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Neue Familien, neue Konflikte

© Illustration von Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Wenn Eltern neue Partner finden: Familie als Flickwerk

Im Fernsehen ist Patchwork lustig-bunt, im echten Leben dagegen oft an der Grenze des Erträglichen. Das gilt besonders für die Kinder. Ansichten eines Betroffenen.

Meine Familie zerbrach an einem Sonntagmorgen, kurz vor dem Frühstück. Mein Vater rief meinen Bruder und mich ins Schlafzimmer. „Ich trenne mich von Mama“, sagte er. Tränen flossen. Obwohl wir mit neun und zwölf Jahren gar nicht so genau verstanden, was da gerade passierte.

An diesem Tag zogen dichte Wolken über dem Elternhaus auf, die alles eintrüben sollten, was zuvor das vertraute Zusammenleben ausgemacht hatte. Familie, das war fortan eine Erzählung aus der Vergangenheit. Auch wenn wir in Zukunft zwei haben sollten.

Im Jahr 2000 lag die Scheidungsrate bei 50 Prozent

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erreichte die Anzahl an Scheidungen in Deutschland einen neuen Höchststand. Im Jahr 2000 ließen sich 194 408 Ehepaare scheiden – meine Eltern waren eines davon. 13 Jahre hielt eine Ehe damals im Durchschnitt, 13 Jahre hielt sie auch bei ihnen. Für uns Kinder mag es sich angefühlt haben wie ein großes Einzelschicksal, doch tatsächlich war es einfach nur der Zeitgeist. Die Scheidungsrate lag bei 50 Prozent.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum des Modells Ehe schien endgültig überschritten. Und damit die Idee der Kernfamilie. An die Stelle von Mama-Papa-Kind(er) tritt immer häufiger die Patchworkfamilie.

An ihr lässt sich auch etwas über die gesellschaftlichen Anforderungen an das moderne Individuum ablesen – und darüber, warum ein gemeinsamer Haushalt noch lange kein neues Zuhause ist.

Eine Patchworkfamilie ist eine um Dauer bemühte Lebensgemeinschaft, in die mindestens einer der Partner mindestens ein Kind aus einer früheren Partnerschaft mitbringt, wobei das Kind bzw. die Kinder zeitweise auch im Haushalt des jeweils zweiten leiblichen Elternteils leben kann bzw. können.

Gert H. Döring, Familientherapeut

Es ist ein hässliches Determinativkompositum, das Generationen von Scheidungskindern als Stempel aufgedrückt wird. Eine Patchworkfamilie „ist eine um Dauer bemühte Lebensgemeinschaft, in die mindestens einer der Partner mindestens ein Kind aus einer früheren Partnerschaft mitbringt, wobei das Kind bzw. die Kinder zeitweise auch im Haushalt des jeweils zweiten leiblichen Elternteils leben kann bzw. können“, schreibt der Familientherapeut Gert H. Döring. Diese Definition umfasst somit Verheiratete, nichteheliche Lebensgemeinschaften, aber auch Paare mit getrennten Haushalten. Die meisten Kinder aus Patchworkfamilien sehen beide leiblichen Elternteile regelmäßig.

Früher gab es das nur nach dem Tod eines Elternteils

Früher hieß das mal Stieffamilie. „Stief“ leitet sich vom althochdeutschen Begriff für „hinterblieben“ oder „verwaist“ ab. Denn über Jahrtausende bildeten sich solche Familienkonstellationen nur beim Tod eines Elternteils. Ein weitverbreitetes Schicksal.

In Europa lag die Lebenserwartung noch um 1820 bei lediglich 36 Jahren. Jede 200. Gebärende starb, Männer kehrten oft nicht aus Kriegen zurück. In modernen Stieffamilien leben meist beide Elternteile noch. Und doch beginnt ihre Geschichte oft mit einem kleinen Tod.

Geschätzt jeder zehnte Haushalt mit Kindern in Deutschland ist heute eine Patchworkfamilie. Sie ist das dritthäufigste Modell nach der Kernfamilie und dem alleinerziehenden Elternteil. Der Begriff der Patchwork Family ist dabei ein Scheinanglizismus. Wie Handy, Oldtimer oder Smoking wird das Wort in seiner deutschen Funktion im Englischen kaum verwendet. Da heißt es stepfamily, blended family oder bonus family.

Patchwork im Sinne von Nähwerk gibt es in beiden Sprachen

Das Bild des Patchworks, im Sinne von Flickwerk hingegen, existiert in beiden Sprachen als Fachbegriff aus der Textilbranche. Dabei werden Fetzen aus Filz, Leder, Pelz, Leinen oder Baumwolle zu einer geschlossenen Fläche vernäht. Meist sind es Reste verschiedener Materialien, aus denen neue Konstellationen geschaffen werden.

