Berlin : Jörg Friedrich (Geb. 1939)

Sie trinken Weißwein, rauchen Joints und hören Lieder von Ernst Busch

Paul Hildebrandt

Es reicht dem Gabelstaplerfahrer, Rudi hat genug von Befehlen und Kommandos. Er baut sich vor seinem Chef auf, „Ich lass mich nicht mehr länger von dir anmotzen. Ab heute wehren wir uns“, er rückt den Helm zurecht, hakt die Daumen hinter die Hosenträger und fängt an zu singen.

Jörg Friedrich spielt Rudi. Ein Theaterstück für Kinder, das im Jahr 1972 vom WDR aufgezeichnet wird. Es ist kritisch, es ist lustig, die Kinder im Publikum sind begeistert. Sie klatschen und singen laut die Lieder mit. Für Jörg Friedrich ist der Abend in Köln ein besonderer Moment: Jetzt bewegen sie etwas.

Seit drei Jahren gehört er zum Grips-Kindertheater. In West-Berlin treten sie in einem alten Kinosaal auf. Sie wollen das Land verändern, und da fangen sie bei den Jüngsten an. Denen muss man keine Weihnachtsmärchen vorspielen, sondern Stücke, die das echte Leben zeigen. In Berlin werden sie deshalb als Kommunisten beschimpft, dann lädt sie der WDR nach Köln ein. Es ist so etwas wie ein Ritterschlag. Als die Schauspieler aus dem Aufnahmeraum kommen, feiern sie ihren Erfolg mit viel Sekt. Müde und betrunken fahren sie nachts zurück zum Hotel, und sie hören gar nicht auf zu diskutieren, streiten, wie sich das gehört, wer von ihnen der linkeste Linke ist.

Er ist ein Kriegskind. Als die Rote Armee in Richtung Westen vorrückt, fliehen seine Eltern mit ihm nach Berlin. Er wächst in einer kaputten Gesellschaft auf. Die Erwachsenen geben den Kindern Befehle. 1959 macht er sein Abitur an einem konservativen Gymnasium in Steglitz und träumt davon, Schauspieler zu werden. Er soll aber was Vernünftiges lernen, Reeder wie der Vater, und wird zur Ausbildung nach Hamburg geschickt. Da lernt er den Jazz kennen. Tagsüber macht er seine Ausbildung im Hafen, nachts spielt er Klarinette in den Clubs auf Sankt Pauli. Dann bekommt er eine Zusage von der Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel in Berlin. Er zieht wieder bei seiner Mutter ein und lässt sich von der Studentenszene mitreißen. Verteilt Flugblätter und demonstriert auf dem Ku’damm. Nächtelang sitzt er in verrauchten Kneipen und diskutiert. Seine langen Haare trägt er zum Zopf gebunden, die schmale Gestalt versinkt in einem alten Mantel.

Bei einer Gastrolle im „Reichskabarett“ lernt er den Theaterautor und Grips-Gründer Volker Ludwig kennen. Wie ein Missionar zieht der damals durch die Berliner Theaterszene und sucht Schauspieler für sein politisches Kindertheater. Friedrich ist begeistert – und er kann Kinder begeistern. Lustige Szenen dehnt er in die Länge, damit noch mehr gekichert und gelacht wird. Dabei sind die Themen ernst, es geht um eine kinderfeindliche Gesellschaft. Und die Botschaft: Ändert was!

Die Linke radikalisiert sich, die Fronten werden härter. Während die CDU Brandbriefe gegen das junge Theater schreibt, tourt das Ensemble durch Westdeutschland. Als die Truppe an einem Morgen Anfang der siebziger Jahre bei Sonnenaufgang von ihrer ersten Tour heimkehrt, bleiben alle noch ein paar Stunden in Friedrichs kleiner Wohnung. Durch die hohen Fenster scheint die Sonne aufs Parkett, Friedrich und die anderen trinken weiter Weißwein, sie rauchen Joints und hören Lieder von Ernst Busch.

1970 verbringt Friedrich seinen ersten Sommerurlaub auf der griechischen Insel Kyros. Er mietet dort eine kleine Hütte, bleibt erst ein paar Wochen, dann Monate, irgendwann kehrt er kaum noch nach Berlin zurück. 1974 besucht ihn ein alter Freund. Während die Griechen sich von einer Diktatur befreien, sitzen die Männer am Strand und trinken Ouzo. Und sie schreiben ein Theaterstück: „Nashörner schießen nicht“. Als das Grips-Theater das eigene Gebäude in Moabit erhält, spielen sie es zur Eröffnung.

Doch die Energie der Anfangsjahre verpufft langsam, sie spielen längst nicht mehr gegen das System an, das Grips- Theater ist eine renommierte Adresse geworden. Das Ensemble wird öffentlich geehrt, Das Goethe-Institut bezahlt Touren mit Friedrichs Stücken nach Kenia, Indonesien und Brasilien. Er selbst ist kaum noch in Deutschland.

1985 inszeniert Jörg Friedrich ein Stück in Berlin, bleibt für eine Saison und verschwindet wieder. Anfang der Neunziger taucht er erneut am Hansaplatz auf. Das Grips-Theater feiert Geburtstag: Gemeinsam singt das alte Ensemble die alten Lieder. Aber Friedrich führt längst ein anderes Leben. Inzwischen wohnt er in Thailand, ist verheiratet, bekommt eine Tochter, und fliegt hin und wieder für Fernsehrollen nach Deutschland. Auf Fotos blickt ein älterer Herr mit Schnurrbart und Seidenschal ernst in die Kamera.

Die Welt hat sich weitergedreht. Politisches Kindertheater regt niemanden mehr auf. Auf der Grips-Bühne spielt eine neue Generation, eins der erfolgreichen Stücke heißt „Eine linke Geschichte“. Es ist auch eine Hommage an Friedrichs Leben.

2014 zieht es ihn noch einmal nach Berlin. Er ist schwer krank und mietet mit seiner Frau eine Wohnung in Schöneberg. Sie spazieren durch die Stadt, die er so lange hinter sich gelassen hat. Was bleibt, sind die Erinnerungen an die alten Zeiten, an die alten Kämpfe.

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