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© Illustration: Tagesspiegel/Suse Grützmacher

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Abstandsgesellschaft, Distanzunterricht, Geistervorlesung: Was unser Wortschatz über uns verrät

Natürlich kann man von Sex auch auf Deutsch singen, sagt Annette Klosa-Kückelhaus. Die Sprachforscherin über Kreativität in der Krise, den Sinn des Gendersterns und zeitlose Flüche

Annette Klosa-Kückelhaus, 54, leitet den Bereich „Lexikographie und Sprachdokumentation“ beim Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Dort sichtet, sammelt und beschreibt die promovierte Germanistin neue Wörter.

Frau Klosa-Kückelhaus, Sie sammeln für das Institut für Deutsche Sprache neue Wörter. Seit dem Beginn der Corona-Krise sind es bereits mehr als 1000. Welche sind Ihnen besonders aufgefallen?
Sehr viele Wörter haben etwas mit Sicherheit zu tun: „Abstandsgesellschaft“, „Distanzunterricht“, „Geistervorlesung“. Mir persönlich gefallen Begriffe, die etwas Spielerisches haben, „Maskne“ zum Beispiel, also die Akne, die man durch eine Maske bekommt. Oder Wörter, die sich reimen, oder die alliterieren, wie „Schniefscham“. Das zeigt, dass auch in so einer blöden Krise die Leute findig sind und Ideen haben.

Wer erfindet eigentlich neue Begriffe?
Die Sprachgemeinschaft als Ganzes: Politiker, Wissenschaftler, Journalisten, Menschen im Alltag. In einer Arztpraxis hörte ich jüngst „Muschu“ und dachte: Was sagen die da? Die Arzthelferin meinte, „Mundschutz“ sei ihr zu umständlich.

© Gestaltung: Tagesspiegel/Suse Grützmacher

Wie viel Leute müssen „Muschu“ sagen, damit der Ausdruck als im Sprachgebrauch angekommen gilt?
Wenn man mehrere Dutzend Belege in Pressetexten findet, dann hat sich das schon ganz gut verbreitet. Bis wir ein Wort ins Wörterbuch aufnehmen, warten wir aber ein paar Jahre. Manche Schöpfungen sind sehr kurzlebig.

Für was hat es nicht gereicht?
„Sahnefußball“ zum Beispiel oder das aus der Jugendsprache stammende „Bro“. Das höre ich ständig auf der Straße: „Ey Bro, wie geht’s?“ Medial ist das kaum nachzuweisen. Das bleibt gruppensprachlich oder auf eine bestimmte soziale Schicht bezogen. Auch wenn etwas nur in einem bestimmten Dialekt zu finden ist, nehmen wir es nicht auf.

Annette Klosa-Kückelhaus leitet den Bereich „Lexikographie und Sprachdokumentation“ beim Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.

© Foto: A. Trabold, IDS

Sind es immer Krisen, die neue Wörter erschaffen?
Allgemein große Umbrüche. Mit der industriellen Revolution brauchte es neue Begriffe für alles, was mit Elektrizität und Massenproduktion zu tun hat. Später kam die Digitalisierung: Großrechner, Personal Computer, Laptops, Smartphone, Tablet … Da lässt sich linguistisch die ganze Entwicklung nachvollziehen. Der Mauerfall brachte Wendehals, Mauerspecht, Ossi, Wessi. Ganz neu sind in den Sozialen Medien entstandenen Begriffe, die Mimik ersetzen. „LOL“ zum Beispiel.

Ist die Abkürzung für „laughing out loud“ wirklich ein Wort?
Warum nicht? Es gibt auch andere Begriffe, die nur aus den Erstbuchstaben bestehen: LKW, AKW …

Ticket Counter, Public Viewing, Social Distancing. Täuscht das, oder wird Deutsch wirklich immer internationaler?
Diese Internationalismen sind kein einheimisches Phänomen. Die gibt es unter anderem auch im Kroatischen oder Niederländischen. Sie sind schlicht ein Zeichen für unsere globalisierte Welt. Viele Begriffe stammen aus dem Englischen, weil die USA immer noch die Leitkultur für den Westen sind. Aber neue Wörter können von überall einwandern. „Karaoke“ zum Beispiel, das stammt aus dem Japanischen.

