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Auch Mönche gedachten am Sonntag des getöteten Nguyễn Văn Tú.
© Johanna Treblin
Tagesspiegel Plus

Von einem Neonazi getötet: Nguyễn Văn Tú – in Vietnam geboren, in Thüringen gearbeitet, in Marzahn erstochen

Er besuchte einen Freund, als ein Neonazi ihn erstach. Nguyễn Văn Tú wurde 1992 ein Opfer rechter Gewalt. 30 Jahre später wird das Gedenken noch immer gestört.

Von Johanna Treblin

Mönch Thích Pháp Nhẫn, in gelbem Gewand, fängt an zu singen. Die Männer und Frauen neben ihm – die meisten in taubenblauen Gewändern – stimmen ein. Langsam schreiten sie los, mit weißen Nelken in der Hand, laufen einmal um den Gedenkaltar herum und legen die Blumen auf der Wiese vor der improvisierten Gedenkstätte nieder.

Die Mitglieder des Tempels Pho Da in Marzahn-Hellersdorf gedenken Nguyễn Văn Tú, eines ehemaligen Vertragsarbeiters der DDR, der vor 30 Jahren hier vor einem Supermarkt am Brodowiner Ring 8 in Marzahn erstochen wurde. „Wir sind sehr berührt davon, dass unser Bruder hier gefallen ist“, sagt Thích Pháp Nhẫn mit Hilfe eines Übersetzers, bevor er sich bei den Organisator:innen bedankt und dann den Gesang anstimmt.

Eingeladen zur Gedenkveranstaltung und Kundgebung hatte die Initiative „Niemand ist vergessen“, die sich für ein aktives Erinnern an Opfer rechter und rassistischer Gewalt in Berlin engagiert. Mit dabei waren Menschen aus deutsch-vietnamesischen Gemeinschaften sowie Vertreter:innen vieler weiterer Initiativen, darunter des Bündnisses für Demokratie und Toleranz, und der Registerstelle zur Dokumentation rechter Vorfälle im Bezirk.

Vertragsarbeiter im Gummikombinat in Thüringen

„Wir gedenken hier eines Menschen, über den wir nicht viel wissen“, sagt eine Aktivistin der Gruppe „Niemand ist vergessen“ auf der Kundgebung. Văn Tú sei 1963 in Vietnam geboren worden und 1987 als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen. Er arbeitete im Volkseigenen Betrieb Gummikombinat in Waltershausen in Thüringen. Einen Teil seines Lohnes habe er immer nach Hause geschickt, erzählt die Aktivistin.

Gaben an den Toten: eine improvisierte Gedenkstätte für Nguyễn Văn Tú.
Gaben an den Toten: eine improvisierte Gedenkstätte für Nguyễn Văn Tú.
© Johanna Treblin

Dann berichtet sie, wie sie kürzlich beim Verteilen von Flyern für die Gedenkveranstaltung einen Menschen traf, der Nguyễn Văn Tú gekannt hatte. Er erzählte, dass Văn Tú immer nett gewesen sei und Kindern gerne Süßigkeiten gegeben habe.

Auf dem Tisch, der als improvisierte Gedenkstätte dient, steht ein Foto des Opfers. Neben Kerzen und Blumen steht dort außerdem eine Schale mit Äpfeln und Mandarinen, daneben ein Teller mit Süßigkeiten. Es sind Gaben an den Toten, später werden sie and die Anwesenden verteilt.

Der Täter zog ein Butterflymesser und stach zu

Am Tag seines Todes war Nguyễn Văn Tú 29 Jahre alt. Er besuchte einen Freund in Marzahn, sie trafen sich an einem Einkaufszentrum am Brodowiner Ring. Ein paar Vietnamesen verkauften dort Zigaretten. Eine Gruppe junger Männer, offenbar alkoholisiert, kam vorbei und trat die Stände nieder. Unter ihnen war Mike L., der dann in den Supermarkt ging. Die Verkäufer sammelten ohne Kommentar ihre Ware ein und zogen ein paar Meter weiter. Kurz darauf kam Mike L. wieder aus dem Supermarkt raus und trat erneut gegen die Kartons, auf denen die Verkäufer ihre Ware ausgebreitet hatten.

