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Denkmal. Die Einschusslöcher in der Villa Parey (Sigismundstraße 4a) wurden bei der Sanierung bewusst erhalten.

© William Veder

Einschusslöcher in Berlin: Narben im Stein

Vom 16. April bis 2. Mai 1945 tobte die Schlacht um Berlin. Viele Einschusslöcher aus den Kämpfen sind noch im Zentrum zu sehen. Sie erzählen von einer Zeit, die uns immer fremder wird. Eine Annäherung an die Gegenwart des Krieges.

Im Ohr der Katze. Ein Loch. Im Stahlträger, ein großes Loch. Im Buch der Bibliothek ein Loch. An den Rändern der Fenster und Türen. Einschusslöcher, Risse, Splitter. Kann man noch sehen, die Einschussrichtungen, großes Geschütz, kleines Geschütz. Im Stahlbeton sind nicht so viele Löcher. Im Sandstein viele. Vor 70 Jahren kamen die Soldaten der Roten Armee und schossen zusammen mit den deutschen Soldaten Löcher, überall Löcher rein. Aber die Löcher in den Häusern verschwinden, so wie die jungen Männer alt werden und die alten Männer sterben.

Die Schlacht um Berlin dauerte zwei Wochen. 16. April bis 2. Mai 1945. In den letzten Tagen wurde um das Stadtzentrum mit dem Regierungsviertel gekämpft. Die Löcher in den Häuserfassaden sind Spuren, sind Zeugnisse dieser Kriegstage. Das war die Idee: Wir schauen uns diese Fassaden an, laufen rein in den damaligen inneren Verteidigungsring, auch Abschnitt Z genannt. Lassen sich Kämpfe rekonstruieren, gelangt man von den Löchern des Jahres 2015 zu den Soldaten der Roten Armee, zu den Soldaten der Wehrmacht?

Mein Führer heißt Nick Jackson, ist Engländer, hat in Cambridge Archäologie studiert und arbeitet heute als Stadtführer in Berlin. Er hat sich auf Touren zum Zweiten Weltkrieg spezialisiert. Jeden Tag läuft er auf den Spuren der Vergangenheit, des Krieges, fünf Stunden durch das Berliner Zentrum. Seine Gäste, viele Engländer, mögen schaurige Nazigeschichten. Immer noch. Ehrlich gesagt, er sei sie ein bisschen leid, sagt Nick, die Kunden aus England, die ihre Identität suchen und sie im Nazikrieg finden.

Nick nennt die Einschusslöcher Narben. Was macht man mit den Löchern in den Häuserfassaden, soll man ihr Verschwinden aufhalten? Aber wenn man die Löcher lässt, dringen vielleicht auch Feuchtigkeit und Frost ein, für das Mauerwerk wäre das irgendwann verheerend. Viele Häuser werden saniert. Geschichte wird gedämmt. Nick sagt: Man spachtelt die Geschichte zu. Geschichte verschwindet hinter neuen Fassaden.

Mein Spaziergang mit Nick ist eine Suche, und ich merke, dass ich mich verlaufe. Ich werde unruhig, denke, dass es das, wonach ich suchen wollte, schon tausendfach gibt, dass jeder Fitzel dieser Geschichte kartiert ist, und dass das trotzdem manchmal nicht hilft, eine Haltung zu ihr zu entwickeln.

Mir fällt das Lied von Rainald Grebe ein:

Guido Knopp

Die Geschichte hab ich griffbereit
Wie eine Tafel Schokolade
Ich zieh sie aus der Tasche
Wenn ich Hunger auf sie habe
Jam, jam, jam, das schmeckt so gut
...
Hitlers Helfer, Hitlers Frauen
Hitlers letzte Sekretärin
Hitlers Hund
...
Ich sitz vor der Geschichte
Es ist irgendwie nicht meine
Bitte, Guido, bitte, bitte
Ich hätte so gerne eine
...
Geschichte ist so geil
Ich wär so gern dabei gewesen

Im Jahr 2015: Nicht viele Menschen am Landwehrkanal. Hier laufen wir los. Am Mittag: Ein Mann sitzt am Ufer des Kanals und füttert Schwäne mit Brot. Er hat einen Lieblingsschwan. Er nennt ihn Ciccio. „Ciccio, komm her, komm her, komm an Land.“ Harmlose Gegenwart. Schon vorbei. Wird so nicht wieder vorkommen.

