, davon sollen insgesamt 827 Plätze bereitgestellt werden. Damit ist Berlin im Bundesvergleich sehr gut aufgestellt.

„Wir brauchen ergänzende Angebote, die passgenau für die Frauen sind“

„Wir brauchen nicht noch zehn Frauenhäuser, wir brauchen ergänzende Angebote, die passgenau für die Frauen sind“, sagt Kalayci und die Sozialarbeiterinnen verschiedener Organisationen, die im Besprechungszimmer um einen großen Tisch sitzen, stimmen ihr zu. Zwar sei, auch in den Medien, immer wieder zu hören, dass es zu wenig Frauenhausplätze gebe. Doch tatsächlich würden kaum Frauen abgewiesen, die in einem Frauenhaus wirklich gut aufgehoben wären. Trotzdem ist die Auslastung der Häuser sehr hoch, 2018 lag sie im Schnitt bei 88,5 Prozent. 80 Prozent wären wünschenswert, sagt Kriegs, 85 Prozent seien noch in Ordnung.

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Wichtig seien neben den Frauenhäusern Wohnungen, die Frauen offenstehen, die aus einer prekären Lage herauswollen. Eine Gruppe, die das Hilfesystem bisher nicht auf dem Schirm hat: Wohnungslose Frauen, oft mit Kindern, die von Bekanntem zu Bekanntem ziehen, zu Männern, die sie kaum kennen und die sie häufig sexuell ausnutzen. Dafür bräuchte es ein Konzept, sagt Kriegs, und die Caritas würde ein solches auch gerne entwickeln.

Berlin wird eine Clearingstelle einrichten – mit 15 Notplätzen

Kalayci hat noch eine gute Nachricht mitgebracht, etwas, das die hier Anwesenden lange gefordert hatten: Berlin wird eine Clearingstelle einrichten, mit 15 Notplätzen. Die soll verhindern, dass von Gewalt betroffene Frauen nachts in die Frauenhäuser kommen, wenn die Mitarbeiterinnen oft nicht da sind und die Bewohnerinnen sich um die Neuankömmlinge kümmern müssen. 550.000 Euro sind dafür im neuen Doppelhaushalt vorgesehen.

Die Hilfsangebote können nicht verhindern, dass die Zahl der in Berlin durch häusliche Gewalt getöteten Frauen seit Jahren ansteigt. Die Istanbul-Konvention, die Deutschland 2017 ratifiziert hat, verpflichtet dazu, die Angebote zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen auszubauen. Danach soll es pro 10.000 Einwohner einen Betreuungsplatz geben. Laut Recherchen der ARD müsste es in Deutschland 21.400 Betten geben. Tatsächlich gibt es nur 6800.

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Ein weiteres Problem sei die Justiz, so berichten es die Expertinnen an diesem Vormittag im Frauenhaus. Die sei in Berlin häufig nicht hilfreich. Männer, die gegen das Kontaktverbot verstoßen, würden häufig nicht bestraft. „Das war alles schon mal besser“, sagt eine.

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