Nachruf auf Harald Schmid (Geb. 1947) : Der lange Weg zum kurzen Werk

Er war Schweißer und wurde "Arbeiterschriftsteller". Nur schrieb er lange nichts. Als er es dann tat, fasste er sich ausgesprochen kurz.

Harald Schmid (1947-2020)
Harald Schmid (1947-2020)Foto: privat

Er war Schweißer und hatte weder mit der hohen Literatur noch mit der Revolution etwas am Hut. Dass er, obgleich er Schweißer blieb, in die literarischen und irgendwie auch revolutionären Kreise vorstieß, erschien ihm selbst derart bemerkenswert, dass er, viel später, diesem Vorgang seinen einzig überlieferten längeren Text widmete, beileibe keinen Roman, eher einen kleinen Bericht mit dem Titel „Kannst du schreiben, Kumpel? oder Wie man einen Arbeiterschriftsteller macht“.

Es muss im Jahr 1969 gewesen sein, da trank Harald Schmid ein Feierabendbier in seiner Stammkneipe, als ihm am Nachbartisch eine Gruppe junger Männer auffiel, die weder mit ihrem Haarschnitt noch mit ihren Themen in die Umgebung passten. Lange Haare, Bärte, der Umsturz, die Texte, die Gesellschaft. Er sprach sie an und ließ sich von ihnen einladen. Der Wortführer, ein Jungverleger namens Sigi, war von dem Mitglied der Arbeiterklasse so angetan, dass er verkündete: „Bist in Ordnung, Kumpel. Einen wie dich könnte ich für meinen Verlag brauchen, einen wie den Wallraff, der aus der Fabrik berichtet, so etwas lesen die Bürgerlichen heute. Kannst du schreiben, Kumpel?“

Eine konkrete Antwort gab der Kumpel laut Selbstauskunft nicht, offensichtlich genoss er zunächst einmal die große Hoffnung, die die verkopften aber immerhin trinkfreudigen Kerls in ihn legten. Sigi führte Harald in den folgenden Wochen und Monaten in die Gesellschaft ein: Vernissagen in der „Kleinen Weltlaterne“, Lesungen im „Buchhändlerkeller“ (es waren die ersten, die er besuchte), Debattierrunden der „Gruppe Arsch“, wie sich der „Arbeitskreis Revolutionärer Schriftsteller“ bescheiden nannte, in denen bis in die Morgenstunden gelesen, gestritten und gesoffen wurde. Harald, der im Anschluss gleich zur Arbeit ging, war ein gern gesehener Gast, denn Arbeiter wie ihn galt es zu befreien, und da war es hilfreich, wenn ein Exemplar seiner Spezies auch mal damit einverstanden war. Umso besser, wenn es sich auch noch ohne Gegenwehr „Arbeiterschriftsteller“ nennen ließ. Halb so schlimm, dass Harald Schmid noch keine Zeile zu Papier gebracht hatte, von ein paar Reimversuchen in der Jugend einmal abgesehen.

Jungliterat ohne Werk

Die hatte er in Oberbayern zugebracht, in einem kleinen Ort namens Tittmoning, den ein junger Mann mit Freiheitsdrang und ohne Lust auf Wehrpflicht schleunigst verließ. So gelangte Harald Schmid, kaum volljährig, nach West-Berlin und hatte in den ersten Jahren noch so wenig Flausen im Kopf, dass er die Schweißerlehre absolvierte, Gabelstapler fahren lernte und sich abfand mit dem anstrengenden doch steten Leben eines hart arbeitenden Junggesellen.

Seine neue Identität als hoffnungsfroher Jungliterat mit vorbildlicher Herkunft und ohne Werk war nicht nur angenehm, weil er in eine interessante und feierfreudige Szene geraten war. Die Sache zahlte sich auch in sexueller Hinsicht aus. Der Jungverleger Sigi nahm den Befreiungsimperativ zwischen den Geschlechtern sehr ernst und wechselte seine Bettpartnerinnen regelmäßig. Die jeweils verflossenen überließ er seinem neuen „Kumpel“ – um ihn zu inspirieren, um die Verflossenen zu besänftigen, wer weiß; jedenfalls bescherte er dem katholisch erzogenen Harald Schmid eine schöne und erkenntnisreiche Zeit.

Da dieser ein Mann von rascher Auffassungsgabe war, währte die Zeit der Ausschweifungen nicht allzu lange. Bald lernte er Rosi kennen, und das war keine Abgelegte von Sigi. Ihr ging es um Beständigkeit, ihm auch, sie blieben beieinander bis an sein Lebensende.

