• Maria Furtwängler in der Berliner Philharmonie: „Ich bin musikbegeistert, aber ahnungslos“

Maria Furtwängler in der Berliner Philharmonie : „Ich bin musikbegeistert, aber ahnungslos“

Maria Furtwängler tritt in der Philharmonie auf. Ein Gespräch über Künstlerfamilien, das Erbe ihres Großonkels – und die Göttlichkeit der Hühner.

Markus Lücker
Die Schauspielerin Maria Furtwängler
Die Schauspielerin Maria FurtwänglerFoto: imago/STAR-MEDIA

37 Männer in schwarz-weiß schauen Maria Furtwängler über die Schulter. An der Wand im Konferenzraum der Staatsoper Unter den Linden hängen die Porträts der ehemaligen Intendanten und Generalmusikdirektoren des Hauses. Darunter ist auch ihr Großonkel, der weltberühmte Dirigent Wilhelm Furtwängler. 1933 übernahm er die Leitung des Hauses. Am Donnerstag wird die Schauspielerin selbst mit der Staatskapelle Berlin, auf Einladung der Staatsoper, in der Philharmonie auftreten. Als Sprecherin begleitet sie ein Konzert zum 100. Todestag des Komponisten Claude Debussy.

„Zum Raum wird hier die Zeit“ heißt es zu Beginn von Wagners „Parsifal“ – passt zu den Fotos an der Wand. Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zur Oper?
Ich gehe sehr gerne in die Oper. Tatsächlich war „Parsifal“ meine erste Aufführung. Ich war 13 oder 14. Meine Großmutter nahm uns Enkel reihum mit nach Bayreuth. Irgendwann war ich dran und war ganz hingerissen von der Akustik und den ersten Klängen. Ich bin musikbegeistert, aber ahnungslos. Die Leute denken: Die heißt Furtwängler, die muss alles wissen. Das Gegenteil ist der Fall.

Nun wirken Sie in einer stark gekürzten Fassung von Debussys „Le Martyre de Saint Sébastien“ mit – im Original fünf Stunden lang. Was halten Sie von Entschleunigung?
Für mich ist das schlicht eine Notwendigkeit. Um in Kontakt mit mir selber und auch mit dem Erhabenen, dem Göttlichen zu kommen, um das es ja auch in dem Stück geht. Dafür müssen wir die Zeit verlangsamen. Aber auch die Beschleunigung macht Spaß. Wenn schon Stress, dann auch gleich volle Kanne, Termin an Termin und noch eine Telefonkonferenz dazwischengequetscht – wissend, es gibt den Raum, wo die Ruhe stattfinden kann.

Woraus besteht bei Ihnen dieser Raum?
Aus Musik oder Natur. Ich habe seit Kurzem Hühner. Gerade haben die wieder Nachwuchs bekommen. Dabei zuzusehen, wie ein Huhn seine Küken in die Welt einführt und was für unterschiedliche Charaktere diese Tiere haben, das ist totale Verlangsamung: In die Beobachtung gehen. Raus aus dem Machen und rein in den Zustand des Empfangens. Für Claude Debussy war die Natur der Ort des Göttlichen und auch für mich ist die Natur der Ort, wo mir die Seele aufgeht. Wo sich etwas öffnet, das größer ist.

An der Wand hinter Ihnen hängt die Ahnengalerie der Staatsoper – bis ins 18. Jahrhundert hinein allesamt Männer.
Und wie viele namenhafte Dirigentinnen gibt es aktuell auf der Welt? Zwei?

Angeblich weniger Dirigentinnen als weibliche Generäle.
Interessant, wie schwer wir uns damit tun, hier Änderungen zuzulassen. Neulich habe ich Daniel Barenboim bei den Proben zugesehen. Faszinierend, was der raushört. ‚Sie da! Am Fagott! War das ein F, das Sie da gespielt haben? Nein, nein, nein. Nochmal!‘ Jetzt stellen Sie sich dasselbe mit einer Frau vor. Da hieße es dann möglicherweise: Was für eine Zicke. Wir tun uns schwer mit Autorität und Durchsetzungswillen bei Frauen. Weil wir diese tradierten Bilder im Kopf haben, was Frauen können und dürfen.

Sie sind nicht das erste Mitglied der Familie Furtwängler, das von der Staatsoper engagiert wurde. Welchen Einfluss hat das Erbe von Wilhelm Furtwängler?
Mein Großonkel war bereits tot, als ich geboren wurde. Trotzdem hatte das eine große Präsenz: Kultur und Musik. Das Künstlerdasein war bei uns die unausgesprochene Idealform. Alles andere war nicht viel wert. Natürlich hatte dieses Erbe Vorteile. Jeder kannte unseren Namen. Aber da schwebte auch immer etwas über meinem Kopf, womit ich mich nicht auseinandersetzen konnte. Lange hatte ich das Gefühl, ich müsste dem gerecht werden oder mitverkaufen.

Und heute?
Ich habe mich davon gelöst und sehe stattdessen seine inspirierende Hingabe zur Musik. Auf der Bühne stehe ich für mich und nicht für jemand anderen.

In dem Stück, das nun in Berlin aufgeführt wird, geht um den Leidensweg des religiösen Märtyrers Sankt Sebastian. Thematisch brisant.
Für uns im christlichen Abendland ist es heute schwer vorzustellen, dass jemand für seinen Glauben größte Schmerzen und selbst den Tod als Erlösung in Kauf nimmt. Dabei ist das Christentum von diesen Märtyrern und auch Märtyrerinnen durchzogen. Es ist gerade heute wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.

Unter Historikern ist ihr Großonkel durchaus umstritten. Einige sehen ihn als auf die Kunst fokussierten Ästhet, der Widerstand im Rahmen seiner Möglichkeiten geleistet hat. Andere sehen ihn als knallharten Opportunisten, der mit dem Nazi-Regime zusammengearbeitet hat. Was ist ihr Bild?
Ich sehe ihn als jemanden, der gefangen war in einer Situation, in die wir uns alle nicht hineinwünschen. Knallharter Opportunist – das ist absurd. Dann wäre er der Partei beigetreten wie andere an der Wand hinter mir und hätte nicht seine Ämter niedergelegt. Er hätte die offene Konfrontation mit Goebbels im Fall Hindemith vermieden und er hätte nicht gegen Ende des Krieges auf der Abschussliste gestanden. Trotzdem kann man ihm vorwerfen, dass er geblieben ist. Jemand, der in solch exponierter Stellung war, berühmtester Dirigent Deutschlands, der hätte ins Exil gehen müssen, um nicht als Aushängeschild für ein verbrecherisches Regime missbraucht werden zu können.

Das Konzert beginnt an diesem Donnerstag um 20 Uhr, Karten ab 82 Euro gibt es an der Abendkasse oder unter www.staatsoper-berlin.de.

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