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© Illustration: Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Feminismus in umkämpften Zeiten: Schönsein kann auch schön sein

Die Formen weiblicher Lust am Leben sind vielfältig. Frauen sollten sie sich weder von der Genderfront noch von der Werbung diktieren lassen. Ein Essay.

Von Melanie Möller

Es ist gut drei Jahre her, dass die Manchester Gallery durch eine Sexismus-Debatte ins Gerede kam. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte die Kuratorin Clare Gannaway dort das bezaubernde Bild entfernt, auf dem der zu den Präraffaeliten rechnende Maler John William Waterhouse ins Bild setzte, wie halbnackte, lüsterne Nymphen den jungen Hylas, einen Favoriten des Hercules, ins tödliche Wasser ziehen. Erst der Protest gegen diese Zensur führte dazu, dass das Ganze zu einem performativen Experiment verklärt werden und das Bild an seinen angestammten Platz zurückkehren konnte.

Was hatte die Anhänger der Cancel Culture auf den Plan gerufen? Natürlich das als misogyn gedeutete Frauenbild: Frauen als halbnackte Lustwesen, betrachtet durch des Malers notgedrungen männlichen Blick. Dass hier einem jungen Mann Gewalt angetan wird, blieb eine Fußnote. Vergewaltigende und mordende Frauen passen eben nicht ins Bild. Noch dazu verbirgt sich hier ein provozierendes Klischee, das schon in der Antike bedient wurde:

Dem Mythos zufolge behauptete der Seher Teiresias, Frauen seien das frivolere Geschlecht und kämen beim Sex mehr auf ihre Kosten. Darüber lässt sich streiten. Der verwegene Mann, der übrigens sein Geschlecht wechseln konnte, wurde von einer wutenbrannten Göttermutter Hera mit Blindheit bestraft; auch in der Geschichte von Hylas und den Nymphen scheint diese Tendenz angelegt.

Nur pandemiebedingte Lethargie?

Vor allem aber werden auf dem Gemälde Erotik und weibliches Begehren mit traditionellen Parametern von Attraktivität verschränkt. Dafür gibt es zwar in breiten Teilen der Gesellschaft, nicht jedoch in der gebildeten Öffentlichkeit einen rechten Platz: Immer wieder liest man begeisterte Befunde darüber, wie die pandemiebedingte Lethargie oder die Folgen der #Me-Too-Bewegung dazu geführt hätten, dass eine beachtliche Zahl von Frauen sich nicht mehr um ihre Attraktivität schere.

So zählte neulich Jennifer Wiebking im „FAZ“-Magazin „unser gesteigertes Desinteresse am eigenen Äußeren“ zu den „schöneren Nebenwirkungen der Corona-Zeit“. Das bedient die altbekannte Angst vor einem „Fluch des Ästhetischen“, das mit normativen Vorstellungen operiert. Als alternatives Ideal wird „body positivity“ gepriesen: Alles kann schön sein, vor allem auch das nicht der Norm Entsprechende, Nachlässige, nicht traditionell als weiblich Markierte. Der Kampf der biologischen und sozialen Geschlechter hat hier eine weitere Arena aufgetan.

Diese Gleichgültigkeit gegen den eigenen weiblichen Körper und seine Wirkung befördert auch den Boom der Unisex-Toiletten an einigen Institutionen. Wer um Himmels Willen könnte etwas dagegen haben, wenn es für die Bedürftigen auch diese Variante gibt? Am wenigsten wohl Frauen, die sich noch daran erinnern, wie oft sie, um der bierbedingten Schlange vor den Toiletten der Geschlechtsgenossinnen zu entgehen, auf die Männertoilette ausgewichen sind. Dort war es selten voll und die Gefahr, in flagranti entdeckt zu werden, allemal geringer als an den Rändern einer Fußgängerzone.

Entzauberung versteckter Gesten

Dass die Zahl der Orte wächst (man betrachte nur das Berliner Ensemble), wo ausnahmslos alle dazu gezwungen sind, diese geschlechtsneutralen Zonen aufzusuchen, ist grotesk. Es grassiert die Angst vor Zuschreibungen, mit der Folge, dass jeder überall hin vordringen und alles hören und sehen kann; vor allem auch wie die Damen (und Herren), die das mögen, ihren Lippenstift oder Lidstrich nachziehen.

