Senioren als Betrugsopfer : Falsche Polizisten und Enkel erbeuten Millionen

Wenn die 110 anruft, denken viele, die Polizei oder ein Verwandter sei dran – dabei sind es Betrüger.

Viele Trickbetrügereien beginnen mit einem Telefonanruf.
Viele Trickbetrügereien beginnen mit einem Telefonanruf.Foto: dpa

In den ersten beiden Monaten dieses Jahres haben Trickdiebe und Betrüger in Berlin fast zwei Millionen Euro bei arglosen Senioren erbeutet. Meist können die Täter nicht gefasst werden. Immerhin 22 Personen konnte die Polizei vorläufig festnehmen, gegen 16 von ihnen erging Haftbefehl. Begangen werden die Taten durch arbeitsteilig vorgehende Banden, insofern entspricht das Tätigkeitsbild eigentlich dem der Organisierten Kriminalität. Bei der Staatsanwaltschaft werden die Fälle aber nicht von den Spezialabteilungen, sondern von den allgemeinen Abteilungen verfolgt. „Drei bis vier solcher Fälle gehen hier pro Abteilung und Woche ein“, schätzt ein Staatsanwalt.

Die Betrüger gingen sehr trickreich vor. Zum Beispiel würden die Anrufe bei den arglosen Senioren so geschaltet, dass als Anrufernummer die 110 im Display erscheint. Die alten Leute nehmen daher an, die Polizei sei am Apparat. „Da meldet sich dann ganz professionell einer als Polizeikommissar Hermann und warnt die Seniorin, es seien Diebe unterwegs zu ihr und sie möge schnell ihre Wertsachen in einen Schuhkarton packen und diesen aus dem Fenster werfen“, schildert ein Staatsanwalt. Unten werde ein Polizist stehen, der fange den Karton auf und bringe ihn in Sicherheit, heiße es dann.

Die alten Leute, autoritätsgläubig und technisch unerfahren, tun allzu oft, was die vermeintliche Polizei ihnen sagt. Manchmal biete der falsche Polizist der arglosen Oma am Telefon sogar noch an, sie zum ermittelnden Staatsanwalt durchzustellen, schildert der echte Staatsanwalt: „Das sind richtige kleine Kriminalhörspiele mit ausgeklügelter Dramaturgie.“Das Schönste für die Ermittler ist es, wenn Senioren auf Zack sind. „Manche spielen das Spiel mit und halten die hin, bis die Polizei vor Ort ist, das ist natürlich immer ein Highlight!“, schwärmt ein Ermittler – leider sei das sehr selten.

Warnungen der Polizei

Angesichts der hohen Fallzahl hat die Polizei Ende Februar eine Mitteilung herausgegeben, Titel: „Achtung! Wachsamkeit gefragt!“ Darin stehen viele Tipps, etwa: „Wenn die Polizei anruft, steht nie die 110 im Display.“ Oder: „Die Polizei fragt Sie niemals nach Ihren Vermögensverhältnissen und sie nimmt auch nicht Ihre Wertgegenstände in Verwahrung, um sie vor Einbruch zu schützen.“

Geschädigte Senioren schämen sich oft so sehr, dass sie viel zu spät von dem Vorfall erzählen. Wie soll man auch den Enkeln klarmachen, dass man ihr Erbe aus dem Fenster geworfen hat? Dabei ist schnelles Handeln das einzig Aussichtsreiche, denn dann können Ermittler eine Funkzellenabfrage starten und die Telefonverbindungsdaten auswerten. „Wenn ein solcher Fall kommt, müssen wir schnell sein“, sagt der Staatsanwalt. Sofort müsse ein richterlicher Beschluss für die Auswertung der Verbindungsdaten her. Das führt allerdings nicht allzu oft zum Erfolg, denn die Täter werfen häufig ihre Handys oder zumindest die Sim-Karten weg, wenn sie die Beute haben. Kommt die Oma erst Wochen später mit dem Debakel raus, ist es zu spät für die Abfrage.

Bankmitarbeiter lernen, Betrügereien zu erkennen

Um Betrügereien dieser Art zu verhindern, hat die Polizei auch Bankmitarbeiter geschult und einen Beraterleitfaden verfasst. „Wir erkennen diese Fälle“, sagt Alexander Greven, Sprecher der Berliner Sparkasse. „Unsere Berater wissen, welche Fragen man zu stellen hat, um herauszufinden, ob es hier mit rechten Dingen zugeht.“ Man habe schon manchen Kunden vor Schaden bewahren können.

Die Täter sind erfinderisch. Die Fallvariante des klassischen „Enkeltricks“ ist auf dem Rückzug: Nur in zwölf von 89 angezeigten Fällen waren Täter noch mit der Behauptung erfolgreich, finanzklammes Enkelkind des angerufenen Seniors zu sein. Dabei erbeuteten sie knapp 340 000 Euro. Falsche Polizisten waren 24 Mal erfolgreich – und nahmen ihren Opfern mit dieser Masche fast 1,145 Millionen Euro ab. Optimisten könnten daraus ablesen, welch hohes Vertrauen die Polizei zumindest in der älteren Bevölkerung genießt.

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