Mutter von Mordopfer Keira G. : "Ich kann es nicht ertragen"

Keira G. wurde im Frühjahr von einem Mitschüler ermordet. Ein schweres Gespräch mit ihrer Mutter über die tägliche Suche nach Gründen, um weiterzuleben

Die Mutter von Keira G.
Die Mutter von Keira G.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frau G., mein aufrichtiges Beileid zu dem unermesslichen Verlust, den Sie unter so schrecklichen Umständen erlitten haben. Ich habe mich, ehrlich gesagt, ein wenig vor diesem Gespräch gefürchtet.

Da sind Sie nicht die Einzige. Zum Teil kann ich verstehen, dass Menschen sich nicht mit solch’ unvorstellbar schrecklichen Dingen konfrontieren wollen. Bei manchen, die ich immer als gute Freunde eingeschätzt habe, bin ich allerdings traurig, dass sie sich nicht melden und nicht mit der Situation umgehen können.

Vielleicht ist die Unsicherheit so groß?

Vielleicht. Aber einfach nur mal angerufen zu werden und etwas aus dem Alltag erzählt zu bekommen, ist für mich auch eine Ablenkung. Ich bin auch keinem böse, der sagt: „Ich weiß nicht, wie ich Dir helfen kann. Aber ich wollte mich wenigstens mal melden.“ Schlimm finde ich nur den Satz: „Melde Dich, wenn es Dir nicht gut geht!“ Ich glaube nämlich nicht, dass Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage wie ich befinden, noch jemanden anrufen, wenn es ihnen schlecht geht oder wenn sie beispielsweise den Gedanken haben, aus dem Fenster springen.

Um Himmels willen …

Keine Angst, ich wohne im ersten Stock. Aber man hat schon immer mal den Gedanken und eigentlich ist das Einzige, was mich dann hier hält, die Sorge um meine Eltern. Ich kann es ihnen einfach nicht antun, nach ihrer Enkeltochter auch noch ihre Tochter zu verlieren.

Machen Sie keine Therapie?

Doch. Natürlich. Und da habe ich einen wunderbaren Therapeuten, deshalb rede ich manchmal davon, Glück zu haben. Denn das gilt auch für meinen Anwalt, für die Polizei, die Seelsorgerin, die Sanitäter und besonders für den Notarzt, der 90 Minuten lang versucht hat, Keira ins Leben zurückzuholen. Gerade Rettungskräfte bekommen ja selten mal einen Dank, sie sind dann einfach wieder weg.

Wäre es möglich gewesen, Keira zu retten?

Nein, das hat der Gerichtsmediziner im Prozess ganz klar gesagt: Drei von den insgesamt 23 Messerstichen waren jeder für sich tödlich. Schon nach dem ersten davon hat sie nur noch wenige Minuten zu leben gehabt.

Ohne noch einmal auf die schrecklichen Einzelheiten der Tat einzugehen – wie kann man es ertragen, seine Tochter so zu verlieren, sie sogar selbst zu finden?

Man kann es nicht ertragen, man kann sich höchstens, so makaber es klingen mag, noch schrecklichere Varianten ausmalen. Ich stelle mir immer vor, sie wäre entführt worden, vielleicht vergewaltigt oder gefoltert und alleine im Wald oder irgendwo gestorben. Und ich hätte vielleicht drei Tage in Ungewissheit leben müssen. Oder drei Wochen. Oder gar Jahre wie die Mutter von Georgine Krüger, an die ich dieser Tage oft denke. Man versucht, es sich irgendwie erträglicher zu machen. Aber die Bilder und Gedanken an die Tat sind immer da.

Ist es nicht besonders schlimm, dass es gerade in ihrer eigenen Wohnung passierte, an einem Ort, wo man sich sicher fühlt?

Es war ein furchtbarer Schock: Das viele Blut, der Schal, der als Knebel um Hals und Mund meiner Tochter geschlungen waren, die Anweisung der Notrufzentrale, sofort mit der Herzdruckmassage zu beginnen. Und dennoch klammere ich mich an die Überzeugung, dass Keira noch gespürt hat, dass ich bei ihr war. Sie wusste ja, dass ich bald nach Hause kommen– und sie dann nicht mehr allein ist.

Sie hatten ein sehr inniges Verhältnis zu Ihrer Tochter?

Oh ja. Es gab natürlich auch mal Zoff, das lässt sich im Teenager-Alter ja nicht vermeiden. Aber wir waren nicht nur Mutter und Tochter, sondern auch Freundinnen. Einmal hat Keira sogar gefragt, ob wir uns ein Partner-Tattoo machen lassen wollen. Und ich hab’ scherzhaft geantwortet: „Dann kriege ich Dich ja nie mehr los.“ Und jetzt habe ich mir ihren Namen auf denn Unterarm tätowieren lassen und trage ein Armband mit ihren Haaren und den Haaren ihres Ponys, das sie so liebte. So ist sie immer bei mir.