Wie viele der Soldaten von damals leben heute überhaupt noch? Vor zehn Jahren konnte man sagen, ist ja noch nicht so lange her, der Endkampf, der Krieg, die Nazis. Das Leid. Die Geschichte ist in diesen zehn Jahren unfassbar viel weiter weggerückt als in den Jahrzehntschritten davor. Ein Soldat, der bei Kriegsende 20 war, war 2005 robuste 80. Jetzt ist er fragile 90. Oder tot. Wie mein Großvater, damals Arzt im Lazarett. Meine Mutter war drei, als er sie zum letzten Mal auf dem Arm hatte. Davon gibt es noch ein Foto.

Ich weiß noch nicht einmal, wie sich so ein Geballer anhört. Ratatatatatata, pui, pui, pui, peng, peng, pengpengpengpengpeng? So wie im Film? Arrrgh, sie haben mich erwischt? Hört sich die Schießerei im Krieg, hören sich die Geschütze, großes Geschütz, kleines Geschütz, Haubitze, hören sich die Gewehre heute anders an?

Kopflos. Die Statuen vor dem Martin-Gropius-Bau zeugen noch von den heftigen Kämpfen rund um das Gebäude.
Kopflos. Die Statuen vor dem Martin-Gropius-Bau zeugen noch von den heftigen Kämpfen rund um das Gebäude.

© William Veder

Am Checkpoint Charlie. Autos, Ampeln, Wind, kalt. Wir gehen weiter. 1945. Hitlers Weisung: letzter Kampf, letzte Kugel. Wir gucken an die Hauswand. Um viele Fenster herum Einschusslöcher in unterschiedlichen Formen. Ja, man sieht, in welchem Winkel Projektile und Granatsplitter auf die Mauer prallten. Vor dem Martin-Gropius-Bau stehen Statuen, auch sie haben Einschusslöcher, die vom Kampf um Berlin zeugen. Der Martin-Gropius-Bau war zerstört und wurde wieder aufgebaut. Die beschädigten Figuren mit den Einschusslöchern haben sie gelassen.

Topographie des Terrors. Ecke Wilhelmstraße. Siehst du den Wall da hinten, sieht aus wie Bauschutt? Da hinten, ja, da ist ein Wall. Das sind Reste von Häusern, die hier früher standen. Vom Gestapo-Gefängnis sieht man noch die Reste. Und DDR-Mauerreste. Die Mischung aus Zweitem Weltkrieg und DDR-Geschichte verwirrt so manche Touristen.

Hinten, in der Wilhelmstraße, war der Führerbunker. Im Garten, irgendwo da, wurde Hitlers Leiche verbrannt. 1945 hat die Führungsriege um Hitler hier den Sturm des Reichstags und der Reichskanzlei erwartet. Heute, auf unserem Weg dahin, treffen sich die Mitarbeiter einer großen Versicherung in der Kantine zum Mittagessen. Fast alle Häuser der Straße sind neu. Vom Bürgersteig aus schaue ich durch das Fenster in die Kantine. Die Leute halten Tabletts in den Händen. Essen darauf, Schälchen Nachtisch, Mandarinenstückchen stecken im Quark.

Am Abend sehe ich bei Facebook ein Foto von einer Einschussloch-Fassade bei Sascha Lobo. Er schrieb dazu:

Kind: Papa, was sind das für Löcher?
Vater: Die Fassade ist einfach kaputt.
Alte Frau aus dem Hintergrund: Das sind Schüsse. Hier war Krieg!
Vater: Jetzt erschrecken Sie doch das Kind nicht mit sowas!
Alte Frau: Grade! Grade das Kind.