 Privat reden und schreiben die Menschen auch in Frankreich wie sie wollen.

Annette Klosa-Kückelhaus

In Frankreich achtet die Académie française penibel darauf, die Sprache von fremden Einflüssen frei zu halten. Finden Sie das sinnvoll?
Früher haben sprachpflegerische Gesellschaften auch hierzulande versucht, Wörter einzudeutschen. Sicher ist das erfolgreich, was die offizielle Sprache angeht und die Presselandschaft, aber privat reden und schreiben die Menschen auch in Frankreich wie sie wollen.

Wie spüren Sie die neuen Wörter überhaupt auf?
Wir haben riesige, digital aufbereitete Textsammlungen am Institut, wo vor allem Mediensprache reinfließt, aber auch Romane oder Protokolle von Landtagssitzungen. Momentan sind da mehr als 40 Milliarden Wortformen drin, also sehr, sehr viele verschiedene Wörter in ihren ganzen flektierten Formen. Wir können nun entweder ein einzelnes Wort eingeben und schauen, wie oft das auftaucht. Oder wir werten aus, welche Wörter in einem bestimmten Jahr im Vergleich zu den fünf Jahren davor statistisch signifikant deutlich häufiger vorkommen. Die ersten 1000 Treffer aus dieser Auswertung schauen wir uns zweimal im Jahr gezielt an. Es kann sein, dass da irgendein Fußballername vorkommt. Das sortieren wir dann wieder raus, Interessantes kommt auf die Beobachtungsliste. Darüber hinaus bekommen wir auch Hinweise von außen. So haben wir zum Beispiel „Parklet“ gefunden, also Freiflächen im Straßenraum, wo früher Parkplätze waren, oder „Wechselunterricht“.

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Haben Sie selbst schon mal ein Wort erfunden?
In meiner Familie wurde immer „Quadratte“ statt Krawatte gesagt, das hatte meine Schwester geprägt. Meine Begabung liegt nicht im Schöpfen von Wörtern. Vielleicht bin ich da einfach berufsblind. Meine Kreativität lebe ich lieber beim Nähen aus.

Die deutsche Lexik umfasst geschätzte 500.000 Wörter, der englische rund doppelt so viele. Ist das Englische kreativer?
Ich denke, da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Wenn man die ganzen Fachwortschätze oder die Dialekte dazurechnen würde, käme man im Deutschen auch auf größere Summen.

Wie viele von den 500.000 benutzen wir denn?
Einen Bruchteil. Wir schätzen, dass ein durchschnittlicher Deutscher im Leben zwischen 25.000 und 40.000 Wörtern aktiv verwendet. Das hängt natürlich von der Bildung ab und den Fremdsprachenkenntnissen. Aber der passive Wortschatz ist natürlich größer. Wenn man in einem Text ein neues Wort liest, versteht man es ja trotzdem.

Wächst unser Repertoire eigentlich ständig oder stirbt für jede neue Bezeichnung eine alte?
Auf dem Wortfriedhof landen viel weniger Wörter als neue dazu kommen, was auch daran liegt, dass vermeintlich tote Begriffe jederzeit wiederbelebt werden können. Wir sagen heute eher „Teenager“ als „Backfisch“, aber wenn „Ku’damm 56“ ins Fernsehen kommt, dann taucht der Begriff als Zeitkolorit wieder auf. Oft sind das Moden. „Party“ war in den 50ern beliebt, in den 70ern sagte man „Fete“, das klingt heute total altbacken, man sagt wieder „Party“.

Welche Wörter sind wirklich ausgestorben?
Verben wie „einpaschen“ oder „nonen“ gelten als tot. Die bedeuteten „einschmuggeln“ und „Mittagsruhe halten“. Aber es ist sehr schwer festzustellen, ob die wirklich niemand mehr versteht.