Bunt wie ein Flickenteppich. Das ist das allgemein verbreitete Bild der Patchwork-Familie, wie es in den beliebten Serien „Modern Family“ oder „Bonusfamilie“ dargestellt wird. Flippig, aufregend und abwechslungsreich.

Auch die demonstrative Instagram-Idylle prominenter Patchworkfamilien wie die von Demi Moore und Bruce Willis, Heidi Klum und Tom Kaulitz oder des norwegischen Kronprinzenpaar Mette-Marit und Haakon scheinen das große Abenteuer zu versprechen.

Und noch ein Mann.
Und noch ein Mann.

© Sanjin Strukic/PIXSELL/dpa

Doch im Gegensatz zum Stoff wird ein Mensch nur dann genäht, wenn er eine Wunde erlitten hat. Die Geburtsschmerzen jeder Patchworkfamilie sind Verlust und Verletzungen: die beendeten Partnerschaften, das zerbrochene Elternhaus, das Verlassen des gewohnten Umfeldes.

Es ist eine Konstellation der Ungleichzeitigkeit: Die erwachsenen Partner wagen den Schritt des Zusammenziehens meist in einer Phase der Verliebtheit. Für Kinder hingegen sind die Umbrüche von Unsicherheiten, Trauer und Verlustängsten geprägt. Inmitten des familiären Schlachtfelds, das ihre Eltern hinterlassen haben, sind sie die Pioniertruppen, die Behelfsbrücken zwischen ihren neuen Existenzen errichten müssen. Ohne zu wissen, auf welchem Ufer sie selbst Halt finden sollen. Wo gehöre ich hin, wem darf ich was sagen, wann darf, soll, kann ich wie sein?

Sie wollte nicht hören, wie gut es ihm geht. Er wollte nicht hören, wie schlecht es ihr geht.

Hannes Soltau über die Eltern nach der Trennung

Mein Vater kam mit einer Freundin der Familie zusammen. Im Haus meiner Kindheit blieb die verlassene Mutter zurück, er aber zog mit Partnerin und deren Kindern in ein neues Heim. Wir dazwischen. Ein dauerndes Wechselbad. Hier Wut und Verzweiflung, dort die Leichtigkeit eines neuen Lebens. Sie wollte nicht hören, wie gut es ihm geht. Er wollte nicht hören, wie schlecht es ihr geht. Die neue Partnerin wiederum wollte nicht das Gefühl haben, dass sie eine Familie zerstört haben könnte.

Was soll ein Kind anderes empfinden als Schuld, wenn es die sichtlich trauernde Mutter zurücklassen muss. Oder Scham, weil man nur wenige Minuten später und ein Dorf weiter mit den Kindern der neuen Lebenspartnerin spielen soll? Der Nachwuchs droht in solchen Konstellationen zu Laufboten und Mediatoren zwischen den Fronten zu werden, zum Ausgleichgewicht auf einer Waage. Stets bemüht, die familiäre Balance im Gleichgewicht zu halten.

Bei Patchwork prallen zwei Familiensysteme aufeinander

Vielen Trennungskindern bleibt das erspart, sie haben einen festen Wohnort. Doch auch ein Haushalt ist kein Garant für ein neues Zuhause. Patchworkfamilien gehören zu den komplexesten Verwandtschafts- und Beziehungsgeflechten der Menschheit. Schließlich prallen zwei Familiensysteme mit unterschiedlichen Werten, Regeln und Ritualen aufeinander.

Deutsche Literaten prägten über Jahrhunderte das Bild der bösen Stiefmutter. Als Störerin der Familienharmonie ist sie ein beliebtes misogynes Motiv in Märchen. Die Goldmarie aus Frau Holle wird von ihrer Stiefmutter verachtet. Auch Aschenputtel leidet in ihrer Patchworkfamilie, bis ein Prinz sie erlöst. Hänsel und Gretel werden auf Druck der neuen Frau des Vaters im Wald ausgesetzt.

Und Schneewittchens Stiefmutter setzt aus Eifersucht gar einen Jäger auf sie an. Sie ist das schlechthin Böse, das getrieben von Eifersucht und Raffgier den Gegenpart zur liebevollen Mutterfigur bildet. Die Analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung sah in ihr gar die Ausprägung eines Mutterarchetyps mit zerstörerischen Zügen. Unter dem Schlagwort „Aschenputtel-Effekt“ verhandelt die Wissenschaft seit Jahrzehnten die Frage, ob Kinder in Patchworkfamilien ein höheres Misshandlungs- und Sterberisiko haben.

