Nachruf auf Cay Heinrich Runschke (Geb. 1940) : Buchhändler, Flaneur, Lebenskünstler

Er verkauft doch nichts, das seinen Ansprüchen nicht genügt! Keine Bestsellerlisten, keine Dummheit, keine Trivialität. Ein anspruchsvolles Geschäft.

Cay Heinrich Runschke (1940-2019)
Cay Heinrich Runschke (1940-2019)Foto: privat

Heinrich Heine verehrte er. Der soll ja das Feuilleton in Deutschland hoffähig gemacht haben, das für Cay zeitlebens eine Fundgrube war. Er schnitt Zeitungsartikel aus und ergänzte mit ihnen die betreffenden Bücher seiner großen Privatbibliothek. Seinem Taufnamen, Heinrich, konnte er trotzdem nichts abgewinnen. Zu viele Heinriche hatten braune oder schwarze Uniformen getragen, Konzentrationslager gebaut, Bücher verbrannt, eine unauslöschliche Geschichte des Terrors geschrieben.

Die finstere Vergangenheit hat ihn geprägt. Die Flucht vor der Roten Armee von Swinemünde über Perleberg nach Buchholz, eine Kindheitserfahrung der verstörenden Art. Seine Familienaufstellung: Mutter und drei verwitwete Tanten, männerlos das Aufwachsen, keine Helden außer den Familientoten, die in U-Booten versunken sind. Allein sein Vater kommt irgendwann zurück, der einzige männliche Überlebende der Großfamilie, ein Verwaltungsbeamter, der sofort wieder in Lohn und Brot steht, um den Wiederaufbau anzukurbeln. Doch die Welt dieses Vaters ist nicht Heinrichs Welt. Heinrich liest. Klaus Mann, Hans Henny Jahnn, Jean Genet, Walter Rheiner, Expressionisten, Dadaisten, Surrealisten, viele Außenseiter. Sie versprechen mehr als das Jetzt, viel mehr als das Gestern. Sie versprechen ein Wofür und ein Wohin. Oder ein Gegen-die-Wand! Ohne Kompromisse.

Die Familie stellt er auf die Probe, als er verkündet, Schauspieler zu werden. Doch er fällt durch die Aufnahmeprüfung und beginnt eine Buchhändlerlehre in Buxtehude. Immerhin weiß er nun, dass seine Familie toleranter ist als erwartet. Das betrifft auch seine Homosexualität, als er Bruno kennenlernt, einen Juwelier, seine erste große Liebe. Männerliebe gilt nach Paragraph 175 noch als Unzucht. Gemeinsam lassen sie den norddeutschen Mief und die Enge zurück und ziehen 1963 nach West-Berlin. Dort müssen sie sich nicht verstecken. Heinrich nennt sich nun Cay, ein schillernder Unisex-Name.

Auf die Studentenproteste folgt auch eine Liberalisierung für Homosexuelle. Aber diese Demonstrationen sind nichts für Cay, lange Haare und Sozialismus auch nicht. Er ist Buchhändler, Flaneur und Lebenskünstler. Lange arbeitet er in der legendären „Heinrich Heine Buchhandlung“ am Bahnhof Zoo, er besucht Theater, Kneipen, und das KaDeWe ist gleich nebenan. Als die Beziehung mit Bruno auseinanderbricht, folgt Max, ein Pharmazie-Student. Eine neue Leidenschaft, neue Leiden. Rückblickend konstatiert Cay: „Wenn ich mal sterbe, dann an gebrochenem Herzen!“ Von seinen beiden Lebensgefährten wird er verlassen.

Er ist schon sehr bei sich

So gut er aussieht, so klug er ist, so schwierig ist auch sein Wesen. Aus dem Nichts geht er in die Luft, kommt nicht mehr auf den Boden. Er ist schon sehr bei sich, an alle um ihn herum stellt er Ansprüche, denen kaum jemand genügt. Jeder Streit kann zum Bruch führen; dann muss der andere sich annähern, sonst gibt es kein Zurück. Dennoch wird er zeitlebens vom Vater und von den ehemaligen Lebensgefährten unterstützt. Nur so kann er sich sein aufwendiges Leben leisten.

1983 macht er sich selbstständig. In seiner „Literarischen Buchhandlung“ in der Ansbacher Straße wird nichts verkauft oder bestellt, was Cay nicht akzeptiert. Keine Bestsellerlisten, keine Dummheit, keine Trivialität. Ein Insidertipp. 20 Jahre lang funktioniert das anspruchsvolle Geschäft – auch dank der Hilfe des Vaters.

Schließlich zieht sich Cay allein in einen schmucklosen Sozialbau am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg zurück. Die Bibliothek, die Stilmöbel: Seine Zweizimmerwohnung ist eine Oase. Eine kleine Erbschaft macht’s möglich. Danach kommt die Grundsicherung. Freunde helfen bei der Miete aus, ebenso beim jährlichen Urlaub auf Sylt.

Vom Balkon im fünften Stock sieht er nicht nur über Schöneberg, sondern auch in die Fenster gegenüber. In einer der teuren Altbauwohnungen dort schwitzt, trinkt und brütet ein Bestsellerautor. Er ahnt es nicht, aber in Cays Bibliothek hat er es nie geschafft.

Im Tweedanzug besucht Cay die Loveparade, das Motzstraßenfest und den Christopher Street Day. Schwules Leben ist nun endlich sichtbar, dafür ist er dankbar. Doch einen neuen Partner, den er sich sehr wünscht, findet er nicht mehr. In seinem Haus hat er mit Tanja immerhin eine Freundin gefunden, die seinen Ansprüchen gerecht wird. Ihre Magisterarbeit über seine Lieblingsfarbe Blau fasziniert ihn. Gemeinsam unternehmen sie viel, im Gepäck der Picknickkorb im englischen Stil. Alles in seinem Leben verströmt Schönheit und Eleganz. Selbst seine Armutsschnittchen, wenn er kein Geld mehr hat, sind eine Augenweide.

Zuerst verliert Cay den Geschmack, dann die Lebenslust und den Herzrhythmus. Die Beerdigung im März: ein Armenbegräbnis. Vielleicht hätte er gelacht angesichts der kleinen Trauergemeinde, denn da sind deutlich mehr Frauen als Männer. Auf seinem Minigrab steht die bunte Vogelplastik von seinem Balkon, auf einem Blechschild der Name Heinrich. Egal. Cay hat seine Spuren anderswo hinterlassen.

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