Warum gibt es bestimmte Ausdrücke nicht, zum Beispiel für das Gefühl, nicht mehr durstig zu sein?
Offensichtlich besteht da keine Notwendigkeit. Dafür spricht auch die Tatsache, dass das vor einigen Jahren dafür kreiert Wort „sitt“ sich bis heute nicht durchgesetzt hat.

Gestaltung: Tagesspiegel/Suse Grützmacher

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„Über Sex kann man nur auf Englisch singen, all zu leicht kann es im Deutschen peinlich klingen“, haben Tocotronic mal behauptet. Ist unsere Sprache wirklich so unsinnlich?
Für mein Empfinden nicht. Zum einen gibt es eine Vielzahl von Wörtern, die etwas mit den Sinnen zu tun haben. Und die Tatsache, dass „Weltschmerz“, „Wanderlust“ oder „Fernweh“ als Lehnwörter Einzug in andere Sprachen gehalten haben, spricht dafür, dass viele Deutsche vielleicht doch sehr gefühlvolle Menschen sind.

International genießt Deutsch trotzdem den Ruf als Sprache, die sich vor allem für bellenden Befehlston eignet: „Schnitzelsauerkrautzackzack!"
Klar gibt es Sachen wie „Strumpf“, wo wir haufenweise Konsonanten und nur in der Mitte einen armen kleinen Vokal haben. „Kirschschorle“ ist phonetisch gesehen auch ein ganz schlimmes Wort. Aber wir haben doch nicht nur hart klingende Konsonanten und hässliche Zischlaute. Es gibt viele weiche Konsonanten wie in „Sahne“, „sinnlich“ und „Schlaf“, es gibt „l“ und „m“ ...

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Lässt sich Schönheit in der Sprache tatsächlich linguistisch definieren?
Es gibt Versuche. Untersuchungen zeigen, dass Sprachen wie das Italienische mit vielen hellen, offenen Vokalen wie „a“ und „o“ und wenigen Konsonanten wie „k“, öfter als wohlklingend empfunden werden. Das gilt auch bei Vornamen.

Also das Kind besser Anna nennen, nicht Christine?
Naja, das sollte schon jeder selbst entscheiden. Schönheit bleibt im Ohr des Einzelnen.

Welche Sprache würden Sie gerne beherrschen?
Italienisch natürlich.

Ich würde behaupten, man kann auf Deutsch alles: Opern singen, rappen, twittern.

Annette Klosa-Kückelhaus

Wenn Sinnlichkeit nicht das Problem ist: Was kann man im Deutschen wirklich nicht gut?
Ich würde behaupten, man kann auf Deutsch alles: Opern singen, rappen, twittern, Hashtags kreieren. Ein Manko ist vielleicht, dass wir sehr komplexe Satzgefüge haben und schnell lange Wörter bilden.

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Mark Twain ätzte: „Manche deutschen Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann“. Prädestiniert das das Deutsche für etwas?
Man kann sich wissenschaftlich sehr differenziert ausdrücken, weil man sehr genau definieren und spezifizieren kann. Das liegt auch an dem Kompositionsprinzip, das einem erlaubt, Wörter zu kombinieren. Denken Sie mal an Farben: „zitronengelb“ ist etwas ganz anderes als „quietschgelb“ oder „goldgelb“. In bestimmten Wissenschaften wie der Philosophie wird deshalb bis heute sehr viel auf Deutsch publiziert.

Ausländer amüsieren sich auch gern über unsere Direktheit. Berühmt ist die „Anti-Baby-Pille“. Ist Deutsch so pragmatisch, weil wir so sind, oder denken wir pragmatisch wegen der Sprache?
Wahrscheinlich geht das Hand in Hand. Wenn man immer mit solchen Begriffen konfrontiert ist, prägen sie das Denken, und dann werden wiederum entsprechende Wörter gebildet. Gleichzeitig gibt es in der Gegenwartsliteratur und Poesie aber auch neuen Wortschatz, der überhaupt nicht pragmatisch ist. Ulla Hahn, eine Schriftstellerin, deren Umgang mit Standardsprache wie Dialekt ich sehr bewundere, spricht zum Beispiel davon, dass man „Gedichte inwendig lernen und auswendig sagen“ solle, wobei „inwendig“ selbst eine sehr sprechende Wortschöpfung ist und die ganze Formulierung lyrische Qualität hat, indem sie auffällt und zum Denken anregt.

