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Zwischen Hotelkomplexen ragen die Betonpilze hervor. So richtig beachtet sie jedoch niemand.

© Joshua Kocher

Kommunismus für Touristen: Albaniens geheime Bunker

170 000 Schutzräume ließ der albanische Diktator Enver Hoxha bauen – je einen für vier Menschen. Heute scheint es, als ob niemand sie sehen will.

Ferienzeit in Albanien. Ohne Gnade brutzeln die bereits verbrannten Körper, die sich dicht an dicht und in den verschiedensten Rottönen leuchtend auf den zahllosen Liegestühlen am Strand von Durres verteilt haben. Es riecht nach Sonnenmilch und Frittiertem.

Auch an der kilometerlangen Promenade von Albaniens beliebtester Küstenstadt ist das Gedrängel groß. Und täglich bringen Hunderte vollbesetzte Busse und Autos neue Besucher ans Mittelmeer. Die Hauptstadt Tirana liegt nur rund 35 Kilometer entfernt.

Doch nur wenige Schritte abseits der Promenade, unter einer dicken, etwa eineinhalb Meter hohen Betonkuppel, ist es gespenstisch still und stockfinster. Tageslicht scheint nur durch ein kleines Guckloch in den zwei Meter tiefen Schacht hinab. Die Öffnung nach außen ist kaum mehr als einen Meter breit. Aber durchpassen sollten ohnehin nur zwei Köpfe und zwei Maschinengewehre.

Seit mehr als 20 Jahren verfällt der halbrunde Bunker zwischen den Ferienanlagen. Müll hat sich knietief darin gesammelt. Chipstüten, Bierflaschen, Zigarettenstummel. Vor dem Eingang türmt sich der Sand zu einer Düne auf und lässt das rostige Stahlgerüst, das unter der Mauer zum Vorschein kommt, teilweise verschwinden. Hätte nicht ein Anwohner eine Satellitenschüssel auf die Kuppel geschraubt, würde der Bunker zwischen den Strandbars, Hotels und Einkaufsläden völlig untergehen.

Fast scheint es, als wollten die Leute die Bunker nicht sehen.

Dabei sind sie das sichtbarste Erbe der kommunistischen Epoche des südosteuropäischen Landes, die erst 1990, fünf Jahre nach dem Tod des „großen Führers“ Enver Hoxha, abgeschlossen war.

Die Bevölkerung hat wenig Interesse an der Aufarbeitung ihrer Geschichte

Ende der 1970er, Anfang der 1980er ließ Hoxha aus Furcht vor einem Angriff aus dem Ausland das gesamte Staatsgebiet von mausgrauen Betonbauten überziehen. Sie waren gerade so hoch, dass ein normalgewachsener Mensch aufrecht darin stehen konnte. Für je vier Bewohner war ein Bunker geplant, landauf, landab. Errichtet wurden nicht ganz so viele. Die Schätzungen liegen zwischen 150 000 und 200 000. In offiziellen Papieren ist von etwas mehr als 170 000 die Rede. Die Mühe gemacht, sie wirklich zu zählen, hat sich jedoch noch niemand.

Die Bunker, die Diktator Hoxha in den 70er und 80er Jahren in Albanien auf dem Land und in Städten errichten ließ, verfallen heute.

© imago/imagebroker/strigl

Wie wenig Interesse die Bevölkerung an einer Aufarbeitung ihrer Geschichte hat, zeigen die Umstände der Eröffnung der Ausstellung „Bunk’Art 2“ in Tirana. Nachdem sich 2016 immer deutlicher abzeichnete, dass die Initiatoren inmitten der Hauptstadt, direkt neben der Fußgängerzone, einen Bunker rekonstruieren wollten, war der Aufschrei groß. „Viele waren nicht glücklich damit“, erzählt Gazi Sadiku, als er vor der Betonkuppel steht. Mehrere Einwohner hätten versucht, den Bunker mit Hämmern einzureißen. Sogar Feuer habe jemand gelegt.

Sadiku ist in den 1980er Jahren unter kommunistischer Herrschaft aufgewachsen, kam durch ein Geografiestudium nach Detroit und führt nun Touristen durch die Stadt, denen er mit seinem breiten amerikanischen Akzent von der Vergangenheit des Landes berichtet. In den Räumen unter der Fußgängerzone lassen visuelle Animationen Soldaten aufmarschieren, Kinder können in Haushaltsgegenständen Wanzen des Geheimdienstes aufspüren.

„Was wollt ihr denn mit den hässlichen Teilen?“

Nur ein paar Bunker werden für Kunstausstellungen benutzt.

© J. Kocher

Hoxha regierte das Land zwischen 1944 und 1985 und errichtete einen Staat, den die Einwohner heute mit Nordkorea vergleichen. 1967 erklärte der Diktator Albanien dann auch noch zum „ersten atheistischen Staat der Welt“ – die Religionsausübung war fortan verboten. Trotz der relativ unbedeutenden internationalen Rolle des Landes befürchtete das Regime von Tag zu Tag einen atomaren Angriff. Die paranoide Isolationspolitik des Herrschers versetzte das ganze Land in ständige Angst.

Reist man heute durch Albanien, begegnen einem die Bunker überall. Sie stehen entlang der Grenzen zu Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Griechenland, in entlegenen Gebirgsregionen der steinigen albanischen Alpen, in den staubigen Hinterhöfen der Städte, oder, wie in Durres, am Strand. Allerdings stechen sie kaum ins Auge, ein Großteil ist überwuchert oder fällt zunehmend in sich zusammen.