Nguyễn Văn Tú fragte ihn, warum er das mache. Es kam zu einer verbalen Auseinandersetzung. Schließlich zog Mike L. ein Butterflymesser und stach es Văn Tú in die Seite. Der Getroffene brach bewusstlos zusammen. Sein Freund brachte ihn ins Krankenhaus. Kurz darauf starb er an den Verletzungen.

L. wird gefasst. Bei der darauffolgenden Gerichtsverhandlung gab der 21-Jährige an, der rechtsextremen DVU nahe zu stehen. Im Oktober 1992 wurde er zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Als Tatmotiv stellte das Gericht Selbstjustiz vor dem Hintergrund fremdenfeindlicher Ressentiments fest. Die Tat wird in der Liste rechter Todesopfer geführt.

Auch am Sonntag nähert sich ein Neonazi

Mehrmals installierte die Initiative „Niemand ist vergessen“ eigenständig Gedenktafeln am Tatort. Immer wurden sie in nur kurzer Zeit zerstört. Die letzte Tafel wurde zum Jahrestag 2021 angebracht und hielt fast ein Jahr. Kurz vor dem 24. April 2022 wurde sie mit Bauschaum beschmiert. Ein Aktivist kratzt ihn am Ende der Veranstaltung mühsam ab und macht den Text darauf – auf Deutsch und Vietnamesisch – wieder sichtbar.

Auch das Gedenken an diesem Sonntag wird mehrfach gestört. Am Rande versucht sich ein im Bezirk bekannter Neonazi mit seinem Fahrrad der Kundgebung zu nähern. Offenbar in provozierender Absicht: Er trägt ein Schild mit der Aufschrift „dann heult doch“ bei sich. Die Polizei hält ihn davon ab, auf die Teilnehmer:innen des Gedenkens zuzufahren, doch erteilt keinen Platzverweis. Während der Reden sind immer wieder störende, aber unverständliche Rufe zu hören.

Das ist eine Minderheit, eine sehr laute, aber eine Minderheit.

Steven Kelz, Bündnis für Demokratie und Toleranz

Steven Kelz, Sprecher des Bündnisses für Demokratie und Toleranz in Marzahn-Hellersdorf, erinnert daran, dass Văn Tú nicht der einzige war, der in den 90er-Jahren von Neonazis ermordet wurde. Und auch danach sei der Rassismus nicht verschwunden. „2013 mussten wir erleben, wie Nachbarn und Nachbarinnen zusammen mit Neonazis auf die Straße gingen. Menschen, die wir kannten und auch schätzten.“ Damals bildete sich ein Bündnis gegen die Errichtung von Wohnheimen für Geflüchtete im Bezirk. „Doch das ist eine Minderheit, eine sehr laute, aber eine Minderheit“, sagte Kelz.

Bald soll am Brodowiner Ring ein offizieller Gedenkort entstehen. Über den Bürgerhaushalt wurde ein entsprechendes Vorhaben eingereicht und erhielt die meisten Stimmen. Nun stehen 15.000 Euro zur Verfügung, um eine Gedenkplatte aus Material produzieren zu lassen, das schwerer zu beschädigen und leicht wieder zu reinigen ist. Angedacht ist darüber hinaus auch ein Kunstwerk, über das allerdings noch nicht entschieden ist. Ohnehin steht das Geld wegen der Haushaltssperre noch nicht bereit.

Es sei schwierig gewesen, mit dem Bezirksamt in Kontakt zu treten, erzählt die Aktivistin. Es habe mehrere Anläufe gegeben, einen offiziellen Gedenkort zu initiieren.

Tatsächlich hatte die Bezirksverordnetenversammlung Ende 2007 bereits beschlossen, eine offizielle Gedenktafel zu erstellen. Der Antrag wurde von der Kommission Gedenkorte des Bezirks Marzahn-Hellersdorf wiederholt beraten, sei jedoch „aufgrund fehlender finanzieller Mittel und fehlender Umsetzungsmöglichkeiten am authentischen Ort“ nicht realisiert worden, heißt es in einer Stellungnahme der Abteilung Weiterbildung, Kultur, Soziales und Facility Management vom Dezember 2020. Weitere Anläufe gab es offenbar nicht.

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