So werden auch diese versteckten Gesten entzaubert, wo sie doch der großen Diversitätsfeier die Show stehlen. Darüber hinaus scheint angesichts dieser topmodernen generischen Mischung kaum noch jemand Übergriffe zu fürchten. Von wegen, wenn man die Statistiken befragt.

Die Aufgabe eines solchen Schutzraums ist also einerseits von Widersprüchen geprägt, passt aber andererseits gut zum politischen Aktivismus, wie er sich derzeit nicht nur im akademischen Milieu beobachten lässt: Aus Frauenbeauftragten, die noch bis vor Kurzem von manch einem belächelt und als überflüssig empfunden wurden, sind mir nichts, dir nichts, Diversitätsbeauftragte geworden, ganz als ob das einerlei wäre: Eine für alle, alle für einen!

Protest vernimmt man selten von den opferbereiten, mitfühlenden Frauen. Und wenn sich doch welcher regt, verhallt er ungehört oder wird im Keim erstickt: Ob man beziehungsweise frau denn in Kauf nehmen wolle, dass anders Gesinnte sich unwohl fühlten? Sogar von „Traumatisierungsgefahr“ ist da bisweilen die Rede.

Häufig sind (jüngere) Männer an dieser Front besonders aktiv und haben die besten Gründe parat: Niemand dürfe zu einem „Outing“ gezwungen werden – eine bequeme Gelegenheit für die Engagierten, die lästigen Maßnahmen zur Frauenförderung wieder loszuwerden. Denn wo geschlechtliche Unterschiede durch immer kleinteiligere Ausdifferenzierung vorsichtshalber nivelliert werden, da gibt es auch für echte Kerle keine Nachteile mehr.

Exzesse einer akademischen Blasenwelt

Auch an der Genderfront sind diese Männer ganz vorne zu finden: Den Stern pflegen sie so liebevoll ein wie den immer populärer werdenden Slash, das Bestreben also, „biologische“ Geschlechter in der Sprache überhaupt nicht mehr sichtbar zu machen: Liebe/r Karin Mustermann; „Gewinner und Verlierer*innen“. Dergleichen wird als gesellschaftlicher Fortschritt, der Sprachwandel als natürlich verkauft. Dabei ist es doch gerade mal ein paar Jährchen her, dass weibliche Anreden sich neben den männlichen zu etablieren begannen. Und schon drohen sie wieder zu verschwinden.

Nun mag man sagen, es handle sich allenfalls um die Exzesse einer akademischen Blasenwelt. Das belegen auch entsprechende Umfragen; gleichwohl ist die politische Strahlkraft dieser machtbewussten Minderheiten im eigenen Lager nicht zu unterschätzen. Ruckzuck sind Gesetze da, die zunächst nur als Empfehlungen daherkommen, doch bald schon Sanktionen bei Nichteinhaltung ankündigen. Das führt nicht nur zu einer spezifischen Art von Spaltung der Gesellschaft in Ideal und Wirklichkeit, sondern bringt auch Frauen aus der Mitte an deren Ränder zurück.

Es ist dringend an der Zeit, dagegen zu steuern, bevor die Verhältnisse schlimmer sind als in den 1950er Jahren, weil sie mit den diensteifrigen neuen Männern die falschen Freunde haben: Chauvinist:en im Schafspelz! Vielmehr sollten sich Frauen überall – wieder, jetzt erst richtig – in den Vordergrund drängen. Nicht zuletzt die, die gerne als „Cis-Frauen" tituliert werden, die also dezidiert Frauen sein und als solche auch körperlich sichtbar bleiben wollen: nicht nur auf der Straße und in den Medien, im Beruf und in der Familie, sondern auch in Politik und Bildungswelt.

