Vögel in der Hauptstadt : Die Nistplätze für Mauersegler in Berlin sind rar

Der Mauersegler kündigt den Sommer an – doch durch Sanierungen gehen Nistplätze verloren. Klaus Roggel kämpft für die Vogelart.

Klaus Roggel informiert über den Nistkastenbau.
Klaus Roggel informiert über den Nistkastenbau.Foto: Thilo Rückeis

Klaus Roggel steht auf seiner Terrasse über den Dächern von Wilmersdorf und zeigt hoch in den strahlend blauen Himmel. „Hier hab ich gestanden und sie Richtung Fehrbelliner Platz fliegen sehen.“ Am letzten April-Tag haben sich die ersten Mauersegler am Himmel über Berlin blicken lassen.

Der 73-jährige Architekt im Ruhestand gehört zu ihren größten Verehrern. Sogar eine eigene Webseite hat er ihnen gewidmet, um darauf aufmerksam zu machen, dass es den Vögeln in der Stadt zunehmend an Brutplätzen mangelt. „Die private Mauerseglerseite aus Berlin“ versammelt neben Fotos und aktuellen Beobachtungen daher Anleitungen für den Nistkastenbau. Und eine Liebeserklärung. „Die Beobachtung der Segler aus allernächster Nähe löst in mir unbeschreiblich positive Gefühle aus“, heißt es da.

Eine Blaumeise ist bereits in eines der von Roggel angebrachten Häuschen eingezogen. Doch noch stehen die Kästen für die Mauersegler an den Hauswänden rings um die Dachterrasse leer. In den vergangenen Jahren haben sich hier fünf der geschätzten 12.000 Brutpaare niedergelassen, die Jahr für Jahr aus Afrika zurück nach Berlin kommen. Roggel hofft dieses Jahr auf ein sechstes.

Herr der Flieger. Wegen Sanierung und Dämmung hat der Mauersegler Probleme bei der Wohnungssuche.
Herr der Flieger. Wegen Sanierung und Dämmung hat der Mauersegler Probleme bei der Wohnungssuche.Foto: Klaus Roggel

Um den 1. Mai herum treffen die Brutvögel in der Regel ein und bleiben bis August. Der nächste Schwung kommt jetzt, einige Wochen später: Die Jungvögel, die morgens und abends in Schwärmen über den Himmel ziehen und zu akrobatischen Flugmanövern mit ihren schrillen Rufen den Berliner Sommer ankündigen. Die schwalbenähnliche Stromlinienform, die eleganten Handschwingen, die kräftige Brustmuskulatur – den Vögeln ist anzusehen, welch fantastische Flieger sie sind.

Was wirklich in den 40 bis 50 Gramm leichten Tieren steckt, scheint wie nicht von dieser Welt. Klaus Roggel sagt dazu nur: „Auch in der Tiefsee gibt es unvorstellbare Viecher.“ Nur dass sich das Unvorstellbare hier direkt über unseren Köpfen abspielt. Die Mauersegler machen ernst, was das Leben in der Luft betrifft: Dort schlafen sie, fressen sie, paaren sie sich. Nur zum Brüten müssen sie runter. Auf diese Weise verbringen Jungvögel ihre ersten zwei, drei Lebensjahre in der Luft. Ununterbrochen. Roggel zieht vorsichtig eine Feder hervor, die er im Regal aufbewahrt. Sie stammt aus den Handschwingen. Er betrachtet sie beinahe ehrfürchtig. „Zur Akrobatik im Fliegen kommt noch, dass der Vogel so ein attraktives Äußeres hat.“

Geschlafen wird mit einer Gehirnhälfte

„Ein Vogel der Superlative“ nennt Berlins Wildtierbeauftragter Derk Ehlert den Mauersegler. „Der eigenartigste Vogel, den ich kenne.“ Geschlafen wird mit einer Gehirnhälfte, als Nahrung dienen Fluginsekten. Die Strecke, die Mauersegler auf diese Weise Jahr für Jahr zurücklegen, wird auf bis zu 130.000 Kilometer geschätzt. Mit waghalsigen Flugmanövern können sie mehr als 200 Stundenkilometer schnell werden. Für die einstigen Felsenbewohner tun sich in Großstädten wie Berlin etliche Brutmöglichkeiten auf. Nur: Durch Sanierungen und Wärmedämmung gehen – oftmals unbemerkt – Nistplätze verloren.