Sie bleiben auch in der Wohnung?

Ja. Viele können das nicht verstehen. Aber dort ist ja nicht nur die böse Tat geschehen, es gibt auch unzählige gute Erinnerungen. Hier sind wir sechs Jahre gemeinsam gewesen und ich habe unzählige schöne, lustige, gute Erinnerungen an sie und an uns.

Keira war klug, vielseitig interessiert und Berliner Meisterin ihrer Altersklasse im Eisschnelllauf. Ein sehr hübsches Mädchen mit gesundem Selbstbewusstsein. Hat vielleicht genau das ihren Mörder animiert?

Ich könnte mir das vorstellen. Obwohl das Gericht ja festgestellt hat, dass es reine Mordlust war, dass es auch jeden anderen hätte treffen können. Aber irgendwie war er fixiert auf sie. Vielleicht, weil sie einfach so eine Ausstrahlung hatte. Mich haben ja wildfremde Menschen kontaktiert, nachdem ihr Foto veröffentlicht wurde. Und sie war auch sehr selbstständig. Ist schon allein zum Training oder zum Arzt gegangen.

Wie ist man an Keiras Schule mit der ungeheuerlichen Tat umgegangen?

Bis zur Beerdigung eigentlich sehr gut und besonnen. Das hat mir wirklich geholfen. Sie haben zum Beispiel später auch eine Magnolie für Keira gepflanzt. Danach hatte ich allerdings das Gefühl, dass man das Thema lieber abschließen wollte. Schulkameraden meiner Tochter haben mir erzählt, dass sie an Keiras Geburtstag nicht gemeinsam zu ihrem Grab gehen durften und dass sie weder mit ihren Eltern noch mit ihren Lehrern über die Tat reden können. Als ich dann nachgefragt habe, ob man nicht vielleicht eine Stunde im Monat für die Aufarbeitung mit Schulpsychologen nutzen könnte, wurde das nicht umgesetzt.

Mit welcher Begründung?

Eine Begründung der Schule habe ich nicht erhalten. Ich habe auch mit anderen Eltern der Schule das Thema besprochen und da kam mal folgende Aussage: Man könne verstehen, dass ich das Andenken an Keira bewahren wolle, aber dafür sei die Schule der falsche Ort. Dabei ging es mir gar nicht um das Andenken, sondern um die Schüler sowohl in der Opfer- als auch in der Täterklasse. Nicht mal wir Erwachsenen kommen mit solch einem schrecklichen Geschehen klar, wie sollen es dann die Kinder? Es geht außerdem um Lehren für die Zukunft. Wenn auch nur ein Schüler die Ankündigungen des Mörders ernst genommen hätte, könnte Keira vielleicht noch leben. Ganz abgesehen davon, dass manche ihrer Mitschüler ebenfalls traumatisiert sind. Sie brauchen Hilfe und keine Erwachsenen, die das Böse schnell verdrängen und zum Alltag übergehen wollen. Beim Eisschnelllauf haben sich einige ihrer Sportkameraden sogar abgemeldet, weil sie es nicht aushalten, weiter in der Halle zu trainieren. Ohne Keira.

Wie wichtig war Ihrer Tochter der Eisschnelllauf?

Sie war ehrgeizig, aber sie hat deshalb nicht alles andere aufgegeben. Ihre Freunde waren ihr wichtig und alles, was Spaß macht. Sie tanzte gern, fuhr im Urlaub Jetski, spielte Fußball und Gitarre und probierte auch Keyboard – vielleicht sogar, weil der Mörder Klavier spielte.

Keira mit ihrem großen Vorbild, dem Eisschnellläufer Nico Ihle. Es entstand am 10. Februar 2018.
Keira mit ihrem großen Vorbild, dem Eisschnellläufer Nico Ihle. Es entstand am 10. Februar 2018.Foto: Privat

Er soll aus einer „ganz normalen“ Familie kommen.

Kann eine Familie normal sein, wenn ein 15-Jähriger aus Mordlust tötet? Der ist doch nicht so zur Welt gekommen, oder?

Sie geben den Eltern eine Mitschuld?

Die Mutter ist Erzieherin – sie hat sich bis heute nicht mal bei mir gemeldet, auch im Prozess ist sie nie auf mich zugegangen. Dabei gab es bei dem Mörder schon früher Anzeichen, dass etwas nicht stimmt: aggressives Verhalten gegen sich und andere beispielsweise.

