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Wenn Sicherheiten fehlen klammert man sich an alles was Struktur gibt

© Martha von Maydell

Tagesspiegel Plus

Die Werte der Generation Z: Sie sind jung und brauchen die Regeln

Naiv, wild und gegen Autoritäten. Das war lange Zeit das verbreitete Bild der jüngeren Generationen. Doch das passt nicht mehr: Die Generation Z will Vorschriften und Grenzen - aus gutem Grund.

Ein Essay von Marc Tawadrous

Schon immer gehört das Bedürfnis, sich gegen die festgefahrenen Strukturen der Älteren aufzulehnen, zum Selbstverständnis jüngerer Generationen. In Deutschland hat sich das unter anderem in der 68er-Bewegung gezeigt oder bei den Punks in den 80er Jahren. So unterschiedlich beide Generationen für sich waren, so gleich war ihr Ziel: mehr Weite, mehr Raum, mehr Freiheit. Damit ist nun Schluss – und das macht die aktuelle junge Generation zu einem Sonderfall.

Heute strahlt besonders die Klimabewegung Fridays for Future ein Verlangen nach Veränderung aus. An ihr lässt sich skizzieren, dass die Generation Z, also die zwischen 1995 und 2010 Geborenen, eigene Werte entwickelt haben, die man als altersuntypisch bezeichnen könnte. Sie fordern nämlich Regeln, Strukturen und Sicherheiten. Das gilt auch, wenn man in Rechnung stellt, dass man, wenn man über eine Generation redet, nie von einer homogenen Masse sprechen kann. Nicht alle jungen Menschen gehörten zur 68er-Bewegung, doch was in der großen Galerie der Zeitgeschichte bleibt, ist ein Stimmungsbild, das durch deren Proteste geprägt ist.

Fridays for Future zeigt, Generation Z ist nicht wie frühere Generationen

Was die Fridays-for-Future-Generation zuvorderst von ihren Vorgängern unterscheidet, ist das Fehlen eines Feindbilds. Während beispielsweise die 68er-Bewegung ein aktiv gesetztes Feindbild hatte, ob es Axel Springer, Kurt Georg Kiesinger oder konservative Politiker waren, und die Punks letztlich gegen alles waren, sind die Gegenspieler bei Fridays for Future nicht Feinde, sondern die Adressaten der Protestparolen und diejenigen, die die Forderungen umsetzen sollen. Die Aktivisten wollen ein Umdenken in allen wirtschaftlichen Bereichen bewirken. Ihr Ziel ist die Sicherheit der eigenen Zukunft, und dafür fordern sie härtere Regeln, die zum einen von oben durch den Staat durchgesetzt, zum anderen aber auch durch kollektive Vereinbarungen in der Breite der Gesellschaft angenommen werden sollen.

Immer wieder fordern die Führungspersonen von Fridays for Future deshalb Verbote beispielsweise für Inlandsflüge oder Autobahnneubau oder härtere Sanktionen und Vorgaben für Unternehmen. Der Wunsch nach verpflichtenden Regeln ist nicht nur spezifisch an das Thema Umwelt gebunden, es findet sich in mehreren Themen - und wurde besonders während der Corona-Pandemie sichtbar.

Den Wunsch nach Regeln gab es überraschenderweise auch bei Corona

Zwar wurden nach dem ersten Pandemiejahr vereinzelt Regeln öffentlichkeitswirksam und bewusst missachtet, doch waren es besonders zu Beginn der Corona-Krise junge Menschen, die freiwillig und ohne große Widerrede die Vorschriften akzeptierten. Viele forderten sogar noch stärkere Einschränkungen, so etwa die vielen besonders jungen Unterstützer der utopischen NoCovid-Idee.

Bei Querdenken-Demonstrationen finden sich nur sehr wenige Unterstützer der Generation Z
Bei Querdenken-Demonstrationen finden sich nur sehr wenige Unterstützer der Generation Z

© imago images/Sabine Gudath

Auch mit Blick auf „Querdenker“-Demonstrationen fällt schnell auf, dass das Durchschnittsalter dort weit höher ist als bei Fridays for Future. Umfragen legen nahe, dass sich die Zahl der Coronaleugner und Querdenker bei den unter 30-Jährigen im niedrigen einstelligen Prozentbereich bewegt. Bei der Generation der Babyboomer ist dieser Anteil um ein Vielfaches höher. Neben Corona und Umwelt findet sich der Wunsch vieler junger Menschen nach Struktur und Sicherheit auch im Bereich der sozialen Gerechtigkeit oder der Gleichberechtigung. Der Berliner Volksentscheid zur Enteignung von Wohnungsunternehmen, der besonders bei jungen Menschen Anklang fand, ist dabei nur ein besonders krasser Ausschlag. Überall wird nach mehr Regeln gerufen.

