Fußgängerampeln in Berlin : Die Straße bitte im Sprint überqueren

Die Grünphasen in Berlin sind zu kurz. Eine Verlängerung ist keine Option, sagt ein Bericht des Verkehrsministeriums. Fußgänger sollen fit gemacht werden.

Jan Wendt
Kurze Ampelphase an der Ecke Yorckstraße / Mansteinstraße in Schöneberg
Kurze Ampelphase an der Ecke Yorckstraße / Mansteinstraße in SchönebergFoto: Jan Wendt

Autos rauschen vorbei. Dann bleiben sie stehen. Die Fußgängerampel schaltet um auf Grün. Passanten eilen über die Straße. Viel Zeit haben sie nicht. Nach knapp acht Sekunden zeigt die Ampel an der Yorckstraße/ Ecke Mansteinstraße in Schöneberg wieder Rot. Die Fahrzeuge rollen wieder an.

Die komplette Straßenüberquerung gleicht einem 100-Meter-Sprint. Wer den Startschuss verpasst, hat schon verloren. Passanten erreichen bestenfalls die Warteinsel auf der Hälfte der vierspurigen Strecke. Aber selbst das ist ein schwieriges Unterfangen.

Kurze Grünphasen um einige Sekunden zu verlängern, ist für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer offenbar keine Option. Der Christdemokrat setzt gerade bei älteren Menschen auf eine stärkere Physis: „Für ältere Fußgänger/innen werden Maßnahmen angeraten, die vor allem die physischen Voraussetzungen für sicheres Queren trainieren bzw. aufrecht erhalten und zudem die Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit verbessern“, heißt es im Unfallverhütungsbericht Straßenverkehr 2016/17.

Drängelnde Autofahrer und verunsichterte Passanten

Der Bericht des Ministeriums wurde in der vergangenen Woche vorgestellt. Stefan Gelbhaar, Bundestagsabgeordneter der Grünen, kommentiert: „Ich bin gespannt, wann das Verkehrsministerium eine Initiative für seniorengerechtes Lauftraining beginnt.“

Ayla Göl findet für die Situation keine scherzhaften Worte. Sie arbeitet in einem Kiosk an der Yorckstraße. Göl wird regelmäßig Zeugin von brenzligen Verkehrssituationen: „Vor allem wenn Autofahrer die Kreuzung als Wendepunkt nutzen, wird es gefährlich.“ Drängelnde Autofahrer und erschrockene Passanten seien keine Seltenheit.

Ayla Göl selbst erlebt auch immer wieder Konfliktsituationen, zum Beispiel wenn sie ihren Bus nach Feierabend auf der anderen Straßenseite noch erreichen will. „Man rennt los und in dem Augenblick schaltet die Ampel auf Rot. Dann hupen mich immer wieder Autofahrer an“.

Fußgänger dürfen die Straße betreten, solange das grüne Ampelmännchen leuchtet. Beim Farbwechsel dürfen sie sich noch auf der Straße befinden. Wenn die Fußgängerampel auf Rot schaltet, bleibt sie für Fahrzeuge noch eine kurze Zeit weiter auf Rot stehen.

Dieser Zeitpuffer soll dafür sorgen, dass jeder Fußgänger mit einem durchschnittlichen Gehtempo ausreichend Zeit für die Straßenüberquerung hat – zumindest laut der Berliner Verkehrslenkung. Die Behörde ist der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz unterstellt und steuert Berlins Ampeln.

Dennoch: Die sogenannte Räumzeit verursacht laut Stefan Lieb von Fuss e.V. immer wieder Irritationen. „Einige Autofahrer denken, dass Fußgänger bei Rot von der Fahrbahn verschwunden sein müssen. Das ist natürlich falsch“, so der Geschäftsführer des Fachverbandes Fussverkehr Deutschland. Vor allem diese Unwissenheit führe auf den Straßen regelmäßig zu Konflikten mit aggressiven Autofahrern.

Schreckmoment. Anwohnerin Manuela Engeläder wurde fast angefahren.
Schreckmoment. Anwohnerin Manuela Engeläder wurde fast angefahren.Foto: Jan Wendt

Mobilitätseingeschränkte Menschen

Die Richtlinien für Lichtsignalanlagen bestimmen, wie viel Zeit Fußgänger haben, wenn sie eine Straße überqueren. Sie werden herausgegeben von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen und gelten nicht nur für Berlin, sondern bundesweit. Befindet sich ein Fußgänger noch auf der Fahrbahn, wenn die Ampel auf Rot umschaltet, so muss er sich nach dieser Richtlinie in der Regel mit einem Tempo von 1,2 Metern pro Sekunde zum gegenüberliegenden Bürgersteig retten. Je nach örtlicher Situation kann diese sogenannte „Räumgeschwindigkeit“ zwischen 1 Meter und 1,5 Meter pro Sekunde variieren. Der untere Grenzwert solle nur dort gelten, wo Furten überwiegend zum Schutz für mobilitätseingeschränkte Menschen eingerichtet werden, heißt es.

Zwischen Theorie und Praxis klafft aber offenbar ein großer Unterschied. Auch Manuela Engeläder überquert fast täglich die Goebenstraße. Ihre Eltern wohnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Die Ampel schaltet zu schnell auf Rot“, urteilt die Anwohnerin. Sie habe schon viele verunsicherte Passanten und verärgerte Autofahrer gesehen. Auch die 53-Jährige erlebt immer wieder gefährliche Situationen.

Zurzeit ergeht es ihr noch schlimmer als sonst. Ein Bänderriss handicapt sie. Engeläder trägt eine Sprunggelenkorthese. Ohne Gehstützen kann sie nicht laufen. Es geht langsam voran. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht angefahren werde.“ Kürzlich habe ein Auto erst direkt vor ihr gebremst. Die Angst war groß. Wahrscheinlich wird es nicht ihr letzter Schreckmoment gewesen sein.

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