Erkundigt man sich nach den Bauten, erntet man Unverständnis und Ablehnung. „Was wollt ihr denn mit den hässlichen Teilen?“, fragt eine gebückte ältere Bäuerin im Bergdorf Theth. Ja, was will man damit? Was tut man damit? Auf privatem Gelände macht sich manch einer daran, die massiven Betonbauten mit dem Vorschlaghammer zu zerlegen – eine Knochenarbeit. Andernorts schlafen Obdachlose in den Bunkern, Bauern benutzen sie als Heuspeicher. Die Regierung schlug vor, größere Anlagen zur Pilzzucht zu nutzen.

Eine Planlosigkeit, die auch bei vielen anderen Überresten des Kommunismus im Land vorherrscht. In der Hauptstadt Tirana zum Beispiel kaufte der Staat das ehemalige Wohnhaus Hoxhas, nachdem dessen Familie weggezogen war. Seitdem steht es leer. Es wird zwar geputzt und in Stand gehalten, doch ein Museum, das die Zeit des Schreckensregimes aufarbeitet, ist nie daraus geworden.

Fotografieren ist verboten

Meist sind es Nichtregierungsorganisationen, die sich um Aufarbeitung bemühen. Wie im Falle des Projekts Bunk’Art.

Der Weg zu „Bunk’Art 1“, einer bereits 2014 eröffneten Ausstellung im größten Regierungsbunker des Landes, ist mühsam. Aus der Stadtmitte geht es mit dem Linienbus bis ans Ende eines Tunnels, der auf ein verlassenes, staubiges Armeegelände führt. Fotografieren ist verboten, auf dem geteerten Weg liegen selbst im Sommer noch die orangefarbenen, verfallenen Blätter des vergangenen Herbstes. Im rechten Ohr surrt penetrant der Maschinenraum der Seilbahn, die nahe des Geländes hoch auf den Mount Dajti, den Hausberg der Hauptstadt fährt.

Die kleinen Betonkuppeln ragen überall aus dem Boden, sogar zwischen Hotels und Einkaufsläden.

© J. Kocher

Ein rostiges Kinderkarussell quietscht im Wind. Beim Durchschreiten der drei dicken Türen, die erst aus Beton, dann aus Stahl bestehen, werden die Besucher mit den Tönen einer plätschernden Dekontaminationsdusche begrüßt. Aus den Tiefen des fünfstöckigen Bunkers heult eine Atomsirene. Vorbei an Hoxhas Zimmer mit holzgetäfelten Wänden, den Offiziersräumen und den Schlafsälen führt der Weg bis ganz hinunter in einen Kinosaal mit rotgepolsterten Sesseln – zur Bauzeit das einzige Kino auf albanischem Staatsgebiet.

Was mit den übrigen Schutzanlagen geschehen soll, bleibt unklar

Je tiefer man in das Gewirr der Gänge auf 2585 Quadratmetern eindringt, desto kälter und ungemütlicher wird es. Auf den kleinteiligen Hinweistafeln, die entlang des Wegs die Wände säumen, wird detailliert die Geschichte des Landes von der italienischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg bis zur Ära des Kommunismus erzählt. Dem Bau der unzähligen Bunker wird jedoch nur wenig Raum geboten.

Was mit den übrigen Schutzanlagen geschehen soll, bleibt unklar. Es gibt kreative Vorschläge, doch durchgesetzt hat sich keiner davon. Das Projekt mit dem bisher größten öffentlichen Interesse war „bed&bunker“, bei dem elf albanische und zehn deutsche Architekturstudenten einem Bunker im Küstenort Tate ein neues Leben schenken wollten. Treibende Kraft war Iva Shtrepi, die in ihrer Diplomarbeit die Idee hatte, einige Anlagen zu Hostels umzugestalten. Doch als die Betten gebaut, die Stromleitungen gelegt und eine Tür eingesetzt war, platzte das Projekt. Einen Tag vor der Eröffnung: Nach mehreren Zwangspausen am Bau, wiederkehrenden Stromausfällen und vielen tausend investierten Euro, seien die Nachbarn im Umkreis unbeeindruckt geblieben und hätten mitgeteilt, dass die Studenten hier nicht erwünscht seien.

Jetzt lagert wohl wieder Stroh in der Anlage.

Reisetipps für Tirana

Zwei Leute samt Bewaffnung sollten darin Platz finden. Zum Einsatz kamen die Verteidigungsanlagen nie.
Zwei Leute samt Bewaffnung sollten darin Platz finden. Zum Einsatz kamen die Verteidigungsanlagen nie.

© Joshua Kocher

Hinkommen

Air Serbia fliegt meist an drei Tagen die Woche von Berlin für 175 Euro über Belgrad nach Tirana. Ein Shuttlebus vom Flughafen ins Zentrum kostet 250 Leke (rund zwei Euro).

Unterkommen

Das Xheko Imperial Hotel könnte genauso gut in Wien stehen und protzt vor allem bei Nacht mit einer beleuchteten Außenfassade (Doppelzimmer ab 120 Euro). Günstiger sind die zahlreichen Ferienwohnungen in der Stadt (ab 20 Euro).

Rumkommen

Die Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist zuverlässig. Busfahrten sind besonders günstig, das Geld wird erst nach der Abfahrt direkt im Bus eingesammelt.

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