Berlin : Neuer Durchblick

Das Stahlskelett des Palasts der Republik zerfällt. Ein Besuch auf der Baustelle

Lothar Heinke

Die Funken von den Schneidbrennern fliegen durch die Luft, vorbei am Turm der Marienkirche, an der haushohen Fensterwand vom Park Inn-Hotel und am grauen Schaft des Fernsehturms. Diese drei Dominanten sind plötzlich sichtbar, alle auf einmal, sie stehen da, als sei nichts gewesen, sie ragen aus dem Trümmerhaufen, der einmal der Palast der Republik war. Ein vorher nie gesehenes Panorama bietet sich dem Auge beim Blick vom Schlossplatz nach Osten: Die Eingangsfront vom Palast der Republik, die Freitreppe und das Foyer sind abgeräumt, bis zum Monatsende soll der Kran die letzten Stahlträger in ihre Umlaufbahn zum Feuerofen gebracht haben. Was bleibt, ist eine Schneise für diesen plötzlich so ganz freien Alex-Blick. Rechts und links flankieren zwei Breitwandstahlgerippe diesen new view. Dem Palast der Republik haben sie das Mittelstück herausoperiert, aus dem einen Gebäude sind zwei geworden, in der Mitte das Nichts, rechts der große Saal, links die ausgeweidete Volkskammer.

„Und da gehen wir jetzt mal rein“, sagt Michael Möller. Der Projektleiter für den Abbau ist ein sportlicher Mensch, in drei Wochen wird er 50 und nimmt lässig die Stufen bis zum (nicht mehr vorhandenen) Dach, wir keuchen hinterher. Der Wind weht zugig durchs Gerippe, oben rein, unten und an den Seiten raus. Der Bauleiter hat bisher immer nur aufgebaut, das Technikmuseum, die Bahntrasse nach Hamburg, das Außenministerium im einstigen ZK der SED, wo vordem die Reichsbank war. Der Palast ist sein erster Abbau, im Januar 2006 hatte man angefangen, im März 2007 wollten sie fertig sein, diese Optimisten. Aber natürlich kam es, wie so oft in dieser Stadt, ganz anders: Bisher sind erst etwa 30 Prozent der Arbeiten geschafft. Nun soll das Gelände Ende 2008 planiert sein, damit dann irgendwann etwas Neues aufgebaut werden kann, was an drei Seiten vielleicht dem einstigen Stadtschloss, diesem dunklen Kasten, ähnlich sieht, oder auch nicht.

Auf dem frei liegenden Dach vom einstigen Volkskammersaal begegnet uns der Grund der Verzögerung: Neuer Asbest wurde gefunden, wo es keiner vermutet hatte und wo er nicht hingehört, an Trägern, zwischen Fugen von Decken und Wänden, auch im Mörtel. Das alles muss aufwendig beseitigt werden. Dazu wurde die Mannschaft von 30 auf 50 Leute aufgestockt, einige stecken in einer eigens für die Asbestbeseitigung aufgebauten Unterdruckkammer, dem „geschlossenen Schwarzbereich“, wo bei gerade mal plus zehn Grad die feinen Fasern abgesaugt und später in blauen Tonnen entsorgt werden. Michael Möller wundert sich über die planlose Verteilung eines Baustoffs, der in der DDR seit 1968 eigentlich verboten war, aber dennoch beim rekordverdächtigen Palastaufbau importiert wurde: „So ein Haus in 1000 Tagen hinzustellen ist schon eine große Leistung“, sagt er, und da kam es dann am Ende wohl auf diesen oder jenen Fauxpas nicht an, Hauptsache pünktlich fertig, vermutet der Bau-Mann von heute, 31 Jahre nach der Eröffnung im April 1976.

Der Unsinn des viel diskutierten und vor allem von Architekten abgelehnten „Rückbaus“ eines Hauses, das, vom Asbest befreit, von großem Nutzen als Palast der Bundesrepublik gewesen wäre, wird vor allem beim Blick auf den großen Saal überdeutlich. „Wir tragen das alles von oben ab, der Höhepunkt wird die Demontage des 90 Meter langen Fachwerkträgers von 320 Tonnen im August 2008“, sagt der Projektleiter, es könnte übrigens dazu kommen, dass auch der Abriss tausend Tage dauert.

Durch die Verzögerung erhöhen sich die Kosten um mehr als das Doppelte, zu den ursprünglich geplanten zwölf Millionen kommen weitere 15, die zahlt der Bund, während Berlin den Erlös aus dem Stahl für sich verbuchen kann: Bei immerhin 20 000 Tonnen sind das vier Millionen Euro, wenn man die Tonne mit 200 Euro verkauft. Letzte Station ist der Hochofen, aus dem alten, guten Stahl wird neuer geschmolzen, und, wer weiß, vielleicht wird mit ihm ein Gebäude fürs geplante Humboldt-Forum errichtet, und dann werden fast alle sagen: Das hätten sie sich sparen können.

Nur zu erahnen ist – es wird kalt, wir steigen wieder die Hintertreppen hinunter – der Volkskammersaal mit den Dolmetscher- und Übertragungskabinen, es wird immer mal wieder laut darüber nachgedacht, Teile des Saales, in dem auch der Beitritt der DDR zur BRD beschlossen wurde, ins neue Gebäude zu integrieren. Projektleiter Möller meint, technisch sei alles möglich, es sei nur eine Frage der Kosten, aber angesichts der rohen Stahlträger zwischen dem Sichtbeton fragt man sich, wo der berühmt-berüchtigte Saal eigentlich geblieben ist? In Spandau in einem Depot stehen die Sessel und die Regierungsbank, die Idee, sie später in irgendeinen Nostalgieraum zu stellen, ist so absurd wie lächerlich.

Am Ende ist man froh, aus dem Abriss-Gruselhaus heil herausgekommen zu sein. Danke für den grünen Helm, es war sehr aufschlussreich. Gegenüber, am Dom, steht ein Leierkastenmann, guckt auf das Skelett und orgelt, ja wirklich!, „Schlösser, die im Monde liegen“. „Passt doch!?“ sagt er, nickt über die Straße und dankt für die Münze, die ich ihm in die Mütze lege.

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