Berlin : Gertrud Braun (Geb. 1919)

Allen Schicksalsschlägen zum Trotz stimmt sie ausschließlich Lieder in Dur an

Was ist das nur für ein seltsamer Sommer? Juli und August sind kalt und arm an Sonnenschein. Die heißen Tage des Jahres 1919 kommen erst Mitte September. Wolkenlos und 34 Grad. Als wollte das Wetter der gerade geborenen Gertrud Liebenau einen Ersatz für die verlorene Wärme des Mutterleibs geben. Ihre Kindheit dann ist gut behütet, trotz der unruhigen Nachkriegszeit. Der Vater hat ein geregeltes Einkommen – auch wenn es nicht für alles reicht. So steht die junge Gertrud irgendwann vor der Wahl: höhere Schule oder musikalische Ausbildung. Die Entscheidung hat sie eigentlich schon mit acht Jahren getroffen, als sie zum ersten Mal am Klavier sitzen durfte.

Die Familie zieht in den Lindenhof. Eine Siedlung im Süden Schönebergs, gestaltet nach den Idealen der Gartenstadt. Kleine, einfach ausgestattete Typenhäuser mit eigenem Garten. In der Wärme eines Sommertags fühlt sich Gertrud hier besonders wohl.

In den Alpen kommt sie der Sonne am nächsten. Dort, im Speisesaal eines Skihotels steht ein Klavier. Zögerlich ist sie noch nie gewesen. „Küss mich, bitte, bitte küss mich“, singt sie. Ein junger Mann antwortet: „Muss das gleich sein?“ Da ist sie 17 und sagt: „Ja!“ Als sie 19 ist, muss er zur Wehrmacht. Mit 21 heiratet sie ihn. Mit 23 ist sie Kriegerwitwe. Die Liebesgedichte, die er für sie an der Front geschrieben hat, wird sie noch Jahrzehnte später zitieren.

Erst nimmt der Krieg ihr den Mann, dann das Zuhause. Die Bomben sollen die Bahngleise zerstören, treffen aber den Lindenhof. Vor Gertruds Augen geht das Klavier in Flammen auf. „Ein schaurig schöner Anblick“, der sich ihr einbrennt.

Gertrud arbeitet als Angestellte einer Lebensversicherung. Die Zahlen in ihren Bilanzbüchern stehen für junge Männer, die ihr Leben für den Wahn der Nationalsozialisten geben mussten, so wie ihr Liebster. Die Abwicklung der Kriegstoten widert sie an. „Kein Stück mehr für diesen Konzern, für Hitler!“, schwört sie und kündigt.

Dann ist der Krieg vorbei. Sie heiratet. Wird Mutter. Lässt sich scheiden. Und zieht mit Tochter Doris in die Britzer Hufeisensiedlung. Eine neue Heimat, die sie an die unbeschwerte Zeit im Lindenhof erinnert. Nach langen Jahren ohne Instrument steht endlich wieder ein Klavier im Wohnzimmer. Weiß lackiert, die Farbe der Leichtigkeit. Allen Schicksalsschlägen zum Trotz stimmt sie ausschließlich Lieder in Dur an. Sie kann gar nicht anders. Fröhliche Melodien, optimistische Texte: ihre Antwort auf die Zumutungen des Lebens.

Über Wochen und Monate verreist sie. Auf Kreuzfahrten setzt sie sich in den Salon und spielt Walzer für die Passagiere. Mit ihrem dritten Mann erobert sie die Fernwanderwege Europas, verbringt mit ihm und ihrem Enkel viele Sommer auf einer dänischen Nordseeinsel. Nur im Schatten, wo die Sonne nicht durchdringt, werden ihre Schritte schneller, da rennt sie beinahe. Und dann können die Beine irgendwann nicht mehr. Der Radius ihrer Ausflüge um die Siedlung wird kleiner. Angst macht ihr das nicht: „Was ich im Leben wollte, hatte ich.“

Mit weit über 80 wird sie Mitglied in der Seniorengruppe der Polizei, verbringt noch mal Stunden am Klavier. „Gerti, sing mal!“ rufen sie auf den Festen, und Gerti singt.

Als ihre Finger nicht mehr die Klaviertasten bedienen können, bleibt ihr immerhin ihre Stimme. Für die Lieder, für Erzählungen, Telefonate. An ihrem 99. Geburtstag fordert sie ihre Gäste auf, mit ihr die Lieblingslieder anzustimmen. Noch einmal richtig feiern.

Es ist der 13. September. Der nicht enden wollende Sommer läuft noch mal zur Hochform auf. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gab es kein so warmes Jahr. Gertrud Braun wollte stets in der Sonne gehen. Zwei Tage nach ihrem Geburtstag ist der Himmel noch immer blau. Und sie geht, diesmal für immer.

In ihren letzten Jahren hatte sie wiederholt von diesem Traum berichtet: Der geliebte Lindenhof war darin unversehrt. Nun kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück. Bei der Trauerfeier auf dem Friedhof Eythstraße, ganz nah der Stelle, wo ihr Elternhaus gestanden hat, sind alle Molltöne verbannt. Die Ukulele spielt „Somewhere over the Rainbow“, es ist ein heller Herbsttag. Die Blätter leuchten, so wie Gertrud Braun auf den Fotos, die von ihr bleiben. Und kein Schatten der Bäume reicht an ihre Ruhestätte heran.

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