Es scheint, als gebe es eine Werteverschiebung. Viele junge Leute sind nicht mehr gegen Autoritäten, gegen Regeln und gegen Strukturen, sondern klar dafür. Die meisten Jugendstudien zeigen, dass „Sicherheit“ für junge Menschen neuerdings der zweitwichtigste persönliche Wert ist. Die Sinusstudie 2020 bestätigt dieses Ergebnis und legt offen, dass die junge Generation zu einem großen Teil ernsthafter und besorgter als ihre Vorgänger ist und sich die allermeisten Jugendlichen als „Pragmatiker“ kategorisieren würden. Ihre Ziele sind demnach „gute, abgesicherte Lebensverhältnisse“. Klingt weniger nach jungen Wilden als nach Mittvierzigern. Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man auf die neuen Lebensbedingungen blicken, die die Digitalisierung, die Globalisierung und der extreme Ressourcenverbrauch in den vergangenen Jahren mit sich gebracht haben.

Schutz vor denen, die nur an sich denken

Der Wunsch nach mehr Regeln und Vorschriften kann zuerst als Schutz-Reaktion begriffen werden. Jahrzehntelang wurde in der Industrie nach dem heute böse realistischen Motto „Nach mir die Sintflut“ nicht auf den Ressourcenverbrauch geachtet. Wälder wurden abgeholzt, Dörfer für Braunkohle enteignet, Sand für Beton aus den Flüssen geschöpft und Düngemittel über die Felder geschüttet, ohne dass dagegen mittels Gesetzgebung vorgegangen wurde. Heute sieht man die klimatischen Auswirkungen dieses geduldeten Tuns nahen und fürchtet, schon bald Kipppunkte zu erreichen, die ein normales Leben auf der Erde unmöglich machen. Zugleich wird immer offensichtlicher, dass die im Pariser Klimabkommen verabredeten Ziele nicht erreicht werden.

Die Konsequenzen werden hauptsächlich Menschen erleben, die heute jung sind. Und das ist ihnen auch bewusst: Knapp 50 Prozent der jungen Leute weltweit haben Angst vor der Zukunft, das gilt insbesondere mit Blick auf die Klimakrise. Ein großer Teil von ihnen findet außerdem, dass ihre Ängste und Anliegen von der Politik nicht ernst genommen werden.

Junge Menschen stehen inzwischen vor einem gigantischen Scherbenhaufen aus gebrochenen Versprechungen und nicht eingelösten Ankündigungen - und haben die Nase voll davon.

Marc Tawadrous

Was soll man also tun, wenn man weiß, es geht um die eigene Zukunft, aber niemand will einem zuhören? Man fordert Strukturen, Regeln und Vorschriften, die einen selbst schützen. Am besten wären Gesetze, sodass man Verstöße einklagen kann. Hier liegt nämlich der Knackpunkt.

Seit das Klimathema in der öffentlichen Diskussion angekommen ist, überbieten sich Unternehmen, Staaten und Politiker mit Selbstverpflichtungen für den Klimaschutz. Was davon auch wirklich umgesetzt wird, ist meistens nicht viel. Und so sehen die jungen Menschen sich inzwischen vor einem gigantischen Scherbenhaufen aus gebrochenen Versprechungen und nicht eingelösten Ankündigungen stehen - und haben die Nase voll davon. Sie wollen Verbindlichkeit und Fremdverpflichtungen.

Die Familie als Anker in einer undurchsichtigen Welt

Aber der Wunsch nach Verbindlichkeit in der Generation Z lässt sich auch noch mit zwei anderen Entwicklungen erklären. Zum einen wachsen die jungen Menschen in einer Welt auf, die unsicher, instabil und unübersichtlich ist. Überall und dauernd muss man mit Veränderungen rechnen. In der Arbeitswelt, in der besonders für jüngere Arbeitnehmer befristete Arbeitsverträgen die Regel sind, kann man nie sicher sein, auch morgen noch zum Team zu gehören. Mit dem Geld, das älteren Generationen noch locker zum Kauf von Wohnungen oder Einfamilienhäusern reichte, bekommt man heute keine Einzimmerwohnung mehr. Mit der Ausbildung, die einen früher zu sicherem Wohlstand geführt hat, kann man heute auch auf der Straße landen. Alles ist ungewiss, morgen können schon ganz andere Bedingungen herrschten als heute. Für junge Menschen ist das besonders hart, da die meisten gerade aus der absoluten Sicherheit kommen: der Familie.

 Kinder, die die Autorität ihrer Eltern vor allem als positive Stütze und nicht als abzuschüttelnde Zumutung wahrgenommen haben, tun sich schwer, wenn sie es mit zu viel Freiheit zu tun bekommen.