Ich gehöre zur zweiten Nachkriegsgeneration, und inzwischen sind es drei Generationen später. Die Leute auf Sascha Lobos Facebookseite diskutieren darüber, wie man kleinen Kindern den Krieg erklärt, das sei so wichtig, und ob man das überhaupt machen solle, weil das Kind das sonst nicht verkraften würde, oder ob der Vater ein Weichei sei, wenn er sich davor drückt. Vielleicht, denke ich, hatte der Vater einfach kurz ganz andere Gedanken – Sorgen vielleicht, mal kurz kein Ohr für das immer fragende Kind. Ist doch auch okay. Vielleicht erklärt er dem Kind ja später einmal ganz toll den Krieg. Aber die Kommentatoren bei Facebook wissen alles ganz genau.

1945 sagt Hitler: Wenn die Deutschen den Sieg nicht schaffen, haben sie ihn auch nicht verdient. Was hat Hitler von seinen Ärzten bekommen? Nick meint: viele Drogen! Es wird von manchen Historikern gemutmaßt: Amphetamine, Kokain, Taurin, Testosteron. Hitler hat seinen Arzt sehr geschätzt. Einer von Hitlers Ärzten hat die Droge Speed für die Soldaten der Wehrmacht entwickelt. Hat Hitler sich gedopt? Dann hat er selbst nicht an sich und nicht an sein Volk geglaubt? Seine Herrenrasse hatte Doping nötig.

Stecken eigentlich noch irgendwo Gewehrkugeln im Mauerwerk? Ich habe bisher auf der Tour mit Nick keine gesehen.

Der Bunker am Anhalter Bahnhof. An der Außenwand und am Dachrand sind Beschussschäden zu erkennen. Der Bunker wurde von der Roten Armee nicht stark beschädigt, der Aufwand wäre zu groß gewesen.
Der Bunker am Anhalter Bahnhof. An der Außenwand und am Dachrand sind Beschussschäden zu erkennen. Der Bunker wurde von der Roten Armee nicht stark beschädigt, der Aufwand wäre zu groß gewesen.

© William Veder

Anhalter Bahnhof. Hier hielt Hitlers Sonderzug, Deckname Amerika, sagt Nick. Es war ein schöner Bahnhof, gebaut aus vielen kleinen Ziegelsteinen. Dahinter ein grauer Bunker. Reichsbahnbunker – heute ein Gruselkabinett. Geister treiben hier ihr Unwesen. Mit Vampir, Henker, Außerirdischen und einem betrunkenem Skelett. Ein Geschoss schlug hier oben rechts im Bunker ein. Nick vermutet, da haben Soldaten im Chaos gedacht: Oh, was ist das? Schießen wir mal rein, passiert nichts, dicke Betonwände, müssen weiter, die Menschen werden da schon noch rauskommen. Die Soldaten der Roten Armee wussten, sie werden die Schlacht gewinnen, stellten erst einmal Wachen vor den Bunker. Die Schlacht um Berlin war ein aussichtsloser Kampf der deutschen Verteidiger.

Nick erzählt eine Geschichte: Nach einem Bombenangriff kam ein Mädchen aus dem Bunker. Anhalter Bahnhof. Und es war Frühling, und drumherum war auf einmal alles weg. Alles zerstört. Stille. Und jetzt ist das hier ein ruhiges Viertel.

Potsdamer Platz. Weinhaus Huth. Einziges altes Gebäude. Ein Laden mit Tradition. War drumherum auch alles zerstört, Ruinen. Wir laufen am Weinhaus vorbei. Nick hat Baedeker-Reiseführer von 1898, da steht drin, dass es im Traditionsladen Huth frittierte Muscheln mit Ketchup gab. Irgendwie ekelhaft, oder? Nick: Das interessiert mich, das Essen von damals. Ich wollte sehen, ob es schon Currywurst gab. Dass Curry vor 1945 im Angebot war, das sei ja klar.