„Wir haben in Berlin eine besondere Verantwortung“, sagt Derk Ehlert. „Und der sind wir auch gewachsen.“ Dafür müssen Mieter und Eigentümer mithelfen: Nistplätze melden und beim Sanieren ersetzen. Deshalb ist es auch Klaus Roggels Anliegen, beim Nistkastenbau zu helfen. Und mit einem Missverständnis aufzuräumen: Es stimme nicht, dass Mauersegler auf die Fassaden koten. Vielmehr böten sie Hausbewohnern eine willkommene Dienstleistung, denn sie vertilgen Fluginsekten.

Vor Roggels Schlafzimmerfenster hängt seit einigen Jahren der neueste Kasten mit zwei geräumigen Brutplätzen. „Sozusagen der Mercedes unter meinen Nistkästen“, sagt Roggel. Doch bislang ist kein Mauersegler eingezogen – die Vögel lassen sich Zeit mit ihrer Wahl. Kein Wunder, denn sie sind nur in zweiter Linie partnertreu. In erster Linie gilt ihre Treue dem Brutplatz. Dort warten sie nach Monaten der Trennung auf ihre Partner. Wenn die nicht kommen, was nach der langen Reise aus Afrika durchaus vorkommt, wird der Partner ersetzt – der Brutplatz bleibt. Schon die ein- bis zweijährigen Jungvögel halten nach den künftigen Nistgelegenheiten Ausschau. „Manche sagen das ist wie eine Verlobung“, sagt Roggel. Daher lohnt es sich auch jetzt noch, Nistkästen anzubringen.

Die Freude am Dasein

In Schwärmen fliegen die Jungvögel ab Mitte Mai über die Stadt. „Das sind ja gesellige Vögel, die zusammen losziehen und wie Halbstarke Krawall machen“, sagt Roggel. Der Zweck dieser Schwarmflüge mit den charakteristischen „Srii sriii“-Rufen ist nicht genau geklärt. Roggel hat da so eine Ahnung: „Das ist Freude am Dasein.“ Die Vögel flögen einfach leidenschaftlich gerne. So wie er selbst. Fast 30 Jahre lang war Roggel Segelflieger. Sein größter Traum wäre es ohne Hilfsmittel abzuheben, „mühelos über Täler, Schluchten und sanfte Hügel zu fliegen“, schreibt er in seiner Liebeserklärung an die Luftakrobaten. Ein ganz besonderes Schauspiel hat sich einmal vor seinem Dachfenster abgespielt: „Wenn die bremsen, machen sie das Schwanzgefieder auseinander und stehen dann förmlich in der Luft.“ Aberhunderte Fotos hat er von ihren Flugmanövern geknipst.

Sich fallen lassen, losfliegen und dann zwei, drei Jahre in der Luft verbringen – um das zu leisten hat schon der Jungvogel im Nest ein straffes Trainingsprogramm. „Liegestütze“ nennt Klaus Roggel die Übungen, mit denen der Vogel 15 bis 18 Stunden pro Tag die Muskeln trimmt. Als er einmal mit Hilfe einer gleichgesinnten Mauersegler-Verehrerin einen auf sich gestellten Jungvogel hochpäppelte, war er im entscheidenden Moment dabei. Er und die Helferin nahmen ihn hoch und ließen ihn los. Es klappte. Weg war der kleine Vogel, um das zu tun, was er am besten kann: Fliegen, fliegen und nochmal fliegen.

www.mauersegler.klausroggel.de

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben