Nachruf auf Vittorio Utecht (Geb. 1942) : Im Jaguar durch die DDR

Früher die Grenzgänge zwischen Ost und West, dann das Pech des Mauerfalls, schließlich das Glück des Tango. Und immer: die Suche nach der Frau.

Vittorio Utecht (1942-2018)
Vittorio Utecht (1942-2018)Foto: privat

Als er zurückkam nach Berlin, ging es ihm nicht gut. Er war Anfang 60, hatte fast zehn Jahre in Bulgarien verbracht, einem Land, das ihm nicht ans Herz gewachsen war, die Geschäfte hätten besser laufen können, von der Frau, mit der er dort zusammen gewesen war, hatte er sich längst getrennt. Früher, vor Bulgarien, hatte er regelmäßig Tennis gespielt; so fit wie damals war er längst nicht mehr. Damals war er in der besseren Gesellschaft West-Berlins unterwegs gewesen, Grenzen spielten keine Rolle, er fuhr hin und her, in der DDR umschwärmten ihn die Frauen, denn er war nicht nur ein Westler mit großem Auto und viel Geld, er war außerdem ein Mann, dessen Charme so betörend südländisch war wie seine vielen Vornamen: Vittorio Dominico Francesco.

Alles lange her. Jetzt, 2004, war die Grenzenlosigkeit nichts Besonderes mehr, er war nicht mehr der schmucke, reiche Lebemann, er musste sich die Haare tönen, ließ sie an der Seite länger wachsen, um sie über die Glatze legen zu können, er fühlte sich schlapp. Er musste etwas tun.

Wie auch immer er darauf kam, er tat das Beste, was ein alleinstehender Berliner, der in die Jahre kommt, nur tun kann. Er tanzte Tango.

Doch dazu später, zunächst ein paar Worte über sein erstes wundersames Leben in Berlin. Wo und unter welchen Umständen es begann, ist schleierhaft. In seiner Geburtsurkunde stehen ein Geburtsort und ein Nachname, mit denen er nichts anfangen konnte. Utecht? Seine Eltern hießen Pettinato, der Vater stammte aus Sizilien, die Mutter war Deutsche und hatte einen anderen Geburtsnamen. Erst als er 15 war, klärte ihn sein Vater auf, dass diese Mutter nicht seine leibliche Mutter war. Mehr erfuhr er nicht. Je besser ein Geheimnis gewahrt wird, desto spezieller werden die Vermutungen. Vittorio nahm an, dass seine Mutter Jüdin war, und dass seine Geburtsurkunde gefälscht wurde, um ihn zu schützen. Belege dafür gab es keine. Nur einen Mann, der nicht wusste, welcher Frau er sein Leben verdankte. Und der, so kann man sagen, zeit seines Lebens auf der Suche nach der Frau war. Cherchez la femme.

Der Vater brauchte keinen Historiker, sondern einen Kaufmann

Als Kind verbrachte er seine Sommerferien in der Heimat seines Vaters auf Sizilien. Dort lernte er sein perfektes Italienisch, und auch sein Temperament und seine unbeschwerte, Frauen umschwärmende Art waren eher sizilianischen als deutschen Ursprungs.

Gern hätte er studiert, Geschichte am liebsten, aber das ließ sein Vater nicht zu. Er brauchte keinen Historiker, sondern einen Kaufmann. Sein Berliner Geschäft: Im- und Export von Südfrüchten, Import nach West-Berlin und vor allem in die DDR, Apfelexport hin und wieder aus der DDR nach Westdeutschland. Dazu war es gekommen, weil der Vater in der Kriegszeit Leute kennengelernt hatte, die jetzt im Osten mit dem Obsthandel befasst waren.

So wurde auch Vittorio Obsthändler, wenn auch einer, der das Obst selten in die Hände nahm. Anfangs hatte er es noch mit Stiegen, Kisten und Lastkraftwagen zu tun, später mehr mit Auftragspapieren, Ein- und Ausfuhrformularen, Bankkrediten. Am West-Berliner Großmarkt Beusselstraße hatte er sein Büro, mit dem Dauerpassierschein fuhr er beinahe täglich über den Grenzübergang Invalidenstraße nach Ost-Berlin zu seinen Geschäftspartnern, stets im Auftrag der DDR-Außenhandelsfirma „Fruchtimex“. Er war einer derjenigen, die den DDR-Bürgern die begehrten Südfrüchte lieferten. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie genug davon bekommen; alles eine Frage der D-Mark, die leider knapp war. Das Obst kam aus der Türkei, Griechenland, Italien, Spanien.

