Ayurveda ist keine Verbotskultur

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Ayurveda am Wannsee : Der Mann, der aus der Kälte kam
Andreas Wenderoth
Yogaübungen entlasten spürbar die Gelenke.
Yogaübungen entlasten spürbar die Gelenke.Foto: Anne Schönhartin

Das gelingt überraschend gut und ohne Hungergefühl. Vorausgesetzt, ich habe ausreichend pflanzliche Eiweiße (vor allem in Form von Mungbohnen) zu mir genommen. Nach wie vor gibt es allerdings gewisse Synchronisierungsschwierigkeiten mit dem Speise- und Schlafplan meiner Freundin, die zwar weitgehend mitmacht, sich aber nicht ihr Sozialleben vorschreiben lassen möchte von einem Mann, der spätestens um 22 Uhr ins Bett gehen will.

Und das zweimal in der Woche auch noch mit einem Öleinlauf.

Außerdem stressen mich nach wie vor das Zubereiten der Mahlzeiten und die korrekte Auswahl der Nahrungsmittel. Oft stehe ich schon nach dem Frühstück am Herd. Für den Fall, dass ich beruflich unterwegs bin, habe ich mir ein Thermosgefäß gekauft.

Christian Keßler rät, die Sache weniger streng anzugehen. Wenn ich die neue Lebensweise zu verbissen betriebe, würde genau das entstehen, was wir zu vermeiden trachten: Stress – und der gilt als Vata-provozierend.

Außerdem sei Ayurveda ja keine Verbotskultur. Ich solle das Ganze als großes Buffet betrachten, von dem ich mich nach meinen Möglichkeiten bedienen könne. Wenn ich etwa die Hälfte der Verhaltensvorschläge berücksichtige, sei das bereits sehr gut.

Meine Haut ist glatter, die Schmerzen sing weg

Da mir aber nach wie vor die Routine fehlt, mache ich einen Ayurveda-Kochkurs, in dem mir gleich das Pflaumen-Chutney anbrennt. Aber ich lerne. Mein täglich Brot ist nun Khichadi, ein bekömmliches Gericht aus gespaltenen Mungbohnen und Basmatireis, das man wunderbar mit gedünsteten Gemüsen kombinieren kann.

Nach etwa sechs Wochen komme ich mit Zeitplanung und Kochdiensten allmählich besser zurecht. Der Stress, den ich mir selbst gemacht habe, fällt ab, und ich spüre so etwas wie einen kleinen Energieschub.

Meine Haut ist glatter geworden, ich habe keinerlei Verdauungsbeschwerden mehr. Die Fingernägel scheinen etwas fester zu sein, und die Schmerzen, die ich zu Beginn der Behandlung noch in den Fingergelenken hatte, sind verschwunden.

Die Region um das linke Hüftgelenk, in der ich normalerweise ein mehr oder weniger starkes Druckgefühl spüre, hat sich deutlich entspannt. Und die Ellenbogenentzündung, die sich zufällig zu Beginn der Ayurveda-Kur eingestellt hatte, ist verflogen.

Dafür hatte mir Christian Keßler eine Blutegelbehandlung verordnet, mit durchschlagendem Erfolg: Drei Tage, nachdem ich den Verband gelöst hatte, der die Nachblutungen der winzigen Bisswunden stoppen soll, sind die Schmerzen verschwunden.

Vielleicht gibt es ja einen Kompromiss

Inzwischen, nach zwei Monaten Ayurveda, bin ich zwar noch nicht so weit, ein abschließendes Urteil fällen zu können. Aber ich habe sehr viel über meinen Körper und über mich selbst gelernt. Ich bin eingetaucht in eine Kultur, die ich als plausibel und wohltuend empfinde. Auch wenn ich mich mit dem Befolgen ihrer Regeln nach wie vor etwas schwertue.

Auch ist der feste Rhythmus der Mahlzeiten nur begrenzt vereinbar mit meinem Sozialleben: Gemeinsame Essen mit Freunden beginnen ja selten vor 20 Uhr. Zu dem Zeitpunkt muss ich, ayurvedisch betrachtet, schon bald wieder ans Schlafen denken.

Vielleicht gibt es ja einen Kompromiss. Ich habe mir vorgenommen, die festen Zeiten etwas lockerer zu handhaben, wohl aber den Ernährungsempfehlungen zu folgen, wann immer es möglich ist. Ich will eine Reihe von falschen Gewohnheiten aufgeben. Etwa die Entheiligung meiner Mahlzeiten durch Herunterschlingen oder Beiläufigkeit.

Dass mir Meditation guttut, wusste ich schon vorher. Dass ich sie vor Jahren irgendwann aufgegeben habe: eigentlich unverzeihlich. Aber zum Glück umkehrbar. Die Yogaübungen, die ich erlernt habe, entlasten meine Gelenke spürbar, damit werde ich weitermachen. Und wenn es wirklich mal schlimmer kommen sollte, weiß ich ja jetzt, wo ich Blutegel erhalte.