Tagesspiegel-Projekt Radmesser : "Ich hatte schon viele Nahtoderfahrungen"

Tagesspiegel-Leser radeln durch Berlin und messen, wie eng sie von Autofahrern überholt werden. Zwölf "Radmesser"-Teilnehmer berichten von ihren Erlebnissen.

Ein Radfahrer am Berliner Moritzplatz
Ein Radfahrer am Berliner MoritzplatzFoto: dpa/Britta Pedersen

Noch eine Woche fahren 100 freiwillige Radfahrer für das Tagesspiegel-Projekt „Radmesser“ durch die Stadt und messen, wie dicht Autofahrer überholen. Aus jedem Bezirk haben wir einem Teilnehmer drei Fragen gestellt: warum er beim Projekt mitmacht, was die gefährlichsten Strecken sind und was er sich von der Politik wünscht.

Florian Dettmer aus Berlin-Mitte

1. "Weil ich es gut finde, dass über das Sammeln der Daten die besonders veränderungsbedürftigen Stellen in der Stadt empirisch belegt werden. Das wirkt gegenseitigen Lobbyismus-Vorwürfen entgegen. Und weil es mir Spaß macht, wenn Leute mich auf der Straße fragen, ob das da ein Radarfallenwarngerät an meinem Fahrrad ist. Man kommt ins Gespräch.“

2. "Am schlimmsten finde ich den Teil der Leipziger Straße ab der Charlottenstraße Richtung Leipziger Platz. Da wird man als Radfahrer oft auf gefühlten 30 Zentimeter von Autos Richtung Bordstein gequetscht. Gerade im Vergleich zu dem komfortablen Abschnitt davor ist das eine enorme Belastung.“

3. "Ich wünsche mir, dass der Raum in der Stadt für alle Verkehrsteilnehmer*innen gerecht verteilt wird und will, dass die bestehenden Gesetze und Verbote durchgesetzt werden. Parken auf dem Radweg oder in zweiten Reihe muss konsequent geahndet werden.“

Florian Dettmer aus Mitte
Florian Dettmer aus MitteFoto: Hendrik Lehmann

Günter Becker aus Neukölln

1. "Ich bin von Beruf Ingenieur und technisch sehr interessiert. Und mir sind schon beim ersten Kontakt mit der Idee auf der Homepage des Tagesspiegels viele technische Fragen gekommen. Und da dachte ich mir: Da bewerbe ich mich. Ich mag es, wenn es objektiv zugeht."

2. "Im Süden von Neukölln sind die Baustellen immer schlechter abgesichert, umso weiter man hinaus fährt. Da stehen dann Schilder: Radfahrer absteigen. Oder der Fahrradweg hört einfach auf. Das ist eine Ungleichbehandlung im Vergleich mit den Autofahrern."

3. "Auf meinem kurzem Weg zur Arbeit ist seit Ende 2016 (dem Beginn von RRG) an zwei Stellen jeweils ein Stück Fahrradweg rückgebaut worden. So etwas sollte unterbleiben. Vorhandene Fahrradwege sollten statt dessen besser gepflegt werden. Und neue sollten abgetrennt vom Autoverkehr angelegt werden. Ein paar Liter weißer Farbe reichen nicht."

Günter Becker aus Neukölln
Günter Becker aus NeuköllnFoto: Hendrik Lehmann

Claudia Trzonnek aus Spandau

1. "Ich halte Radfahren aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen für fördernswert. Nur ist Radfahren in Berlin ein mordsgefährliches Unterfangen. Um das zu ändern, müssen alle für die gesamte Thematik rund um den Radverkehr sensibilisiert werden. Dazu braucht es Daten, die zeigen, an welchen Stellen es hakt, von denen entsprechende „Lösungen“ abgeleitet werden können."