Häuserschluchten des Potsdamer Platzes. Wir laufen an der Philharmonie vorbei. Damals war die Philharmonie noch in Kreuzberg. Nick erzählt mir die Geschichte vom letzten Konzert, Beethovensaal, Köthener Straße, 16. April 1945. Die findet er sehr bewegend. Ich glaube sie nicht wirklich, denke, die Engländer mögen skurrile Geschichten. Stereotype, klar. Also: letztes Konzert der Philharmoniker, drumherum die Zerstörung, drinnen sitzen sie und hören der Musik zu. Wagner oder was? Nick, wer ging denn in dieser Zeit noch in die Philharmonie? Nick: Nach dem Konzert standen Hitlerjungen draußen vor der Tür und verteilten Zyankali-Kapseln. Ist doch bestimmt Quatsch, Nick, oder? Nee, nein, das ist alles wahr.

Wir laufen weiter, bleiben stehen, vor einem weißen Haus, es gehört zu Kunstbibliothek und Gemäldegalerie. Spektakulär: Die Fassade ist voller Einschusslöcher. Ein schönes Haus, die 1896 erbaute „Villa Parey“ in der Sigismundstraße 4a. Um die Fenster und Türen sind besonders viele Einschusslöcher. Es gibt nicht mehr viele Häuser, die so aussehen. Die Löcher in der Fassade der Stadtvilla wurden bei der Sanierung bewusst so sichtbar gelassen, als Symbol für die Brutalität des Krieges. Keine tiefen Löcher, sondern viele, nicht so groß, kleines Maschinengewehr.

Denkmal. Die Villa Parey in der Sigismundstraße hinter dem Kulturforum hat auch nach ihrer Sanierung alle Einschusslöcher behalten - als "Wunden der Erinnerung".
Denkmal. Die Villa Parey in der Sigismundstraße hinter dem Kulturforum hat auch nach ihrer Sanierung alle Einschusslöcher behalten - als "Wunden der Erinnerung".

© William Veder

Deutschland 2015. Europa 2015. Wenn wir uns jetzt in die Vergangenheit beamen könnten und auf dem Weg zum Reichstag wären, dann wäre da hinten der Endkampf, und wir wären, wie jetzt auch, im Tiergarten. Nur ein paar hundert Meter entfernt würden sowjetische Soldaten den Reichstag stürmen. So wie am 30. April 1945. Über die stark beschädigte Moltkebrücke waren die Rotarmisten zuvor über die Spree gelangt.

Die Soldaten, die Stille, wir laufen weiter durch den Park. Nick: Keine Marmorleichen mehr da. 1945, sagt Nick: Überall diese weißen Marmorleichen, angeschossene Statuen im Tiergarten an der Siegesallee. Arme, Beine abgeschossen, Köpfe lagen links und rechts am Weg.

Nick war letztens in Paris. Er hat unbewusst nach Kriegsnarben an den Häusern gesucht, aber sie waren nicht zu finden. Die Kämpfe waren hier in Berlin. Augenzeugen: junge Flakhelfer, Hitlerjungen, von denen gibt es noch ein paar. Sie waren in der Verteidigung. Die jungen Frauen von damals, sie harrten aus, hörten die Schüsse. Nun stehe ich hier. Es ist so viel Himmel über Berlin. Nick sagt: Touristen finden es faszinierend, dass die Löcher immer noch da sind, die Spuren des Krieges.

"Vielleicht vom Panzer, das waren keine leichten Gewehre"

Reinhardstraße. Die Ziegelwand wurde von Sprayern übermalt, die Löcher blieben.
Reinhardstraße. Die Ziegelwand wurde von Sprayern übermalt, die Löcher blieben.

© William Veder

Am Wochenende danach im Treptower Park. Da kullern Kinder einen Hügel runter. Sie rollen über 200 Tote. Wusste ich nicht, dass da 200 Tote liegen, weil es ein Grabhügel ist. Die Kinder spielen fröhlich darauf herum, machen Purzelbäume, fahren Schlitten im Winter, Jogger rennen. Nick hat gesagt, ja, das ist halt so. Wir leben in den Ruinen der Geschichte.