Wie haben Sie seinen Anblick während der 14 Verhandlungstage ertragen?

Er sieht ja nicht hässlich aus, ich kann verstehen, dass meine Tochter ihn attraktiv fand. Ich habe aber auch den Wahnsinn in seinen Augen gesehen. Als ihn etwas aus der Fassung brachte, stieß er sich den Kugelschreiber einmal sehr heftig gegen seinen Hals. Ich glaube, er ist nach wie vor gefährlich, und kann nur hoffen, dass er wie empfohlen eine Therapie macht.

Er hat wohl vor Gericht gesagt, dass er Sie gern früher kennengelernt hätte und Ihnen irgendwann eine Erklärung geben wolle. Für mich klingt das wie eine Drohung.

Das haben viele meiner Freunde auch so empfunden. Aber ich habe keine Angst. Ich habe ja nichts mehr zu verlieren. Wenn er mir etwas antut, bin ich schneller wieder bei meiner Tochter.

Daran glauben Sie?

Bei einem solchen Schicksalsschlag muss man sich einfach ein Kartenhaus aufbauen mit Wünschen, Überzeugungen und Vorstellungen. Dass ich irgendwann wieder bei Keira bin, ist eine der Karten. Übrigens auch, dass ich länger auf das Wiedersehen warten müsste, wenn ich durch Selbstmord sterbe.

Mal abgesehen vom Kartenhaus – was oder wer hat Ihnen in der schweren Zeit noch geholfen?

Meinen Therapeut und meinen Anwalt habe ich schon genannt. In den ersten Tagen und Wochen hatte ich die berühmte beste Freundin an meiner Seite. Sie hat alles getan. Morgens gesagt: Jetzt stehen wir auf, jetzt gehen wir zur Polizei, jetzt müssen wir etwas essen … Ohne sie hätte ich keinen Schritt machen können. Ich war zu nichts in der Lage. Sie hat mir Kleidung besorgt und – Entschuldigung – die Journalisten vom Hals gehalten. Dabei war sie selbst sehr betroffen, Keira war für sie wie ein Patenkind.

War es so schlimm mit den Journalisten?

Am Anfang ja. Wobei sie mich selbst, abgesehen von einem besonders aufdringlichen Typen, eher in Ruhe ließen. Aber Vertreter einiger Medien haben die völlig traumatisierten Mitschüler auf dem Schulhof befragt und zum Teil auch fotografiert und gefilmt. Das fand ich unglaublich. Der Hausmeister bei mir zu Hause wurde von einem Pressevertreter sogar getreten, als er ihn aufforderte, das Gelände zu verlassen. Wie gesagt, ich habe am Anfang nichts mitbekommen. Später lernte ich dann schnell zu unterscheiden zwischen den seriösen und den anderen Medien. Letztere haben mir auch Geld geboten – doch das wäre für mich nie in Frage gekommen. Aber nachdem ich weiß, wie viel Beerdigung, Grabstein und so weiter kosten, kann ich gut verstehen, dass manche Menschen die Fotos und die Geschichte ihrer verlorenen Angehörigen verkaufen müssen. Dafür finde ich aber die gezahlten Summen unanständig gering. Wenn so ein Sender schon die Exklusivrechte erhält, sollte er wenigstens alle Kosten übernehmen.

Es gibt doch aber die Möglichkeit, bestimmte Zuschüsse nach dem Opferentschädigungsgesetz zu bekommen, oder?

Das ist eine der größten Ungerechtigkeiten überhaupt. Ich hätte nichts bekommen, weil ich angeblich zu viel verdiene. Dabei bin ich alleinerziehend. Und für den Anwalt der Nebenklage gibt es generell weniger Zuschuss vom Staat als für den Verteidiger. Und Rechtsschutzversicherungen zahlen in der Regel nichts, wenn der Versicherungsnehmer aktiv als Nebenkläger auftritt. Wer weiß das schon? Dabei sind die Folgen gar nicht absehbar: wie lange man zum Beispiel nicht arbeiten kann oder welche psychischen Krankheiten auf einen zukommen.

Wie viel haben Sie am Ende erhalten?

1800 Euro Bestattungsgeld. Und der Weiße Ring hat die Tatortreinigung übernommen und mir eine Soforthilfe von 300 Euro gegeben.

Das reicht aber nicht für eine Beerdigung.

Stimmt. Es ist aber vor allem ungerecht im Hinblick auf die Behandlung der Opfer von Terroranschlägen. Die Angehörigen von Getöteten beim Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz haben mehr als das Zehnfache bekommen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gönne jedem das Geld, ich finde aber nicht, dass es einen Unterschied macht, ob Menschen durch Terroristen oder andere Mörder sterben.