2. "Alle Hauptverkehrsadern und Einfallstraßen wo Radwege auf Straßen oder in Bushaltestellen geführt werden oder eben gar nicht vorhanden sind. Wir haben hier gefühlt zu 90 Prozent keine oder sehr schlechte, enge, kaputte Radwege. Teils gibt es nicht mal Fußwege, auf die wenigstens die kleinen Kinder hätten ausweichen können. Im Gegenteil, seit Jahren ist eine von LKW und Rasern befahrene Umleitung teil des Schulweges. Jede größere Kreuzung in Spandau, wo Rechtsabbieger den Radverkehr kreuzen, ist gefährlich, wie auch schon tödliche Unfälle mehrmals gezeigt haben."

3. "Echte Maßnahmen, die ein sicheres Radfahren ermöglichen statt ein paar gestrichelte Linien aufzupinseln. Zum anderen Aufklärungsarbeit und Sensibilisierungsmaßnahmen, damit Radfahrer aller Altersgruppen als vollwertige Verkehrsteilnehmer wahrgenommen werden. Nur so ist ein positives Miteinander aller Verkehrsteilnehmer und damit eine positive Entwicklung möglich."

Claudia Trzonnek aus Spandau
Claudia Trzonnek aus SpandauFoto: Hendrik Lehmann

Ruben Barelsmann aus Treptow

1. "Ich fahre seit 20 Jahren Fahrrad und ich habe noch nie die ideale Fahrradstrecke gesehen. Man will sich auf dem Fahrrad sicher fühlen. Und mit diesem Projekt kann man zeigen, dass das nicht der Fall ist."

2. "Der Weg durch Treptow-Köpenick ist an vielen Orten schwierig. In Adlershof, wo ich oft durchfahre, gibt es teilweise gar keine Fahrradwege. Gerade für Kinder ist das total schwierig. Das gibt es noch viel Potential, etwas zu machen."

3. "Es muss das Gefühl vermittelt werden, dass Radfahrer vollwertige Verkehrsteilnehmer sind. Viele Radwege sind in schlechtem Zustand. Und dann wird oft eher die Straße für Autos saniert."

Ruben Barelsmann aus Treptow
Ruben Barelsmann aus TreptowFoto: Hendrik Lehmann

Anke Lindner aus Marzahn

1."Ich fahre oft mit dem Fahrrad zur Arbeit und hatte schon viele Nahtoderfahrungen. Letztens wurde ich sogar von einem Autofahrer geschnitten und hinterher angespuckt, weil ich zu weit auf der Straße gefahren bin."

2. "Am schlimmsten ist die Ecke Landsberger Allee auf der Höhe Märkische Allee. Da muss man sich zweimal links in den fließenden Verkehr einordnen. Und das auf einer dreispurigen Straße."

3. "Um Fahrradfahrer ernst zu nehmen, müssten Politiker mal selber Fahrrad fahren, damit sie sehen, wie schlimm das oft ist. Wir brauchen breitere Fahrradwege und auch die Ampelphasen müssten sinnvoller auf Radfahrer abgestimmt werden."

Anke Lindner aus Marzahn
Anke Lindner aus MarzahnFoto: Hendrik Lehmann

Barbara Mohr aus Pankow

1. "Ich fahre viel Fahrrad, alleine und auch mit meinen Kindern, und gerate dabei immer wieder in haarsträubende Situationen. Die Diskussionen dazu können aber schnell auch hitzig werden. Bei Radmesser werden ganz nüchterne Daten gesammelt und hinterher ausgewertet. Das finde ich einen sehr konstruktiven Ansatz, zu schauen: Wo gibt es wirklich Bedarf und wo läuft es vielleicht schon ganz gut."

2. "Auf meiner täglichen Route ist das der Übergang zwischen Dietzgenstraße, Hermann-Hesse-Straße und Grabellallee, wo es zwei Mal in die Kurve geht. Rechts die parkenden Autos, in der Mitte Schienen im Boden, und dann drängen die Autofahrer mich zur Seite."

