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Prozess nach Kippa-Angriff in Berlin : "Ich fühlte mich im Recht"

Der Mann aus Syrien, der in Prenzlauer Berg einen Kippa-tragenden Israeli mit dem Gürtel verprügelt haben soll, steht vor Gericht. So lief der erste Prozesstag.

Der Angeklagte sitzt in einem Gerichtssaal des Amtsgerichts Tiergarten.
Der Angeklagte sitzt in einem Gerichtssaal des Amtsgerichts Tiergarten.Foto: dpa/Paul Zinken

Knaan Al S. hat die Augen weit aufgerissen, als fast 50 Journalisten in den Saal 700 im Moabiter Kriminalgericht drängen. Staunend wirkt er, kindlich. „Ich komme aus Syrien, bin 19 Jahre alt, seit drei Jahren in Deutschland“, stellt er sich am Dienstag vor dem Jugendschöffengericht vor. Al S. ist der Flüchtling, der vor zwei Monaten in Prenzlauer Berg zwei Kippa tragende Männer antisemitisch beschimpft und einen von ihnen mit einem Gürtel geschlagen haben soll. Der attackierte 21-jährige Israeli hatte die Szene gefilmt. Der Fall sorgte bundesweit für Empörung.

„Ich habe mich im Recht gefühlt, ich habe ihn geschlagen, ich entschuldige mich dafür“, gibt Al S. in den ersten Sätzen seiner umfassenden Aussage zu. Doch der Fall habe nichts mit einer Kippa und nichts mit Politik zu tun. „Ich hasse weder Juden noch Christen.“

Er habe sich noch nie in seinem Leben politisch geäußert und sei auch nicht streng religiös. Fußball und Schule würden ihn interessieren. Tatsächlich habe er kurz vor der Attacke seinen Cousin, mit dem er unterwegs war, beleidigt – „aus Spaß“. Die Verteidigerin sagt später: „Es haben sich Leute angesprochen gefühlt, die nicht angesprochen waren.“

„Wenn ich Juden hassen würde, dann wäre ich nicht vor drei Jahren nach Deutschland gekommen“, sagt der Angeklagte, der aus Syrien stammt, sich selbst aber als staatenloser Palästinenser bezeichnet. Er sei am 17. April auf den ihm fremden Mann losgegangen, weil dieser zuvor ihn und seine Mutter beleidigt habe. Er habe den Gürtel aus seiner Hose gezogen und zugeschlagen. Erst nach zwei Treffern und „mehreren Schlägen in die Luft“ habe er bemerkt, dass der Israeli eine Kippa trug. Da habe er „Jude“ gerufen. Als Schimpfwort. „Aber ich wollte ihn persönlich beleidigen, nicht alle Juden.“

Der schmächtige Angeklagte trägt ein weißes T-Shirt unter seiner olivgrünen Jacke und ein spärliches Bärtchen am Kinn. Unsortiert und hastig spricht er, anfangs auf Deutsch, dann muss doch eine Dolmetscherin helfen. Mit seinem Cousin und einem dritten Mann habe er Koffer getragen, als es zu dem Vorfall kam. „Es tut mir leid, es war ein Fehler von mir“, sagt er. Eigentlich habe er den 21-Jährigen nicht schlagen wollen. „Nur Angst machen.“ Er habe zuvor Drogen genommen. „Gekifft und Ecstasy, mein Kopf war müde.“ Er habe auch nicht mit der Gürtelschnalle gehauen.

Von „mindestens zehn Schlägen“ geht die Anklage aus. Weil Adam A. und sein Freund Kippa trugen. Der Angeklagte hört es kopfschüttelnd. Bevor er ausholte, habe er gefragt: „Warum beschimpfst du mich?“ Nur drei Treffer seien es gewesen. Und erst vor dem letzten Schlag habe er gesehen, dass der Mann eine Kippa trug. Erst da habe er „Jude“ gerufen und nochmals ausgeholt. „Das war nicht richtig.“ Schließlich habe eine Frau eingegriffen.

Großer ist der Medienandrang bei Prozessbeginn.
Großer ist der Medienandrang bei Prozessbeginn.Foto: AFP

Die Version des Studenten Adam A. klingt anders. Er war mit einem befreundeten Deutsch-Marokkaner unterwegs, als es zur zufälligen Begegnung im Bereich Helmholtzplatz kam. Adam A. – aufgewachsen in Israel in einer arabischen Familie und seit drei Jahren in Deutschland – sieht die religiöse Kopfbedeckung als „einzige Erklärung“.