Die Statue auf dem Hügel ist 30 Meter hoch. Der Sowjetsoldat, in einer Hand ein riesiges Schwert, auf dem Arm das deutsche Kind. Vernichtung und Neuanfang. 7000 Soldaten wurden auf der gesamten Anlage bestattet. Meine Freunde, mit denen ich unterwegs bin, beeindruckt das Bild nicht so: dass da die Kinder über 200 Tote den Grabhügel hinunter Purzelbäume schlagen. Es ist schon so lange her. Sie finden die Bilder in den Nachrichten schrecklich. Kriege, Überfälle, Schießereien. Deutsche Soldaten sind im Ausland unterwegs. Leute köpfen Leute, schießen, fahren mit Panzern, bombardieren.

Zurück auf der Tour mit Nick. Wir haben den Reichstag erreicht. Staatskarossen flitzen an uns vorbei, Blaulicht, könnte der griechische Finanzminister sein. Endkampf des Endkampfes. Allen war bereits im Frühling 1945 klar, dass der Krieg verloren ist. Hitler sorgt sich in diesen Tagen um seine persönliche Sicherheit und fragt Mitarbeiter, ob die Bunkerdecke halten wird. Die Sowjets befinden sich noch 500 Meter von den Eingängen zur Reichskanzlei entfernt. Sie kämpfen im Reichstag. 30. April 1945. Führers Todestag. Verbürgt ist, dass sich Adolf und Eva Hitler (kurz davor Hochzeit) am Montag, dem 30. April 1945, zwischen 15 Uhr und 15.30 Uhr im Führerbunker das Leben nehmen. Hitler will nicht in den Wäldern um Berlin herumirrend aufgegriffen werden. Vor seinem Selbstmord tötete er schon mal seinen Hund.

Das Bundeskanzleramt sieht schon ein wenig alt aus. An der Mauer ist ein Stück herausgebrochen – ist doch das Kanzleramt, kann sich doch mal jemand drum kümmern. Das Gebäude ist noch nicht alt. Am 2. Mai 2001 zog Bundeskanzler Gerhard Schröder in den Neubau ein. Am 2. Mai 1945 endete die Schlacht um Berlin. Fast fünf Stunden sind wir nun unterwegs.

Nick meint, Berlin, das war eine Großstadt. 1929 lebten hier 4,9 Millionen Menschen. Berlin ist heute eine der wenigen Hauptstädte auf der Welt, in denen weniger Menschen leben als vor 1945. Ja, die Touristen finden es interessant, dass Berlin so leer ist, die Plätze so groß. Nick findet, hier gibt es zu viele freie Flächen, könnte noch enger sein, mehr Leben, mehr Menschen, die sich auf den Plätzen treffen.

Jetzt sind wir in der Reinhardtstraße unter der S-Bahnbrücke. Im S-Bahnbogen eine alte Eisentür, um sie herum ist alles gesprenkelt mit Einschusslöchern. Man kann es genau erkennen: Aus einer Richtung ist geschossen worden. Nick: Vielleicht vom Panzer, das waren keine leichten Gewehre. Auf dem Bürgersteig, da wo früher gekämpft wurde, laufen schnellen Schrittes die Leute. Auf der Straße sind Taxifahrer, Kuriere, Menschen auf dem Weg zur Arbeit.

Invalidenfriedhof. Auch an diesem Grabstein sind Beschussspuren sichtbar.
Invalidenfriedhof. Auch an diesem Grabstein sind Beschussspuren sichtbar.

© William Veder

Wir sind nun auf dem Invalidenfriedhof. Nick sagt, auf vielen Berliner Friedhöfen kann man noch Einschusslöcher finden. Dabei ist das ein heiliger Ort, da sollte man flüstern, und dann wird da geschossen. Ein Schild: „Wir bitten Sie, die Würde der Toten zu respektieren.“

Charlotte von Stosch hat Einschusslöcher auf ihrem Stein. Bemerkenswert, dass auf Gräbern von Leuten, die schon seit 40 Jahren tot sind, noch Blumen gelegt werden. „Der Flug ist das Leben wert“, steht auf einem anderen Stein. Eine Kerze brennt. Daneben lila Heidekraut. Auf dem Invalidenfriedhof liegen Widerstandskämpfer zusammen mit SS-Führern. Es wurde mal diskutiert, ob hier auch Nazis liegen dürften. In der DDR-Zeit verlief die Mauer durch den Friedhof. Ein Stück davon kann man noch sehen.