3. "Ich würde mir wünschen, dass meine Bedürfnisse als Radfahrer stärker berücksichtigt werden, bei Baustellenplanungen zum Beispiel. Da habe ich oft das Gefühl, dass wir Radfahrer glatt vergessen werden. Außerdem finde ich getrennte Fahrbahnen super wichtig. Wir sind viel in Dänemark und es ist wirklich ein himmelweiter Unterschied, wie dort für die Radfahrer gesorgt wird."

Barbara Mohr aus Pankow
Barbara Mohr aus PankowFoto: Hendrik Lehmann

Katrin Glinka aus Schöneberg

1. "Im Jahr 2018 sind bereits 10 Fahrradfahrer in Berlin tödlich verunglückt. Es gibt zu wenige sichere Radwege, zu wenig Schutz vor abbiegenden Autos oder Lastwagen, zu eng überholende Autos und Roller. Ich finde die Idee daher sehr sinnvoll, die subjektive Erfahrung von Fahrradfahrern mit dem Radmesser auf eine breite Datenbasis zu stellen."

2. "Da ich häufig weitere Strecken fahre - mit dem Rad zur Arbeit nach Wilmersdorf, zu Terminen nach Mitte oder zu Freunden nach Neukölln und Kreuzberg - muss ich auf Straßen fahren, auf denen es keine Radwege gibt oder nur auf ein paar kurzen Abschnitten."

3. "Dass die Stadt der Zukunft keine Autostadt mehr sein kann, sollte mittlerweile ausreichend belegt sein. Das sollte auch die Politik anerkennen. Berlin kann zu einer noch lebenswerteren Stadt werden, wenn der Stadtraum weniger von parkenden und fahrenden Autos dominiert wird. Dafür muss der ÖPNV verlässlich sein und die Radinfrastruktur ausgebaut werden."

Katrin Glinka aus Schöneberg
Katrin Glinka aus SchönebergFoto: Helena Wittlich

Sarkis Bisanz aus Charlottenburg

1. "Ich will meinen Beitrag leisten, damit Radfahren in Berlin sicherer wird. Die Mobilitätsfrage in Großstädten kann nur über das Fahrrad gelöst werden. Wenn die Situation auf der Straße so bleibt, wie sie heute ist, wird es dazu nicht kommen. Damit wir nicht nur aus dem Bauchgefühl diskutieren, mache ich mit."

2. "Die Radwege sind sehr schlecht auf den Gehwegen. Vor allem mit einem Lastenrad muss man auf der Straße fahren. Zudem ist es oft ungeklärt, wie man sich einordnen soll. Am schlimmsten ist die Brandenburgische Straße. Die ist extrem unübersichtlich und eng. Wenn da ein Autofahrer die Tür aufmacht, dann wars das."

3. "Es sollte aufgehört werden, von “dem Autofahrer” oder “dem Radfahrer” zu sprechen. Es gibt Leute, die fahren mal Rad, dann wieder Auto. Die Gegenheiten sollten so sein, dass sich alle überlegen können, welche Möglichkeit sie wählen. Wenn es also um Mobilität als Überthema geht, dann könnte auch mit dem Wirrwarr der Zuständigkeiten und Kompetenzen aufgeräumt werden."

Sarkis Bisanz aus Charlottenburg
Sarkis Bisanz aus CharlottenburgFoto: Hendrik Lehmann

Andreas Kolbe aus Reinickendorf

1. "Ich fahre jeden Tag in Berlin Rad und das Hauptproblem ist für mich, wie eng überholt wird in der Stadt. Ich wüsste gerne, ob es wirklich so eng ist, wie es sich immer anfühlt oder ob es nur ein Gefühl ist."

2. "Eigentlich auf jeder Straße. Da wo Radwege existieren, sind sie so mies, dass sie eine Gefährdung für sich sind. Oder es existieren keine und man muss mit dem schweren Verkehr leben. Die Bernauer Straße hat einen Radweg und der endet nach der Hälfte ganz plötzlich und wird zum Parkstreifen."

3. "Die Antwort ist leider nicht bei allen Menschen in der Stadt en vogue: Die Politik müsste den Autoverkehr verringern."

