Landesschülerausschuss Berlin : „Schüler sollen mitbestimmen, wie sie lernen“

Felix Stephanowitz und Luisa Regel vom Landesschülerausschuss über Klimaschutz, Mobbing, Hausaufgaben und warum die Benotung im Sportunterricht unfair ist.

Luisa Regel und Felix Stephanowitz vom Landesschülerausschuss.
Luisa Regel und Felix Stephanowitz vom Landesschülerausschuss.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Felix Stephanowitz, 15, ist Vorsitzender des Landesschülerausschusses (LSA), Luisa Regel, 18, ist LSA-Pressesprecherin. Mindestens zwanzig Stunden, sagen beide, gehen pro Woche für die Arbeit im LSA drauf. In die Schule gehen sie natürlich auch: Luisa in die zwölfte Klasse der Kurt-Schwitters-Oberschule in Prenzlauer Berg, Felix in die zehnte Klasse des Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasiums in Spandau. Wir einigen uns für das Interview darauf, uns zu duzen.

Welche Themen beschäftigen euch im Landesschülerausschuss derzeit?

LUISA REGEL: Wie können wir Schule für Schüler besser machen, darum geht es uns. Wir wollen Schüler dazu bringen, ihre Meinung zu sagen und sich einzumischen. Manche Schulen kommunizieren nicht, welche Rechte Schüler haben. Mich hat mal jemand gefragt, ob Schülervertreter in der Schulkonferenz sitzen dürfen. Natürlich dürfen sie das, das ist das wichtigste Gremium, da wird alles entschieden! Da wollen wir also aufklären. Man kann sich auch immer an uns wenden, wenn es Probleme gibt. Wir können dann mit der Senatsbildungsverwaltung sprechen.

FELIX STEPHANOWITZ: Es gibt natürlich noch mehr Themen, die uns beschäftigen: Klimaschutz, Mobbing, Hausaufgaben, Digitalisierung, Sportunterricht...

Bleiben wir doch mal beim Klimaschutz. Am Freitag ist wieder eine große Demo.

FELIX: Klimawandel ist das Thema, das die ganze Generation bewegt. Es wurde zwar schon seit Jahren darüber gesprochen, aber immer so getan, als sei das erst irgendwann in der Zukunft richtig akut. Aber jetzt sind wir an einem Punkt, an dem ganz viele junge Menschen sagen: Hört auf, das Thema wegzuschieben.

LUISA: Fridays for Future hat es geschafft, eine ganze Generation auf die Straße zu bekommen. Jeder hat davon gehört und beschäftigt sich damit.

Wie gehen die Schulen damit um?

LUISA: Es wird im Unterricht zu wenig behandelt. Deshalb fordern wir, dass die Schulen über den Klimawandel aufklären müssen.

Wie reagieren die Schulen, wenn Schüler zur Demo gehen statt in den Unterricht?

LUISA: Immer noch ganz unterschiedlich. Manche unterstützen es, andere tragen Fehlzeiten ein oder legen Klassenarbeiten extra auf Demo-Tage.

FELIX: Ich finde, dass Fridays for Future einen Bildungsauftrag haben, den viele Schulen versäumen. Deshalb sehe ich ein stumpfes Abblocken des Interesses zu den Demos zu gehen als falsch an.

Über Mobbing wurde zuletzt viel gesprochen. Die Senatsbildungsverwaltung will nun einen Anti-Mobbing-Beauftragten einsetzen, bei dem auch ein Schüler oder eine Schülerin aus dem LSA mitarbeiten soll. Wie findet ihr das?

LUISA: Extrem gut. Der Schüler soll drei bis fünf Stunden pro Woche mit dem Anti-Mobbing-Beauftragten zusammenarbeiten. Wir überlegen aber noch, wer von uns die Stelle besetzen soll.

FELIX: Mobbing ist eine Sache, die sehr belastend sein kann, auch für diejenigen, die beraten. Das muss die Person also aushalten können. Ich glaube aber, dass Schüler bei Mobbing an Schulen einen besseren Überblick haben als viele Erwachsene und deshalb besser helfen können.

Viele Studien zeigen, dass die Schülerleistungen in Berlin schlechter als in anderen Bundesländern sind. Nervt euch das?