Zur selben Zeit gelangen dem „Arbeiterschriftsteller“ auch seine ersten Zeilen. Es waren recht wenige, denn zum einen hatte er neben der Arbeit und der Liebe nicht so viel Zeit. Zum anderen verwarf er alle überflüssigen Worte und übrig blieben ausschließlich Ein- oder Zweisatzweisheiten wie etwa diese: „Der Aphorismus ist kurz. Er symbolisiert das Leben.“ Oder: „Die bequemste Liebe ist die des Ehemanns zu seiner Frau.“ Oder: „In Berlin weiß jeder, wo es langgeht, aber keiner kennt sich aus.“

Endlich! Der Arbeiter hatte geschrieben. Aber könnte es nicht auch mal etwas Längeres sein? Twitter und Instagram waren noch nicht zu erahnen, das Lesepublikum erwartete mehr Worte und dessen Büttel, die Herausgeber und Zeitschriftenredakteure, baten den Arbeiter darum. Verlage fragten an, ebenso „Konkret“ und sogar das ostdeutsche Intellektuellenorgan „Sinn und Form“. Alle erhielten Absagen. Er habe sich wirklich große Mühe gegeben, Größeres zu verfassen, doch bei der Überarbeitung seien nie mehr als zwei Sätze übriggeblieben. Die dürfe man gern veröffentlichen, sie enthielten das Nötige, für Ausführlicheres fühlte sich Harald Schmid einfach nicht zuständig.

"Nur die ausführenden Autoren lassen manchmal zu wünschen übrig“

War es Bescheidenheit oder ihr Gegenteil? „Nur wer hoffnungslos größenwahnsinnig ist, begnügt sich mit so kleinen Sätzen wie ich“, vermerkte er, aber nur weil ein Hinweis hübsch formuliert ist, muss man ihm nicht unbedingt folgen. Vielleicht war es der schlichte Realismus des Werktätigen, der gar keine grundsätzlichen Einwände gegen seine Werktätigkeit hatte, und der die Stunden zählte, die ihm jenseits derselben blieben? Sollte er sie mit dem Aufblasen von etwas vergeuden, das schlank und elegant war und alles enthielt, das ihm verkündenswert erschien?

Dass Harald Schmid eher praktischen Erwägungen folgte als einem Größenwahn, zeigt auch sein weiterer Werdegang. Zunächst einmal ließ er andere schreiben: Mit Unterstützung des Senats, dem die Versorgung der Mauerstadt mit Kultur am Herzen lag, gründete er einen Verlag und kümmerte sich, obgleich er weiter schweißte, um alles selbst. Einer Autorin, die frisch entbunden hatte, trug er die Kohlen in den dritten Stock. Die Bücher transportierte er mit dem Fahrrad in die Buchhandlungen. Und alle brotlos Beschäftigten versorgte er weiterhin mit seinen Aphorismen, sei es zum Trost: „Was seicht ist, findet Verbreitung, was leicht ist, findet Anerkennung – der Rest begnügt sich mit einer Kleinstauflage.“ Oder zur Erdung: „Das Leben ist ein guter Schriftsteller. Nur die ausführenden Autoren lassen manchmal zu wünschen übrig.“

Harald Schmid in einer SFB-Sendung über die "Verlagsstadt Berlin", etwa 1983-1984
Harald Schmid in einer SFB-Sendung über die "Verlagsstadt Berlin", etwa 1983-1984Foto: Screenshot

Fast zehn Jahre kämpfte Harald Schmid um Fremdtexte und Leser, dann drohten die Banausen vom Senat bei fortwährendem wirtschaftlichem Misserfolg mit Rückforderung der Förderung. Also beendete er die nebenberufliche Verlegertätigkeit in demselben Jahr, in dem er seinen Hauptjob verlor. Die Firma, für die er U-Bahnsitze zusammengefügt hatte, ging pleite. Was sich als gar nicht schlimm erwies, denn er erhielt kurz darauf ein schönes Angebot. Ein Kiosk war günstig abzugeben. Dort verkaufte er fortan neben Zeitungen die Restbestände seines Verlags und mit deutlich größerem Erfolg Bier aus seiner bayerischen Heimat, mit welcher ihn außer dem nicht viel verband.

Als auch das Kioskgeschäft ins Stocken geriet, lernte er noch einmal um. Harald Schmid war 50 und wurde Krankenpfleger. Nach wie vor lebte er mit seiner geduldigen Rosi zusammen, zirkelte nach Dienstschluss an den Aphorismen und war im Dienst von ausgesprochen geselliger Natur: Wie zuvor den Kioskjob verstand er auch den Pflegedienst in erster Linie als sprechenden Beruf.

Dennoch – gewiss auch der Pointe halber – schrieb er: „Ich war gezwungen, Schriftsteller zu werden. Man ließ mich anders nicht zu Wort kommen.“ Glaubwürdig wird die Sache, wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch sich erst in gedruckter Form zu Wort gekommen fühlt. Folgender Umstand spricht dafür, dass Harald Schmid so einer war: In den letzten Jahren arbeitete er am Computer, daran fiel ihm das Löschen überflüssiger Worte schön leicht. Doch er weigerte sich beharrlich, seine Aphorismen auf dem Gerät abzuspeichern, geschweige denn, sie elektronisch zu versenden. Er druckte sie aus, sammelte sie in Ordnern und verschickte sie in Briefen. Wenn jemand ein Buch daraus machen wollte, musste er sie halt abschreiben; sie waren ja nicht so fürchterlich lang.

Zum Schluss, auch weil der kinderlos Gebliebene bis an sein Ende gegen das Vergessen anschrieb, noch ein Satz aus seinem Schaffen: „Aus der Ahnung heraus, dass die Welt eines Tages doch untergehen wird, erfand der Mensch den Himmel.“

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