Marc Tawadrous

Noch nie zuvor hatten Kinder und Eltern eine so starke und gute Bindung. Die Shell-Jugendstudie fand heraus, dass 2019 knapp 42 Prozent ein sehr inniges und besonders gutes Verhältnis zueinander hatten, vor knapp 20 Jahren waren es noch 31 Prozent. Ein mindestens gutes Verhältnis haben heute 92 Prozent. Die Eltern sind für viele junge Menschen wie ein verlässlicher Freund und Ratgeber, der in allen Lebensbereichen Unterstützung und Sicherheit zugleich bietet. Beginnt man seinen individuellen Weg, verlässt man das Elternhaus und macht sich auf ins Neue, fehlen diese gern gehabten Grenzen und Strukturen – und der Wunsch wächst, dass auch das ganze Neue möglichst sicher und ordentlich sein möge. Man könnte sagen: Kinder, die die Autorität ihrer Eltern vor allem als positive Stütze und nicht als abzuschüttelnde Zumutung wahrgenommen haben, tun sich schwer, wenn sie es mit zu viel Freiheit und Unsicherheit zu tun bekommen.   

Rassismus und Diskriminierung verstehen sie einfach nicht

Auch in gesellschaftlichen Debatten über Polizeigewalt, Rassismus, Diskriminierung oder Gleichberechtigung finden sich ähnliche Motive. Blickt man beispielsweise auf die Bewegungen Black Lives Matter oder #Metoo, sieht man, dass diese meistens von sehr jungen Menschen getragen werden. Ziel ist eine gerechtere Gesellschaft, die durch härtere Regeln und Strukturen entstehen soll. Man will eine Studie zu Rassismus in der Polizei, man will Meldezentren für Polizeigewalt, man will paritätisch geführte Unternehmen und mehr Kontrolle und Strafe für übergriffige Männer. Wieder erkennt man ein Selbstschutz-Motiv. In einer Welt, in der die Jungen und Schwachen benachteiligt sind, können nur feste Regeln eine annähernd faire Gemeinschaft garantieren.

Besonders junge Menschen unterstützen die sozialen Bewegungen wie Black Lives Matter oder #Metoo
Besonders junge Menschen unterstützen die sozialen Bewegungen wie Black Lives Matter oder #Metoo

© REUTERS/Hannibal Hanschke

Dieser Wunsch zeigt auch ein neues Verständnis von der Welt und den Menschen. Die Generation Z ist in der liberalsten aller Zeiten aufgewachsen. Generationen vor ihnen haben für die Gleichberechtigung der Geschlechter gekämpft, gegen Rassismus und für mehr soziale Gerechtigkeit. Aufgrund dieser Errungenschaften wuchs die Generation Z in einem Umfeld auf, das viel mehr als je zuvor von Gleichberechtigung durchzogen war.

Das macht sie gleichsam überempfindsam für jeglichen Hauch von Ungerechtigkeit. In den Sozialwissenschaften wird deshalb auch die Generation Z oft als „moralischste“ Generation beschrieben, die es bis jetzt gab. Und als eine, die eben deshalb extrem irritiert und aufgebracht reagiert, wenn sie Diskriminierungsprobleme irgendwo zu erkennen meint. Auch deshalb fordert sie klarere Regeln und Strukturen. Die Generation Z will die Welt für sich verständlich machen.

Besonders für Jugendliche und junge Erwachsene hat die digitale Welt mehr Strukturen, Sicherheiten und Freiheiten als die „analoge“ Welt.

Marc Tawadrous

Allein im digitalen Raum findet diese Mentalität, die sich nach Begrenzungen sehnt, ihre eigenen Grenzen. Wenn Staaten oder die Unternehmen versuchen, den digitalen Raum zu regulieren, stößt dies meist auf Ablehnung. Sichtbar war das bei den großen Protesten gegen die Reform des EU-Urheberrechts, das 2019 knapp eine halbe Millionen junger Menschen in ganz Deutschland auf die Straße trieb. Was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, ergibt auf den zweiten durchaus Sinn.

Die Generation Z ist mit dem Internet und allem, was sich darin abspielt, aufgewachsen. Besonders für Jugendliche und junge Erwachsene hat die digitale Welt mehr Strukturen, Sicherheiten und Freiheiten als die „analoge“ Welt. Sie haben sie sich meist ohne Hilfe und Anleitung Erwachsenen selbst erschlossen und finden sich entsprechend gut und selbstverständlich darin zurecht. Ein Eingriff in dieses digitale Umfeld bedeutet auch einen Eingriff in das einzige, das sich für junge Menschen sicher anfühlt.

Das Nebeneinander von möglichst unbegrenzten Freiheiten in der digitalen Welt und möglichst klaren Regeln für die analoge spiegelt letztlich nicht nur eine Werteverschiebung wider. Es macht auch klar, wie fundamental sich die Lebensrealitäten der Generation Z von denen ihrer Vorgänger unterscheiden. Sie sind in zwei Welten zuhause – und sie scheinen ein gutes Gespür dafür zu haben, welche von beiden eine Neustart-Taste hat und welche nicht.

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