Nein, Patchwork-Familien sind in der Regel nicht die Hölle, als die sie in Märchen erscheinen. Viele in meinem persönlichen Umfeld und auch ich haben Fürsorge, Solidarität und gegenseitige Verantwortungsübernahme erlebt. Und doch spiegeln sich in diesem Modell des neufamiliären Miteinanders die oft überfordernden gesellschaftlichen Ansprüche an das moderne Subjekt wider.

Gemeinsamkeit wird flüchtig, Treue schwindet

Der amerikanisch-britische Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem Buch „Der flexible Mensch“, dass durch die ökonomischen Herausforderungen unserer Tage Aspekte wie Treue und Verantwortungsbewusstsein ebenso rückläufig seien wie die Fähigkeit, auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten oder langfristige Ziele im Auge zu behalten. Es gebe flüchtigere Formen von Gemeinsamkeit, den omnipräsenten Anspruch der Flexibilität und Anpassungsbereitschaft.

Das vorherrschende Gefühl sei dabei die Unsicherheit, die auch durch die Anforderung erzeugt werde, jederzeit den Wohnort wechseln zu können, wenn es der Job verlangt. Es ist die große Angst vor der Austauschbarkeit, die Sennett zufolge in Hilflosigkeit, Instabilität und Verunsicherung mündet.

Das neue Zusammenwachsen wird zum Verrat am verlassenen Elternteil

Auch die Patchworkfamilie ist nicht vor der Logik der Konkurrenzgesellschaft gefeit, wie Jugendpsychologen beobachten. Aus Sicht eines Scheidungskindes kann eine neue Lebensgefährtin durchaus eine Widersacherin sein, die die heilige Sphäre der Familie zerstört hat.

In quälenden Loyalitätskonflikten wertet es das Zusammenwachsen einer Patchworkfamilie zudem oft als Verrat am außerhalb stehenden Elternteil. Laut einer Untersuchung bezeichnen nur die Hälfte der Kinder in Patchworkfamilien den Stiefelternteil im Haushalt als Familienmitglied.

Wer darf nun wen sehen, wo und wie lange? Wer gehört eigentlich zum Haushalt?

Es werden Reviere abgesteckt und Zimmer verteilt. Entscheidungsbefugnisse und Zuständigkeiten müssen zwischen den erwachsenen Partnern neu ausgehandelt werden. Von Fernsehzeiten bis zu Ernährungsidealen gilt es den Erziehungsstil über mehrere Haushalte hinweg zu koordinieren. Dadurch drohen Patchworkfamilien zweckbestimmter und nüchterner zu kommunizieren. Umso mehr gilt das in Coronazeiten: Wer darf nun wen sehen, wo und wie lange? Wer gehört eigentlich zum Haushalt? Was ist, wenn die neue Partnerin des Vaters nicht auf soziale Kontakte verzichten will, aber die leibliche Mutter des Kindes zu einer Risikogruppe gehört? Im Pragmatismus fortwährender Aushandlungsprozesse kann die Aura des Familiären schnell heruntergedimmt werden.

Hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Solidaritätskonflikten.
Hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Solidaritätskonflikten.

© imago/photothek

Dies soll kein Plädoyer für traditionelle Vorstellungen von Ehe und Kernfamilie sein. Lange Zeit waren sie ein heteronormatives und patriarchales Gefängnis, oft geprägt von Gewalt gegen Frauen und ihrer ökonomischen Abhängigkeit. Für Kinder kann es durchaus besser sein, wenn die Eltern neue Partnerschaften eingehen, statt eine permanente Atmosphäre des Streits aufrechtzuerhalten. Doch Menschen sind keine Stofffetzen, die sich beliebig kombinieren lassen. Familie sein, einen Haushalt bilden, das bedeutet in allen Konstellationen vor allem eines: emotionale Arbeit.

Therapeuten gehen davon aus, dass es sieben Jahre dauert, bis eine Patchworkfamilie zusammenwächst. Bei uns dauerte es sieben Jahre, bis sie zerbrach. Die zwei Hälften, die einst bemüht waren, sich zusammenzufügen, haben schon lange keinen Kontakt mehr. Als hätte die gemeinsame Zeit nie existiert.

An einem Freitagmorgen, kurz nach dem Frühstück, trat meine Familie wieder zusammen. Im Jahr 2019 heirateten 416.360 Paare. Meine Eltern waren eines von ihnen. Wie viele Ex-Ehepaare die Wiederheirat wagen, darüber gibt es keine gesicherten Zahlen. „Die wenigsten“, sagte die Standesbeamtin. Nur mein Bruder und ich wohnten der Zeremonie bei. Vier Haushalte, eine Familie. Am Abend der Hochzeit gingen wir eingehakt durch die Straßen. Die Laternen warfen die langen Schatten unserer Körper vor uns auf den Asphalt. Verbunden durch dünne Striche unserer Arme. Fast sah es so aus, als seien wir zusammengenäht.

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