Als wir den Friedhof verlassen, sehen wir den sehr großen Schornstein des Bundeswehrkrankenhauses. Bei dem Nazithema haben Schornsteine ihre eigene Bedeutung. Nick fragt: Kennst du das Gedicht von Nelly Sachs? Er kennt es, sagt Teile davon auf:

O die Schornsteine
Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes,
Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch
Durch die Luft
...
O ihr Schornsteine,
O ihr Finger
Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!

Was ist denn das für ein Riesenschornstein, Nick? Hm, meint er, da verbrennen sie die Toten, hat das nicht jedes Krankenhaus? Nein, Nick, sage ich, kann ich mir nicht vorstellen, dass mitten in Berlin-Mitte Tote verbrannt werden. In London sei das so, sagt Nick. Er habe in einem Viertel gewohnt, da rieselte schwarze Asche vom Himmel. Auch Verbandsmaterial wird da verbrannt. Aber wahrscheinlich hast du recht, sagt Nick dann, das wird kein Riesenschornstein für die Toten sein, hier in Berlin.

Okay. Ich habe mich verirrt, fühle ein Unbehagen. Ich bin auf der Suche nach einer Haltung. Mich interessieren die Löcher. Ich finde sie faszinierend, als Verbindung zur Geschichte. Ja, sie verschwinden. Vor ein paar Jahren sah man noch viel mehr von ihnen. Aber wie ich so davor stehe, sind es irgendwie auch nur Löcher. Und ich merke, ich schreibe schon länger nicht mehr über diese Löcher. Nicht wirklich. Es sind ja noch nicht einmal Löcher. „Einschusslöcher“, das wird so gesagt, aber es sind ja eher Dellen. Sind Löcher nicht eher durchgängig, tiefer? Ab wann ist ein Loch ein Loch? Und diese Projektile, die in den Stein einschlugen, waren nicht für die Steine bestimmt, sondern für Menschen. Sie sollten töten. Vielleicht haben sie auch einen Menschen durchschlagen, bevor sie die Fassade trafen. Wie kommt es, dass ich über „Narben“ in Häuserwänden schreibe, so als seien die Löcher verschwindende Zeugen und nicht die Schützen, nicht ihre Opfer? Nick, mein Stadtführer, rennt wieder los. Ich hinterher.

Auch das Naturkundemuseum blieb von den Kämpfen nicht verschont. Viele Sammlungsteile wurden während des Krieges ausgelagert.
Auch das Naturkundemuseum blieb von den Kämpfen nicht verschont. Viele Sammlungsteile wurden während des Krieges ausgelagert.

© William Veder

Oh, noch ganz viele Löcher im Naturkundemuseum, Wahnsinn. Ratter-ratter-ratter. Nick: Kennst du den Archaeopteryx dort drinnen? Der sieht gut aus, der Archaeopteryx. Nick, war der da drin, als sie auf den Eingang gefeuert haben, wurde aus dem Eingang heraus gefeuert, wurde der Archaeopteryx in Sicherheit gebracht? Nick sagt, die haben mal in so einem Lager gewickelte Bananenblätter gefunden. Die wussten gar nicht mehr, was da drin war. Das waren dann ein Pfeil und ein Bogen, wussten die nicht mehr. Ach ja, armes Berlin. Nick erzählt, dass viele Exponate während des Krieges versteckt wurden. Er sagt, der Leiter des Zoos habe damals auch viele Tiere mit nach Hause genommen, als der Zoo bombardiert wurde. Den Marabu? Dieser Storch, meint Nick, das sind super lustige Vögel, den hielt der Direktor im Bad.

