Gründen zwischen Mut und Zweifel : So ticken Berliner Pioniere

Was braucht es, um erfolgreich zu sein? Unsere Autorin hat sich mit vier Unternehmern getroffen, die mutig waren und neue Wege gegangen sind.

Julia Kopatzki
Es muss ja nicht gleich der Mond sein. Viele Berliner Firmen zählen auf ihrem Gebiet zu den Pionieren.
Es muss ja nicht gleich der Mond sein. Viele Berliner Firmen zählen auf ihrem Gebiet zu den Pionieren.Foto: Getty Images

Der Betriebsleiter war voll des Lobes: Es seien „fantastische Ergebnisse“, sagte er voller Anerkennung und schwärmt von möglichen Kosteneinsparungen im siebenstelligen Bereich. Anlass für seine Euphorie war die Diplomarbeit von Sonja Jost, die als Werksstudentin ein neues Verfahren entwickelt hatte, um chemische Produktionsprozesse zu optimieren. Beinahe im Alleingang, muss man sagen. Dementsprechend irritiert fiel an diesem Nachmittag die Reaktion der übrigen Belegschaft aus. Sprach der Chef gerade wirklich von der Frau, die da neben ihm stand? Tat er definitiv. „Man hat ihnen angesehen, dass sie das einfach nicht zusammenbekommen haben“, erinnert sich Jost an die Abschlusspräsentation ihrer Diplomarbeit.

Die Diplomarbeit liegt einige Jahre zurück, unterschätzt wird Sonja Jost noch immer. Sie hat mittlerweile das Start-up DexLeChem gegründet, das die Erkenntnisse aus ihrer Abschlussarbeit noch weiterentwickelt hat. Die Firma bietet ein Verfahren an, mit dem Erdöl in der Medikamentenproduktion durch Wasser ersetzt werden kann. „Die Konzerne sparen damit Kosten und produzieren nachhaltiger“, sagt Jost. Bis sie sich jedoch am Markt durchsetzen konnte, dauerte es eine Weile.

Die Berliner Unternehmerin Sonja Jost.
Die Berliner Unternehmerin Sonja Jost.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Doch der Reihe nach. Innovationen, wie sie Josts Unternehmen anbietet, sind in Berlin keine Seltenheit: In Hinterhöfen und Coworking-Büros, in Laboren und Logistikzentren entstehen jedes Jahr neue, bahnbrechende Produkte und Dienstleistungen. Wie aber ticken die Menschen, die Neues schaffen, die ausgetretenen Pfade verlassen? Was treibt die Pioniere an und was führt sie zum Erfolg? Gibt es gar einen speziellen Gründer-Typus? Fragen über Fragen.

Die Motivation

Der Wirtschaftspsychologe Claas Triebel hat zwei Antworten – eine kurze und eine lange. „Nein“, lautet die kurze. „Bill Gates, Mark Zuckerberg und Steve Jobs sind wahnsinnig unterschiedliche Typen und alle wahnsinnig erfolgreich“, sagt der Psychologe. Trotzdem gebe es etwas, das sie alle eint: Durchhaltevermögen. Oder auch: die Fähigkeit auf Erfolg zu warten und trotzdem weiter dafür zu arbeiten.

Auch Dirk Graber musste Geduld aufbringen, bis sein Geschäftsmodell aufging. „Wir haben drei oder vier Jahre gebraucht, bis wir verstanden haben, wie man Brillen gut im Internet verkauft“, berichtet Graber über die Anfänge des Brillenversands Mister Spex. Zumindest äußerlich sieht man ihm den Innovationsgeist nicht an. Graber ist ein grundsolider Typ: weißes Hemd über blauer Jeans; auf dem Kopf ein Bürstenhaarschnitt, auf der Nase eine, natürlich, Brille. Auch sein Lebenslauf liest sich stringent: Studium in Leipzig, Praktika bei Ebay und Jamba: „Ich war fasziniert von der Entwicklung der Unternehmen und habe gelernt, wie viel Spaß es macht, selbstbestimmt zu arbeiten.“ Nach einer kurzen Zeit in einer Unternehmensberatung war klar: Er will selbst gründen.

Chef von Mister-Spex: Dirk Graber.
Chef von Mister-Spex: Dirk Graber.Foto: Stephan Röhl

Die Gründung von Mister Spex wirkt leidenschaftslos: „Wir haben uns Nischen angeschaut, die noch nicht besetzt waren, nach großen Märkten gesucht, die bereits existierten, und nach Produkten, die sich für den Versandhandel eignen.“ So kam er mit seinen drei Mitgründern auf Brillen. Eine Idee, die nicht mal seine eigene Schwiegermutter gut fand: „Sie ist Augenärztin und war dementsprechend kritisch.“ Trotz oder gerade wegen ihrer Skepsis sei sie ein guter Partner gewesen. Claas Triebel sagt, es gäbe drei Motivationen, die zum Gründen antreiben:

Man hat keinen Bock auf einen Chef.

Man hat eine Mission.

Man will reich werden.

Bei Nikita Fahrenholz war es Nummer drei. „Geld und Erfolg ist in Deutschland ein Tabuthema“, sagt er. Und muss es wissen: Denn er ist nicht nur erfolgreich, sondern dürfte auch ziemlich reich sein: Fahrenholz war einer der Mitgründer des Essenslieferanten Delivery Hero. Vor einem Jahr ging das einstige Start-up an die Börse, bewertet mit insgesamtz 4,4 Milliarden Euro.

In seiner Jugend durchlebte er das Konstrastprogramm. Aufgewachsen ist Fahrenholz in einer Ostberliner Platte. „Wenn man aus bescheidenen Verhältnissen kommt und viel Geld verdienen kann, ist das für lange Zeit ein guter Motivator.“ Aber nicht der einzige. Fahrenholz kann man als rastlos beschreiben, als Getriebenen. Bei Delivery Hero ist er nur noch Anteilseigner, widmet sich seinem neuen Projekt: Book a Tiger, einem Onlineservice, der Reinigungskräfte vermittelt. „Die Arbeit bei Lieferheld war getan“, sagt er.

Nikita Fahrenholz und Claude Ritter (re.), Gründer von "Book a Tiger".
Nikita Fahrenholz und Claude Ritter (re.), Gründer von "Book a Tiger".Foto: Thilo Rückeis

Er spricht schnell, denn seine Tage sind durchgetaktet. „Es gibt immer wieder Phasen, da lebt man nur nach dem Kalender.“ Eine dieser Phasen war auch die Anfangszeit von Lieferheld: so lange im Büro arbeiten, bis man einschläft – und am nächsten Morgen haben sich alle neue T-Shirts bei H&M gekauft. So lautet die Legende. „Diese Zeiten sind heute aber vorbei“, sagt Fahrenholz und wirkt nicht traurig darüber.

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