Das Russische und Polnische kennt viel mehr Fälle. Fehlt dem Deutschen da etwas?
Ich weiß nicht, ob man von fehlen reden kann. Wir denken ja zum Beispiel auch, wir hätten viele Verwandtschaftsbezeichnungen. Es gibt aber Kulturen, da wird differenziert, ob jemand die Tante von Mutter- oder Vaterseite ist. Das ist zum Beispiel wichtig in Bezug auf das Erbrecht. Im Vietnamesischen ändert sich die Anredeform mit dem Alter. Und dann gibt es Sprachen wie das Indonesische, in denen Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit nicht mit der Verbform ausgedrückt werden.

Streit, wie die Leute sprechen sollen, gab es schon immer

Annette Klosa-Kückelhaus

Klingt kompliziert.
Für uns. Universell betrachtet ist ja nur entscheidend: Funktioniert das? Und wenn die Sprache den Kommunikationsbedürfnissen einer Gesellschaft dient, ist die Frage, was fehlt, irrelevant.

Diese Bedürfnisse scheinen sich jedoch gerade zu wandeln, wie anhand der Debatten um den Genderstern sichtbar wird.
Ja, da gibt es definitiv eine gesteigerte Sensibilität. Deshalb sagen viele Leute jetzt „Geflüchtete“ statt „Flüchtlinge“, weil sie Letzteres als verkleinernd und herabwürdigend empfinden. Dann nach Alternativen zu suchen, ist sinnvoll. Genauso sinnvoll wie eine Sprech- und Schreibweise zu finden, die alle Menschen einschließt, wenn man akzeptiert, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Im institutionellen Kontext gebrauchen wir das Sternchen inzwischen und überlegen auch, wie sich das auf unsere Arbeit auswirkt. Nimmt man Wörter auf wie „Lehrer“ und „Lehrerin“, oder muss da nicht irgendwann „Lehrer*in“ stehen? Aber Streit, wie die Leute sprechen sollen, gab es schon immer.

© Gestaltung: Tagesspiegel/Suse Grützmacher

Ja?
Vor den 68ern und der sexuellen Revolution stand ein Wort wie „ficken“ in keinem Wörterbuch, obwohl die Leute das natürlich benutzt haben. Da sehen wir uns heute als Dokumentare und nicht mehr als Erzieher. Wir fragen uns eher, wie wir die Begriffe dann beschreiben. „Ehepaar“ können wir nicht mehr einfach mit Mann und Frau und fertig erklären. Sprache entwickelt sich eben mit der Veränderung der Welt. Protest regt sich oft, weil wir mit dem Wandel nicht zurechtkommen. Das ist auch okay. Ich komme mit Mitte 50 auch nicht mit allem klar, was die Jüngeren heute machen.

Was stört Sie da?
Meine Tochter ist jetzt 21 und hat einen Hang, wenn sie mit Gleichaltrigen redet, eine Mischsprache aus Deutsch und Englisch zu sprechen. Da frage ich mich schon, warum und denke gleichzeitig: Was regst du dich auf? Es ist das ganz normale Phänomen, dass junge Menschen vor allem anders sprechen wollen als die älteren.

Frau Klosa-Kückelhaus, 2014 kürte der Deutsche Sprachrat „Habseligkeiten“ zum schönsten Wort. Grober Unfug! Das schönste deutsche Wort lautet natürlich …
… „Liebchen“. Meine Tochter war immer mein Liebchen.

Welche Bezeichnung fehlt uns?
Ein Wort, das die vielen Familienkonstellationen, die wir heute haben, bezeichnet. „Patchworkfamilie“ klingt nach Flickwerk und „Regenbogenfamilie“ geht in eine ganz bestimmte Richtung.

Der beste Fluch?
Immer noch „Scheiße“. Das kann man mit einer Vehemenz sagen, das ist zeitlos.

Und das wichtigste deutsche Wort?
Zuversicht!

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