Nick mag diese Geschichten: Krokodile im Landwehrkanal, brennende Pferde am Hardenbergplatz. Artikel, 6. Januar 1946, „The Miami News“. Da steht, dass der 25-jährige Elefant Siam immer noch in seinem Gehege herumläuft. Aber seine acht Freunde sind im Krieg bei den Fliegerangriffen umgekommen. Und die Affen bekommen nicht mehr genug Bananen und die Seelöwen nicht genug Hering, die Zebras sind abgemagert. Von den vielen Tierhäusern sind nur wenige erhalten geblieben. Der Zoo war eine große Ruine. Von den 3715 Tieren, das lese ich bei Wikipedia, sollen nur 91 überlebt haben, unter ihnen zwei Löwen, zwei Hyänen, der asiatische Elefantenbulle Siam, der Flusspferdbulle Knautschke, zehn Mantelpaviane, die Schimpansin Suse, ein Schwarzschnabelstorch und ein Schuhschnabel.

Dorotheenstädtischer Friedhof. Nick: Der Friedhof als Ort der Stille, dann wird da geschossen. Eine Gruft, Einschusslöcher, um den Eingang herum und auf der Giebelseite. „FRIEDEN RUHE“, steht hier schon damals geschrieben.

"Die Projektile waren nicht für den Stein bestimmt. Sie sollten töten."

Auch Mausoleen dienten den Kämpfenden als Deckung, hier auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Entsprechend stark vernarbt sind deren Wände.
Auch Mausoleen dienten den Kämpfenden als Deckung, hier auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Entsprechend stark vernarbt sind deren Wände.

© William Veder

Am Abend, 2015. Konzert, die Band The Dø fängt an zu spielen. Das Wochenende geht zu Ende, davor die Nacht, Leute trinken, tanzen, singen, kotzen, knutschen. Wie waren die Nächte in den letzten Kriegstagen? 25. April 1945. Der Morgen graute in Berlin. Es war kühl. Die Leute in den Kellern, Angst und Tränen. Beengt. Miserable Luft. Deutsche Soldaten auf den Straßen, später kamen die Sowjetsoldaten. Man kann an den Fassaden sehen, wo sie ungefähr gestanden haben. Von wo aus sie geschossen haben.

Nick sagt, die ersten Sowjetsoldaten, die in die Keller kamen, waren noch freundlich, sie hatten ein Ziel vor Augen: die Eroberung. Die Nachhut hatte es auf Alkohol und Uhren abgesehen. Die Soldaten mochten auch Glühbirnen und Wasserhähne. Nick meint: Stell dir vor, du stehst in deiner Wohnung, dann kommt einfach so ein Soldat der Roten Armee rein und trinkt dir dein Aftershave oder Parfum weg. Die hatten nicht so viel Alkohol, dann haben die das getrunken. Und die Frauen, die sollten mitkommen. Alkohol und Vergewaltigung. Krieg und Vergewaltigung. Nick: Es gibt viele Berliner Witze, viele finde ich zu derb. Fäkalwitze über die Sowjetsoldaten. Die Deutschen machen gerne Fäkalwitze, fluchen auch so. Aber vielleicht hat sich das auch schon geändert, steht für eine Veränderung von Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht fluchen die jüngeren Leute, wie zum Beispiel in England, auch eher genital als fäkal. Fuck.

Was habe ich damit zu tun, mit den Löchern, mit dem Verschwinden? Ich bin groß geworden in den 80er, 90er Jahren in Westdeutschland, wo die Ruinen ruckzuck keine Ruinen mehr waren. In meiner Jugend gab es Bungalows, Schwimmbäder, Pergolas, neue Kinos, erste McDonald’s, erste Ikeas mit den Bällen, in die man hineinspringen konnte, Nintendo-Spiele. Opas beide tot. Erschossen, wahrscheinlich. Gefallen, sagte man, als wären sie gestolpert.