Die Kippa, die nach dem Angriff ins Museum kam, habe er von einem Freund bekommen. „Ich finde sie sehr schön, fühle mich wohl damit und trage sie aus Solidarität“, sagt der Israeli als erster Zeuge.

Sie hörten Beschimpfungen aus der Gruppe um den Angeklagten. Laut und auf Arabisch. Schlampe, Hurensohn. „Mein Kumpel sagte, dass sie uns in Ruhe lassen sollen“, schildert Adam A. Er selbst sei mit seinem Handy befasst gewesen. „Plötzlich sehe ich, wie einer auf mich zugerannt kommt, den Gürtel aus der Hose zieht.“ Obwohl er Angst hatte, sei er nicht geflohen, so der angehende Tierarzt. „Ich hatte kein Wort mit ihm gewechselt, ich hatte nichts Falsches gemacht.“

Demo unter dem Motto "Berlin trägt Kippa"

Der Gürtel traf an der Hüfte, am Bein, im Gesicht. Schwellungen, die Lippe aufgeplatzt. „Seelisch war es danach noch schlimmer als körperlich“, sagt der schmale junge Mann. Es sei schwierig, täglich die Stelle zu passieren, wo es zum Angriff kam. „Ich fühle mich unsicher“, sagt er. „Ich würde die Kippa nicht wieder aufsetzen, wenn ich allein bin.“ Er trage die religiöse Kopfbedeckung nur noch bei Freunden oder in einer Gruppe. Dabei habe er gedacht, dass „Berlin sicher sei“.

Der Angriff löste bundesweit Aufsehen aus. Wie sicher ist jüdisches Leben in Deutschland? Politiker bis hin zur Bundeskanzlerin verurteilten den Vorfall. In mehreren Städten kam es zu Solidaritätskundgebungen. In Berlin versammelten sich Ende April unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ mehr als 2000 Menschen. Mit Kippa zum Prozess um Beleidigung und gefährliche Körperverletzung gekommen ist ein Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Das Positive an dem negativen Fall sei, „dass es nicht unter den Tisch gekehrt wird“, sagte Mike Samuel Delberg.

War es ein Missverständnis? „Mein Mandant ist kein Antisemit“, sagt die Verteidigerin. In einer „situationsgeprägten Spontanhandlung“ sei es zu den Schlägen gekommen. Al S. habe keine politische Haltung. Warum er das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt? „Weil er aus Syrien kommt und das dort gang und gäbe ist.“ Es sei für ihn ein „Alltags-Sprachgebrauch“. Am Montag geht der Prozess weiter.

Eine unvollständige Chronik

Juni 2018

In Wilmersdorf wird ein Mann mit Kippa beschimpft: Die Täter sollen arabisch gewirkt haben. Tage zuvor drohten drei Berliner Araber einem jüdischen Jugendlichen am Zoo, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Er wurde fast auf ein Gleis geschubst.

März 2018

Kinder in Tempelhof von muslimischen Schülern unter anderem antisemitisch gemobbt; zuvor ähnliche Fälle in Wedding.

Dezember 2017

Ein aus Thüringen stammender Mann beschimpft einen israelischen Wirt in Schöneberg antisemitisch.

März 2017

In Friedenau wird bekannt: Jungen türkischer und arabischer Herkunft bedrohten jüdischen Schüler.

Juni 2016

Ein Mann mit Kippa wird in Treptow geschlagen. Die Täter sollen arabischer Herkunft gewesen sein.

Oktober 2015

Ein Israeli wird nach eigener Auskunft in Kreuzberg von arabischen Jugendlichen bespuckt.

März 2013

Arabisch sprechende Männer griffen ihn an, berichtet ein Litauer, als er in Schöneberg „leise auf Hebräisch“ gebetet habe.

September 2012

Jüdinnen in Charlottenburg beschimpft; Täterinnen hätten „südländisch“ ausgesehen, eine davon Kopftuch getragen.

August 2012

In Friedenau zertrümmern Männer, offenbar arabischer Herkunft, einem Rabbiner das Jochbein.

Juni 2010

In Friedrichshainer Disko werden israelische Juden von einem Palästinenser gewürgt. Keine Hilfe vom Türsteher.

November 2008

Rabbiner und Schüler fahren durch Wilmersdorf, Unbekannte bewerfen Bus.

Mai 2005

Muslimische Jugendliche einer Charlottenburger Hauptschule gehen Schüler des Jüdischen Gymnasiums in Mitte an.

Mai 2003

19-jähriger Jude in Neukölln verprügelt. (hah)

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