Ist erotische Ausstrahlung dabei ein Störfaktor? In den Worten der Schauspielerin Lilith Stangenberg kürzlich in der „Zeit“: „Warum darf eine Frau nicht supersexy sein?“ Das knüpft an die Unterschriften-Aktion um Catherine Deneuve vor einiger Zeit im Zuge der #Me-Too-Debatte an, in welcher sich Frauen dagegen verwahrten, Erotik aus ihrem Leben zu verbannen und sich wie „Kinder mit Engelsgesicht, die nach Schutz verlangen“ behandeln zu lassen.

Platzhirsche und Cis-Frauen

Natürlich waren und sind Frauen auch Opfer; natürlich fühlen sich einige von ihnen geborgen in einer als diverser empfundenen Welt. Doch gibt es eben auch Frauen, die überhaupt keine Probleme mit Männern haben, nicht mal mit alten weißen. Und auch nicht mit anderen Frauentypen oder Trans-Menschen, solange diese nicht einen Teil der eben angeführten Räume für sich allein beanspruchen und zu Platzhirschen werden, wie es früher vornehmlich Männer waren. Frauen, die sich als „Cis-Frauen“ behaupten, nehmen auch Opfern nichts weg, sondern stärken diese.

Sie sehen politisch in den Sturm geratene Frauen wie Annalena Baerbock nicht automatisch als Opfer überzogener, männerdominierter Ansprüche. Ihnen ist es durchaus möglich, im als „Macho-Parlament“ stigmatisierten Abgeordnetenhaus das Wort zu führen. Und manchmal können diese Frauen auch im wahren Leben sogar richtig böse sein wie die Nymphen um Hylas auf dem mythisch inspirierten Gemälde.

Die Vielfalt an Typen ist auch unter Frauen immens. Es wäre fatal, eine von nicht wenigen Frauen besonders gerne und aus Überzeugung gespielte Rolle – die der selbstbewussten femme ohne Berührungsängste – noch weiter zurückzudrängen oder sogar zu verbannen aus der schönen neuen Welt. Denn dieser Frauentypus steht in besonders enger Verbindung zur Wirklichkeit, wie sie auch die Medien – vor allem das World Wide Web – die Werbung, die Musik in Bild und Ton, nicht zuletzt die Menschen auf der Straße verkörpern, sie können dafür sorgen, dass die Schere am Ende nicht allzu weit auseinanderklafft und die beachtlichen Erfolge der letzten Jahre in sich zusammenstürzen wie Kartenhäuser.

Auf den einschlägigen Kanälen geben ja nicht ohne Grund Make-up-Bloggerinnen und Style-Youtuberinnen den Ton an. Dort ist vergleichsweise wenig zu sehen von der Welt geschlechtsloser Anonymität und Emanzipation von Äußerlichkeiten, auf die manch eine nicht „reduziert“ werden möchte. Auch Frauen geben im Netz häufig gefakte Infos über das eigene Selbst preis, die sich an traditionellen – gerade auch äußerlichen – Standards orientieren. Laut der stets besorgten Zuckerberg-Schwester Donna fassen wir darin eine der vielen messbaren Folgen männlicher Dominanz im Netz. Auch dies ist eine logische Folge der Opferperspektive auf Frauen in einer Welt, die die Unterschiede zwischen Schein und Sein verschwimmen lässt.

Das heißt konkret für Frauen: Sie werden in diesen wie in anderen Medien, nicht zuletzt auch in Kunst und Literatur, in erster Linie weiterhin als Opfer oder als Identifikationsfiguren für Befindlichkeiten missbraucht und damit in ihrer Freiheit und Vielfalt eingeschränkt. Vielmehr sollten Frauen alle Rollen ausfüllen oder wenigstens akzeptieren können, die sie wollen, ob diese nun mit ihrem biografisch dokumentierbaren Selbst zu tun haben oder nicht.

Zu diesen möglichen Rollen gehört neben der der hochgebildeten Akademikerin, die ein feines Gespür für die Ungerechtigkeiten dieser Welt auf allen denkbaren Ebenen entwickelt hat und sich von geschlechtlichen Zuschreibungen verabschieden möchte, auch jene der Youtube-Influencerin oder eben der barbusigen Nymphe, wie sie sich der Maler John William Waterhouse vorgestellt hat.

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