In der "Femina Tanzbar"

Jedes Jahr besuchte Vittorio die Leipziger Messe. Wenn er abends frei hatte, gab er seine Devisen in der „Femina Tanzbar“ aus, in die DDR-Bürger kaum vordrangen, es sei denn, sie waren junge, gut aussehende Bürgerinnen. Durchs Land fuhr er mit Alfa Romeo und Jaguar, und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass es ihm nicht schwerfiel, viele junge, gut aussehende Bürgerinnen kennenzulernen.

In West-Berlin war er ganz bürgerlich verheiratet, zuerst mit Evelin, die mal Model war und dem Alkohol verfiel, dann mit Jutta, die mit ihrer Mutter die „Tennisplätze am Ku’damm“ betrieb. Von Jutta trennte er sich Mitte der 80er, und es folgte eine Ost-West-Romanze. Auch Barbara war mal Mannequin; inzwischen betrieb sie eine Modelagentur. Da half Vittorio gern aus, wenn es um grenzüberschreitende Aufträge ging.

Dass seine Beziehungen nicht streng seriell verliefen, also ordentlich eine nach der anderen, darf angenommen werden. Ein Freund aus alten Tagen gibt preis: „Vittorio war kein Kind von Traurigkeit“ und behält alle weiteren Details für sich.

Für einen, der Mauern überwindet, können Mauern durchaus hilfreich sein. Insofern war der Handelsreisende Vittorio ein Gewinner der deutschen Teilung. Und wurde zum Verlierer der Vereinigung. Mit dem Fall der Mauer brach nicht nur sein Geschäftsmodell zusammen; auch sein angesparter Wohlstand war alsbald dahin. Im Sommer ’89 hatte er sich zu einem Geschäft hinreißen lassen, das mit Südfrüchten nichts zu tun hatte. Im Auftrag des Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski sollte er im Westen Schecks einlösen und das Geld auf ein Ostkonto einzahlen. Warum die Schecks nicht gedeckt waren, hat er nie erfahren, jedenfalls haftete Vittorio nach der Wiedervereinigung gegenüber der Westbank, die das Ostkonto nebst offener Forderungen geerbt hatte. Schalck-Golodkowski saß in bayerischer Obhut am Tegernsee, Vittorio zahlte, so gut er konnte. Und begann ein neues Leben in Bulgarien nebst neuem Fruchthandel und neuer Frau.

Er kehrte heim ohne Fruchthandel und ohne Frau und fing noch mal von vorne an. Geld verdiente er nun im Auftrag seiner zweiten Exfrau, Jutta mit den Tennisplätzen. Jetzt war er Platzwart, nahm Reservierungen entgegen und servierte den pausierenden Spielern Bouletten und Bier.

Entscheidender aber war seine Neugeburt als Tänzer.

Der gefragte Mann

In Zeiten aufbrechender Rollenbilder, schwacher Männer, starker Frauen, mag die Sache antiquiert und skandalös erscheinen, aber beim Tango ist es vorgesehen, dass der Mann bestimmt, wo’s langgeht, und die Frau folgt willig und ergeben. Dass es in der Berliner Tangoszene (der nach Buenos Aires zweitgrößten der Welt) immer mehr Frauen gibt, die führen, liegt seltener am Emanzipationswillen und häufiger am Männermangel. Umso gefragter sind die wenigen Männer, die in der Milonga, so nennen sich die Tangoabende, ihrer Aufgabe gewachsen sind.

Vittorio wurde einer – dank einer Frau. Bei Mabel Rivero, einer bekannten Tangolehrerin und Choreografin, nahm er Einzelunterricht; er machte keine halben Sachen. Sie kann sich noch gut an ihn erinnern, an seinen Humor und seine altmodisch angenehme Art, gar nicht Macho, eher Gentleman.

Er war wieder unterwegs. Drei, vier Milongas in der Woche. Wenn er sich vorstellte, dann nicht als Utecht, sondern als Pettinato, wenn er sein Alter nannte, rundete er es großzügig ab. Nötig hatte er das nicht, denn zu seinem Charme kam das Talent. Die Frauen legten sich in seinen festen Arm, folgten seinen Vorgaben und genossen seine Komplimente. Auch Sigrid, mit der er die letzten zehn Jahre seines Lebens zusammen war, lernte er beim Tango kennen. Sie schwärmt von seinem Gefühl für die Musik und für die Art, wie er sie hielt. „Vittorio zuckelte nicht irgendwie mit den Armen rum wie so viele andere. Der zog mich ran und führte mit der Brust!“

So eng sie miteinander tanzten, so viel Freiheit gaben sie sich im Alltag. Sigrid trieb viel Sport, er nicht. Vittorio besuchte die Cafés, was sie nicht so interessierte. Abends erzählte er ihr, was für reizende Frauen er dort wieder kennengelernt hatte.

Die Nachrufe der vergangenen Wochen lesen Sie hier

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar