Grüne Gefahr : Tückische Ambrosia

In der Region breiten sich immer mehr giftige Pflanzen aus, die hier nicht heimisch waren. Die Folgen sind teilweise gravierend.

Der Riesen-Bärenklau. Ein Landschaftspfleger versprüht ein Herbizid auf die giftige Pflanze, die ursprünglich aus dem Kaukasus stammt. Sie wird bis zu vier Meter hoch.
Der Riesen-Bärenklau. Ein Landschaftspfleger versprüht ein Herbizid auf die giftige Pflanze, die ursprünglich aus dem Kaukasus...Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Bilder sehen aus, als wären sie im tiefsten Dschungel entstanden: Männer mit Schutzanzügen, Masken und Handschuhen hantieren zwischen dichtbelaubten Pflanzen. Riesige Blätter wogen auf dicken saftigen Stängeln.

Doch die Bilder wurden nicht in Sumatra oder Indien aufgenommen, sondern mitten in Brandenburg. Und was da auf den ersten Blick wie Palmen oder Farne aussieht, ist Riesen-Bärenklau. Manche nennen ihn auch Herkulesstaude, Herkuleskraut oder Bärenkralle. Er stammt aus der Familie der Doldenblütler und ist im Gegensatz zu seinem kleinem Verwandten, dem Wiesen-Bärenklau, keine einheimische Art. Etwa Ende des 19. Jahrhunderts soll er vom Kaukasus aus nach Europa gelangt sein, bis vor einigen Jahren galt er sogar als nützlich oder dekorativ. „Ich kann mich noch erinnern, dass sich der eine oder andere Kleingärtner riesig gefreut hat, wenn die Pflanze in seinem Garten in die Höhe schoss“, sagt eine Sprecherin des Julius-Kühn-Instituts in Braunschweig, einer Forschungseinrichtung des Bundes für Kulturpflanzen.

Es drohen Verbrennungen und Bronchitis

Doch die Zeiten sind vorbei – auch in Berlin und Brandenburg. „Wir wissen inzwischen, dass der Riesen-Bärenklau nicht nur Rötungen und Entzündungen der Haut, sondern auch heftige Verbrennungen bis hin zu Atemnot und Bronchitis auslösen kann“, sagt der bekannte Lausitzer Naturschützer Winfried Böhmer. Das liegt daran, dass der 2008 zur Giftpflanze des Jahres gekürte Riesen-Bärenklau Substanzen bildet, die bei Berührung durch Mensch oder Tier schädlich wirken, wenn Sonnenlicht hinzu kommt. Die Haut reagiert bestenfalls mit Rötungen und Quaddeln, schlimmstenfalls verbrennt sie regelrecht.

Sogar die Dämpfe des Saftes können gesundheitliche Beschwerden hervorrufen, weshalb bei der Bekämpfung auch ein Gesichtsschutz getragen werden muss. Wachsen die Pflanzen etwa nah an einem Kindergarten, können die Eigentümer der entsprechenden Grundstücke von Amts wegen aufgefordert werden, den Riesen-Bärenklau zu entfernen.

Bei einer anderen, nicht weniger problematischen Pflanze ist das bisher nicht der Fall. Was zumindest in Brandenburg demnächst geändert werden soll.

Die Beifußblättrige Ambrosie. Bis zu zwei Meter hoch wird diese Pflanze, deren Pollen Allergikern große Probleme bereiten. Sie stammt aus Nordamerika.
Die Beifußblättrige Ambrosie. Bis zu zwei Meter hoch wird diese Pflanze, deren Pollen Allergikern große Probleme bereiten. Sie...Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Rede ist von der Ambrosia, genauer gesagt: von der Beifußblättrigen Ambrosie, die zur Familie der Korbblütler gehört und bis zu zwei Meter hoch werden kann. Sie ist der Schrecken aller Allergiker, die in diesen Wochen eigentlich erleichtert sein könnten, da die Zeit der Gräserpollen vorbei ist. Wenn da nicht die Pollen der Ambrosia wären. Die können schon in geringsten Mengen Heuschnupfen, Asthma, Husten, tränende Augen, Müdigkeit und Kopfschmerzen hervorrufen. Auch Ambrosia, die ursprünglich aus Nordamerika stammt, kommt, begünstigt durch globalen Handel und Tourismus, vor allem aber durch mit Ambrosiasamen verunreinigtes Vogelfutter immer wieder nach Deutschland. „Einer der Haupteinschleppungswege für Ambrosia war mit Samen dieser Pflanze verunreinigtes Saatgut“, sagte eine Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft dem Tagesspiegel. „Deshalb gelten seit dem Jahr 2011 in der gesamten Europäischen Union Höchstgehalte von Ambrosia-Verunreinigungen, damit neue Vorkommen verhindert werden.“

Der Klimawandel begünstigt die eingeschleppten Pflanzen

Weitere eingeschleppte Pflanzen, die hierzulande Probleme bereiten, sind laut Bundesamt für Naturschutz unter anderem die Kanadische Goldrute, die Orientalische Zackenschote und der Japan-Staudenknöterich, der unglaublich schnell wächst und heimische Arten vertreibt. Dass der Klimawandel die Ausbreitung der sogenannten Neophythen begünstigt, ist inzwischen bei den Experten unstrittig. So kann die Ambrosia auch trockene Bodenbedingungen tolerieren und überlebt dadurch bei Dürre viele andere Pflanzen.

„Die Kommunen bekommen Geld für die Bekämpfung aus Lottomitteln“, sagt der Ambrosia-Beauftragte der brandenburgischen Landesregierung Matthias Hoffmann: „Aber das reicht noch nicht aus. Wichtig ist, dass alle Beteiligten zusammenfinden. Da geht es nicht nur um Gesundheit, sondern auch um Landwirtschaft oder Straßenbau. Wir müssen über ganz neue Strategien nachdenken.“

Besonders viel Ambrosia wächst im Süden Brandenburgs, aber auch Potsdam und das Berliner Umland sind betroffen, wie das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft Brandenburgs mitteilte. Gemeinsam mit Berlin wurde schon vor Jahren der sogenannte Ambrosia-Scout eingerichtet (www.ambrosiascout.de), mit Karten, interaktiven Bestimmungshilfen und der Möglichkeit, eigene Funde zu melden.

In Berlin würden nur ab und an kleinere Vorkommen gefunden, sagt Thomas Hötger vom Charlottenburger Ökowerk. Zwar müsste man auch diese konsequent bekämpfen, aber nur, damit sie die heimische Pflanzenwelt nicht stören. Ansonsten gebe es keinen Grund zur Panik.

Die Hyalomma-Zecke. Sie ist deutlich größer als einheimische Arten.
Die Hyalomma-Zecke. Sie ist deutlich größer als einheimische Arten.Foto: Andrea Schnartendorff/dpa

Viele Bürger jedoch ziehen Parallelen zur Tierwelt, wo eingewanderte Arten wie der Marderhund oder der Waschbär große Schäden anrichten. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) hatten knapp die Hälfte der insgesamt 1006 Befragten im Alter von 18 bis 70 Jahren Angst vor inzwischen in Deutschland vorkommenden exotischen Insekten wie etwa der Asiatischen Tigermücke oder der Hyalomma-Zecke. Letztere hat wegen der Dauerhitze 2018 erstmals den Winter in Deutschland in großer Zahl überlebt. Sie ist nicht nur sehr viel größer als heimische Zecken, sondern „verfolgt“ ihre Opfer angeblich über mehrere Meter hinweg. Und sie kann neben Fleckfieber auch das potenziell tödliche Krim-Kongo-Fieber übertragen.

Dagegen muten die giftigen Pflanzen geradezu harmlos an. Übrigens können auch heimische Arten gesundheitliche Probleme auslösen. So etwa das Jakobskreuzkraut, das Alkaloide bildet, die nicht nur in den frischen Pflanzen, sondern selten in Kräuterteemischungen, vor allem aber auch im Heu enthalten sind. Tiere, besonders Pferde, nehmen darüber die Giftstoffe auf, die sich in der Leber langsam anreichern und irgendwann zum Tod führen können.

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