Geschichten aus dem Krieg. Oma erzählt, wie sie, damals Anfang 20, über diesen toten Soldaten steigen musste, mit meiner Mutter auf dem Arm. Im Keller, die beiden, mit einem feuchten Tuch über dem Kopf. Staub, Wände vibrierten. Tote Menschen vor den Häusern, tote Kühe auf den Straßen. Warum sind die nicht weggerannt? Wohin konnten sie denn rennen. Meine Großmutter lebte in einer Zeit, die man heute Geschichte nennt.

Carla, meine siebenjährige Tochter, fragt mich, warum die Menschen am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park Blumen hinlegen?

Weil sie dadurch an die Toten, an die schlechten Zeiten erinnern wollen.

Aber warum wollen sie sich denn an schlechte Zeiten erinnern?

Meine Tochter bekommt die Kriegsgeschichten nicht mehr von ihren Großeltern erzählt. Wie gibt man dieses Wissen weiter, wie soll man erzählen? Wo stehe ich als Vertreter einer Generation? Für meine Generation war der Zweite Weltkrieg das Geschichtsthema, das alle anderen Themen verdeckt hat. Es gibt hierzu alles an Büchern, gute Zeitzeugenberichte, historische Untersuchungen. Ich bin übersättigt von diesen Geschichten. Aber man hat den eigenen Kindern gegenüber eine Verantwortung. Die Löcher sind nicht nur Löcher. Sie führen zu den Schicksalen, die auch zur eigenen Familie führen. Wie wirken sich die Kriegserfahrungen meiner Eltern auf mich aus? Die Großeltern verschwinden. Aber meine Eltern aus der Nachkriegsgeneration gibt es noch. Als Kind habe ich nicht richtig zugehört.

Die Frage der Tochter war: Warum will man sich erinnern?

Auch das Gemeindehaus der Sophiengemeinde in der Großen Hamburger Straße trägt noch viele Spuren der Kämpfe.
Auch das Gemeindehaus der Sophiengemeinde in der Großen Hamburger Straße trägt noch viele Spuren der Kämpfe.

© William Veder

Ich suche nach einem persönlichen Zugang zur Geschichte, den sie mir in der Schule nicht haben eintrichtern können. Als ich nach Berlin kam, sah die ganze Oranienburger Straße so aus wie heute nur noch das Haus gegenüber dem Tacheles-Gebäude. Wie eine Ruine. Nick: Hinter dem alten Postfuhramt sind tolle Einschusslöcher. Aber als wir hinkommen, sind sie gar nicht mehr da. Ein Security-Mann schmeißt uns von der Baustelle.

In der Gipsstraße gibt es gute Restaurants, Burger und japanische Ramen-Läden. Die Kirchengemeinde am Weinberg. Das Gemeindehaus ist übersät mit Narben, Einschusslöchern. Sieht brutal aus. In der Luisenstraße sieht man nicht mehr viele Einschusslöcher, aber viele Restaurants, Slow Food und so. Ja, das war’s, sagt Nick. Das war die Tour rund um den inneren Verteidigungsring von Berlin, den sogenannten Abschnitt Z.

Löcher, die verschwinden. Man hat Dokumentationszentren wie die „Topographie des Terrors“. Aber überall gibt es sie auch noch, die vielen kleinen Löcher. Minidenkmale. Löcher als Zeitzeugen. Jedes Loch führt zum Schützen. Jedes Loch hat eine Geschichte. Doch, ich finde die Löcher in Berlin wichtig, zur Erinnerung. Bitte nicht verschwinden lassen.

Im Fernsehen. Überall wird geschossen. Krieg. Menschen auf dem Weg nach Europa in Booten. Am Abend schaue ich eine Dokumentation im Fernsehen. Eine Frau, die früher in Lissabon lebte, ist jetzt Muschelfischerin. Sie erzählt von ihrer Arbeit in der Natur. Sieht schön aus da, sie ist so glücklich. „Beneidenswert“, sage ich. Meine Tochter, Nora, dreht sich zu mir um. Sie ist drei, neue Generation, sie sagt: „Wieso, wir sind doch glücklich.“ Danach Nachrichten.

Dieser Beitrag erschien am 2. Mai 2015 gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

Ulf Schubert

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