FELIX: Ich glaube, man kann Berlin nicht mit anderen Bundesländern vergleichen. Die Schülerschaft hier macht ein unfassbares, wunderbares Multikulti aus. Viele Bildungseinrichtungen sind aber noch nicht darauf ausgerichtet.

Wie kann man es besser machen?

FELIX: Schüler sollten das Recht haben zu sagen, wie sie individuell lernen wollen. Das Schulgesetz spricht ihnen das Recht zu, im Unterricht Ideen und Wünsche einzubringen, um diesen zu verbessern. Aber darauf wird kaum zurückgegriffen. Unterricht wird größtenteils von Erwachsenen gemacht. Auch eine Begründung dafür, wie der Unterricht geführt wird, findet im Schulalltag selten statt. Aber Lehrer sind natürlich extrem ausgelastet, wir haben teilweise Klassenstärken von 33 oder 35 Schülern...

LUISA: Außerdem zu wenig Lehrer...

FELIX: Man muss es trotz Lehrermangels schaffen, Schüler individuell zu fördern. Ich sehe vor allem Chancen, wenn mehr digital unterrichtet würde. Wenn Schüler digital an Aufgaben arbeiten, kann ein Lehrer leichter sehen, bei welchen Aufgaben ein Schüler Schwierigkeiten hat.

Wie sieht es denn aus mit der Digitalisierung an den Schulen?

FELIX: Wir haben 2019 und der größte Teil der Schule ist immer noch analog. Unsere Welt wird immer digitaler und die jungen Menschen müssen später mit digitalen Medien arbeiten. Warum gibt es dann noch keine anständige Förderung von Medienkompetenz? Stattdessen wird immer noch über ein Handyverbot an Schulen diskutiert.

LUISA: Der Digitalpakt kommt zu spät.

FELIX: Die Digitalisierung kann ein wichtiger Schritt zur Chancengleichheit sein, besonders, wenn die Geräte von der Schule gestellt werden. Dann sind die Schüler nicht mehr so abhängig von den Voraussetzungen im Elternhaus. Die Schüler müssen dabei unbedingt bei der Förderung von Medienkompetenz einbezogen werden.

Es gibt immer mehr Quereinsteiger. Merkt ihr, dass sich das in den Schulen auswirkt?

Luisa: Der Lehrermangel ist ein großes Problem. Wir hören aber auch oft von Schülern, dass es viele gute Quereinsteiger gibt. Es kommt auf den Menschen an.

Vor einiger Zeit hat der LSA eine Kontroverse zu Hausaufgaben angestoßen. Jetzt beschäftigt ihr euch wieder damit.

FELIX: Uns hat gerade ein Antrag eines Sechstklässlers erreicht, dass es einfach zu viele Hausaufgaben sind. Hausaufgaben dienen ausschließlich der Wiederholung von Unterrichtsstoff und sind meiner Meinung nach auch nur dafür sinnvoll. Sie dürfen nicht dazu dienen, dass Schüler den Stoff lernen sollen, der im Unterricht nicht geschafft wurde. Hausaufgaben in der jetzigen Form verschärfen die soziale Kluft, da sich nicht alle Schüler von ihren Eltern helfen lassen oder sich Nachhilfe leisten können. Es muss ein neues Konzept geben, dessen Sinn es ist, dass alle die Voraussetzungen aus dem Unterricht besitzen, die Hausaufgaben zu bearbeiten, und in der Schule die Möglichkeit haben, kostenlose Hausaufgabenhilfe zu nutzen.

Und außerdem habt ihr ein neues Konzept zum Sportunterricht – was fordert ihr?

LUISA: Wir nennen es „Utopie des Sportunterrichts“. Wir finden es nicht fair, wie im Sportunterricht bewertet wird. Manche Schüler haben bessere Voraussetzungen durch Körperbau oder Konstitution. Wir wollen, dass man sich im Sportunterricht nur steigern und nicht verschlechtern kann. Es sollen nicht alle nach den gleichen Maßstäben bewertet werden. Jemand kann vielleicht erst nur 20 Sekunden rennen und nach einer Weile Training schon eine Minute lang. Die Steigerung der Leistung und Mitarbeit sowie Teamfähigkeit und Sozialkompetenzen sollten im Vordergrund der Bewertung stehen. Eine Verschlechterung der Note ausgehend von der körperlichen Leistung sollte nicht stattfinden. Im Moment höre ich von vielen, dass sie Angst vor dem Sportunterricht haben.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

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