Wie wird die unterschiedliche Behandlung begründet?

Wohl damit, dass die Opfer von Terroranschlägen sich nicht selbst in Gefahr begeben haben oder dass der Staat sie nicht schützen konnte. Aber meine Tochter hat sich auch nicht in Gefahr begeben. Sie war sogar zuhause. Nicht mal da konnte sie der Staat schützen.

Aber wenigstens Ihre Therapie wird doch bezahlt, oder?

Das läuft über die Krankenkasse. Direkt bezahlt werden am Anfang nur fünfzehn mal 50 Minuten Traumatherapie. Wenn man das drei mal die Woche in Anspruch nimmt, ist man nach einem Monat durch. Das ist zu wenig, wenn man wie ich einen Horrorfilm durchlebt hat. Ganz abgesehen davon, dass der Gerichtsprozess erst viel später stattfindet ...

... und den die Angehörigen der Opfer auch oft als Trauma erleben?

Definitiv. Zumindest als sehr, sehr starke Belastung. Das geht damit los, dass die Persönlichkeitsrechte des Täters oft besser geschützt sind als die der Opfer. Bei meiner Tochter haben diese Rechte niemanden interessiert. Ihr Name stand in der Presse, da konnte ich gar nichts machen. Und es wurde sofort meine Straße mit Hausnummer und meine Wohnungstür gezeigt. Das muss doch nicht sein! Aber auch, dass man sich die Lügen des Täters beziehungsweise seiner Anwälte anhören muss, ist schon bitter und hart.

Trauer. Für Keira wurden im März an der Eisschnelllaufhalle, in der sie immer trainiert hatte, Blumen, Kerzen und Gedenkschreiben abgelegt.
Trauer. Für Keira wurden im März an der Eisschnelllaufhalle, in der sie immer trainiert hatte, Blumen, Kerzen und Gedenkschreiben...Foto: dpa

Aber in Ihrem Fall hat das Gericht sich doch eindeutig geäußert, oder?

Ja, in der Urteilsverkündung wurde ganz klar gesagt, dass alle Behauptungen, zum Beispiel, dass meine Tochter sterben wollte, jeglicher Grundlage entbehren. Oder dass es zum Streit kam und er ausgerastet sei. Er hatte ja das Tatmesser von zuhause mitgenommen. Er wollte töten. Wie der Joker, sein böses Vorbild.

Sie finden das Urteil, eine Jugendstrafe von neun Jahren, zu mild?

Definitiv ja. Obwohl mir eine höhere Haftstrafe auch nichts gebracht hätte. Deshalb fand ich auch die Frage mancher Journalisten, ob ich jetzt Genugtuung empfinde, so absurd. Selbst wenn er zum Tode verurteilt worden wäre, würde mir das meine Tochter nicht wiederbringen. Nein, ich fand die Strafe zu mild, weil sie aus einer Zeit stammt, wo 15-Jährige manchmal tatsächlich noch Kinder waren. Das ist doch heute schon durch die neuen Medien nicht mehr so. Die Jugendlichen sind über alles informiert, in allen Foren unterwegs und durchaus in der Lage zu wissen, dass man nicht morden darf. Jedenfalls ist es ein Widerspruch, wenn man ihnen mit 16 das Wahlrecht zugesteht und eventuell bald auch den Führerschein, aber sie gleichzeitig aus der Verantwortung für ihr Handeln zumindest teilweise entlässt.

Sie fordern härtere Strafen?

Ich finde, dass das Jugendstrafrecht auch angesichts der steigenden schweren Straftaten, die Teenager und auch Kinder verüben, dringend überarbeitet werden muss. Und wenn einer einen Mord begeht, sollte nicht der Erziehungsgedanke im Vordergrund stehen, sondern der Schutz der Allgemeinheit, sorry.

Sie reden sehr offen.

Wie gesagt, ich habe nichts mehr zu verlieren. Und mir hilft das. Auch mit den Medien zu reden. Weil dadurch alle erfahren, was ich für einen Albtraum durchlebe und welche Auswirkungen so ein Verlust für Familie und Umfeld des Opfers bewirken. Hier muss noch mehr Aufklärung erfolgen. Und ich habe immer noch die Hoffnung, dass jemand Keiras Handy findet, ein Samsung J7 in Gold. Ich würde auch Finderlohn zahlen.

Woher nehmen Sie diese Stärke?

Ich bin nicht stark. Vor allem abends bin ich oft unendlich verzweifelt. Und weiß nicht, ob ich tatsächlich die Kraft habe, weiterzuleben. Keira fehlt mir so so sehr.

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