Berlin : Geschichten vom Kasper im Neuköllner Kiez

Verena Friederike Hasel

Viel hatte Ali Karci, Zeitungshändler am Böhmischen Platz in Neukölln, nicht erwartet, als die Renovierungsarbeiten im Laden nebenan losgingen. Jahrelang hatte dieser leer gestanden, davor einen Trödelhändler beherbergt. Nun komme wahrscheinlich ein Internetcafé, dachte sich Karci – das typische Neuköllner Ladenschicksal eben. Doch dann: Die Dielen wurden abgeschliffen, an die Decke kam ein Kronleuchter und in die Mitte des Raumes ein großes Kasperletheater.

Kasper in Neukölln? Da wirkt er erst wie ein Exot. Aber bald schon könnte er vertrauter Kiezbewohner sein: Die Theaterwissenschaftlerin Henriette Huppmann und der Schauspieler Artur Albrecht – zusammen nennen sie sich K & K VolkArt – haben den Laden gemietet, um hier mit Handpuppen Geschichten vom Leben rund um den Böhmischen Platz zu erzählen. In Zukunft werden die beiden Kindergärten in der Umgebung besuchen; Kasper und ein Dutzend weiterer Puppen sind stets dabei. Dabei sollen die Stücke entstehen: „Die Kinder selbst geben den Puppen Namen und einen Charakter und erfinden dazu passende Geschichten“, sagt Henriette Huppmann. Dabei sollen sie aus ihrem eigenen Leben schöpfen: So könnte eine Puppe Probleme haben, weil sie schlecht Deutsch spreche. Eine andere leidet womöglich unter dem Gefühl, dass ihre Mutter die Schwester bevorzuge. „All diese Erfahrungen wollen wir aufgreifen und verarbeiten“, sagt Huppmann. Wichtig sei ihr vor allem eins: „Kunst muss nicht abgehoben sein.“ Ihr gehe es um die Auseinandersetzung mit dem Kiezalltag – mithilfe der Puppen: „Kasperletheater ist aus der Mode gekommen, aber eigentlich lassen sich alle Kinder gern Geschichten erzählen.“

In Zukunft sollen vierteljährlich drei Stücke entstehen, womöglich auch in Form einer Seifenoper mit wiederkehrenden Charakteren. Heute wird mit dem Stück „Kaspers Ankunft am Böhmischen Platz“ Einstand gefeiert. Ali Karci kommt auch – er freut sich über den Neuzugang in seinem Kiez.

„Kaspers Ankunft am Böhmischen Platz“, zu sehen heute um 16 und 17 Uhr im K & K VolkArt, Böhmische Straße 46 in Neukölln, Info unter 26 37 88 12.

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