Andreas Kolbe aus Reinickendorf
Andreas Kolbe aus ReinickendorfFoto: Hendrik Lehmann

Jana S. aus Kreuzberg

1. "Ich fahre viel Fahrrad und erlebe große Aggressionen von Autofahrern mir gegenüber. Enges Überholen, geschnitten werden, anpöbeln. Darum sollte mal gemessen werden, wie sich Autofahrer verhalten."

2. "Besonders anstrengend sind die Oberbaumbrücke, die Schillingbrücke, die Admiralstraße und die Skalitzer Straße. Die Radwege sind überfüllt, es fahren wahnsinnig viele Autos dicht vorbei und der Schutzstreifen wird zum Abbiegen missbraucht."

3. "Es muss mehr Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden, dass Radfahrer gleichwertige Verkehrsteilnehmer sind. Außerdem müssen Fahrradschutzstreifen müssen ausgebaut werden und es fehlen definitiv Fahrradstraßen."

Jana S. aus Kreuzberg
Jana S. aus KreuzbergFoto: Hendrik Lehmann

Albrecht Trübenbacher aus Lichtenberg

1. "Ich bin begeisterter Radfahrer und es wird dringend Zeit, dass etwas für uns gemacht wird. Ich werde täglich gefährdet im Verkehr, erlebe viele Situationen, in denen ich in den Gegenverkehr gedrängt werde oder in parkende Autos. Es ist also sehr sinnvoll mal zu erfassen, welchem Wahnsinn man täglich als Radfahrer ausgesetzt ist.

2."Zugeparkte Radwege sind in Lichtenberg grauenhaft. Es gibt viele Rechtsabbieger, die nicht nach Radfahrer gucken. Ich lag schon viermal auf der Straße. Gerade am Bahnhof Lichtenberg brettern die Autofahrer auch bei Rot durch. Und in Altlichtenberg ist alles Tempo 30, da hält sich niemand dran."

3. "Geschützte Radwege, die konsequent freigehalten werden, sind das wichtigste. Das Zuparken von Infrastruktur für Radfahrer muss strenger geahndet werden. Leider parkt die Polizei nämlich oft selbst die Wege zu."

Albrecht Trübenbacher aus Lichtenberg
Albrecht Trübenbacher aus LichtenbergFoto: Hendrik Lehmann

Ludwig Krabben aus Steglitz

1. "Wir brauchen verlässliche Daten, ob die Sicherheitsabstände eingehalten werden. Gefühlt kriegen es die meisten Autofahrer gar nicht mit, wie dicht sie an einem vorbeifahren. Als Radfahrer fühlt man sich da oft beengt und man muss mutig sein auf einigen Fahrten."

2. "Bei vielen Radwegen ist die Qualität sehr schlecht. Auf einigen Strecken ragen Bordsteinplatten heraus. Das steht dann auch auf den Schildern drauf: Straßenschäden auf dem Radweg. Zudem gibt es viele Schlaglöcher, beispielsweise in der Lorenzstraße in Lichterfelde."

3. "Für die Radfahrer muss Verkehrsraum geschaffen werden, der auch für sie freigehalten wird. Aufpinseln ist eine Sache, aber wenn die Radwege dann zugeparkt sind, dann ist das keine große Hilfe. Autofahrer und Radfahrer müssen zusammengebracht werden, damit sie mehr Rücksicht aufeinander nehmen."

Ludwig Krabben aus Steglitz
Ludwig Krabben aus SteglitzFoto: Hendrik Lehmann

Wie nah kommen sich Auto- und Fahrradfahrer im Berliner Stadtverkehr? Um dies herauszufinden, hat der Tagesspiegel gemeinsam mit Physikern, Experten für Künstliche Intelligenz und Designern einen Sensor entwickelt, mit dem der Überholabstand zwischen den Verkehrsteilnehmern gemessen werden kann. Hier geht es zum "Radmesser".

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